Pfarrer klagen an: «Es ist wieder salonfähig, gegen Schwule zu schimpfen»

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Pfgarrer Sebastian Rückel lebt mit einer alleinerziehenden Frau und deren zwei Kinder unter einem Dach (CH Media)
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Pfarrer Ursus Waldmeier ist seit 20 Jahren Pfarrer in Aarau. Seine Homosexualität sei in dieser Gemeinde nie ein Thema gewesen (CH Media)

Er habe bereits als Kind gewusst, dass er homosexuell veranlagt ist. «Aber in der bäuerischen Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, konnte man nicht darüber reden.» Ursus Waldmeier trägt einen Ring mit einem Kreuz darauf. Dieses besteht aus kleinen schwarzen Steinen.

«Als Kind sagte man mir, dass Männer, die so denken, aufhören würden damit, sobald sie eine richtige Freundin haben. Und ich habe es geglaubt.» Ursus Waldmeier heiratete eine Frau und wurde Vater von vier Kindern. Heute ist er knapp 64 Jahre alt und reformierter Pfarrer in Aarau.

Seit 20 Jahren ist er hier, seit knapp zwölf Jahren ist er in einer Beziehung mit einem Mann. Er habe sich an einem bestimmten Punkt in seinem Leben eingestanden, dass er die Homosexualität nicht mehr länger vor sich selber verleugnen und vor anderen verbergen könne.

«Ich habe mich dann bei meiner Frau geoutet und wir liessen uns scheiden.» Es gebe sehr viele schwule Männer, die ihre Homosexualität unter dem Deckmantel einer Ehe nebenbei ausleben. «Das wollte ich nie.»

Homosexualität ist noch lange nicht akzeptiert

Hier in Aarau sei sein Outing kein Problem gewesen, weil man ihn in der Kirchengemeinde kannte. Ursus Waldmeier wollte allerdings für die letzten zehn Amtsjahre noch einmal die Kirchgemeinde wechseln. Dies sei unmöglich gewesen, weil er seine Homosexualität immer von sich aus angesprochen habe:

«Wenn ich meine Homosexualität erwähnt habe, bemerkte ich, dass der Laden runterging. Da sieht man einfach, dass es unter den Leuten überhaupt noch nicht akzeptiert ist.» Er kenne schwule Pfarrer, die eine neue Stelle antraten und ihre sexuelle Orientierung verheimlichten.

Waldmeier versteckt sich nicht. Es sei selbstverständlich, dass sein Partner bei Kirchenanlässen dabei sei. Auf sein Outing habe er nur wenige negative Reaktionen bekommen, meist biblisch begründet: «Eine Frau schrieb mir: Pfui Herr Pfarrer. Mit Ihnen will ich nichts mehr zu tun haben.»

«Schwule Säue»

Dabei habe er die Frau nicht einmal gekannt. Waldmeier lacht herzlich: «Da habe ich gesagt: Ist mir doch egal.» Nicht egal sei ihm, dass Homophobie wieder verstärkt vorkommt: «Es ist wieder salonfähig, gegen Schwule zu schimpfen.»

Es sei auch schon passiert, dass er mit seinem Partner Hand in Hand spazierte und ein Auto neben ihnen anhielt: «Das waren junge Männer. Sie liessen die Scheibe runter und riefen «Schwule Säue». «Man glaubt es nicht, aber es ist so.»

Es sei wichtig und richtig, dass sich der Aargauer Kirchenrat sowie der Schweizerische Evangelische Kirchenbund für die «Ehe für alle» auf zivilem und kirchlichem Weg ausgesprochen haben: «Das trägt die Botschaft in sich, dass wir uns nicht abkapseln von dieser Welt. Dass wir uns als Teil der heutigen Moderne verstehen.»

Gleiche Pflichten, aber nicht gleiche Rechte

Es sei an der Zeit, dass homosexuelle Paare dieselben Rechte hätten wie heterosexuelle: «Dass die Ehe für alle kommen muss, ist für mich selbstverständlich», sagt Waldmeier. Das eigentliche Problem sei ein anderes: Homosexuelle Paare können sich in der Schweiz zwar verpartnern lassen.

Obwohl sie mit einer eingetragenen Partnerschaft nicht die gleichen Rechte haben wie ein Ehepaar, werden verpartnerte homosexuelle Paare aber auf dieselbe Weise steuerlich benachteiligt. Ihre Einkommen werden analog zur Eheschliessung addiert, worauf sie mehr Steuern zahlen müssen.

Er will heiraten

«Mein Partner und ich haben uns deswegen dagegen entschieden. Und ich kenne viele junge heterosexuelle Paare, die genau aus diesem Grund nicht heiraten.» Sollte die sogenannte Heiratsstrafe abgeschafft und die Ehe für alle eingeführt werden, würden er und sein Partner ohne weiteres heiraten.

Im Herbst, kurz bevor der Kirchenbund die Einführung der «Ehe für alle» empfohlen hat, bildete sich unter reformierten Pfarrern ­— auch unter Aargauern — Widerstand.

Gegner gleichgeschlechtlicher Ehen argumentierten damit, die Ehe unter gleichgeschlechtlichen Paaren sei ein Bruch mit der Bibel. «Das sind alttestamentliche Argumente, die man ausgräbt und versucht, sie eins zu eins auf die heutige Situation zu übertragen. Ein typischer Kurzschluss», sagt Waldmeier.

Gegner der Ehe für alle argumentieren mit der Bibel

Es gebe in der Bibel ein paar Sätze, die man auf schwule Männer übertragen könne: «Wenn Mann beim Mann liegt, ist es vor Gott ein Gräuel», zitiert Waldmeier. Als er sich outete, habe er bewusst nach ähnlichen Sätzen gesucht:

«Da steht auch: Wenn eine Frau Männerkleider trägt, ist es vor Gott ein Gräuel», schmunzelt Waldmeier. «Das heisst, heute dürften Frauen keine Hosen tragen.» Man dürfe keine biblischen Kurzschlüsse ziehen: «Das ist auf die heutige Zeit überhaupt nicht übertragbar.»

Kritiker verschliessen die Augen vor der heutigen Situation

Mit der Bibel gegen die Ehe für alle zu argumentieren, sei lächerlich, so Waldmeier: «Jakob hatte vier Frauen. Wenn ein Mann eine unfruchtbare Frau hatte, durfte er eine weitere Frau haben. Es ging ums Überleben.» Trotzdem käme heute niemand auf die Idee, die Polygamie wieder einzuführen.

Auch die Frage danach, ob homosexuelle Paare mit der Einführung der «Ehe für alle» auch Zugang zu Adoption und Fortpflanzungsmedizin hätten, sei obsolet.

Kritiker würden alle die Augen vor der heutigen Situation verschliessen, sagt Ursus Waldmeier: «Nestwärme geben, das können zwei Frauen, das können zwei Männer, das kann eine alleinerziehende Frau und ein alleinerziehender Mann.»

Seine erste Segnung war ein schwules Paar auf dem Comersee

Kirchenwechsel. Oben auf dem Mutschellen empfängt uns in karierten Hosen und Turnschuhen Pfarrer Sebastian Rückel. Mit bayerischem Akzent erzählt der Erstgeborene von Zwillingen davon, wie das erste Paar, das seinen Segen erhielt, ein männliches war:

«Sie hatten sich in einem katholischen Gottesdienst kennen gelernt, ein interessanter Ort, um die Augen schweifen zu lassen», scherzt er. Auf dem Comersee segnete Rückel die Verbindung der beiden Männer, die in Deutschland bereits in einer eingetragenen Partnerschaft lebten und sich nicht von einem katholischen Pfarrer segnen lassen konnten:

«Sie nannten es nicht Hochzeit, aber sie sind beide gläubig, beide katholisch und sie wollten in dieser Form auch den Freunden, die dabei waren, eine Überraschung mitgeben.»

Der Staat muss gleiche Bedingungen schaffen

Die Nachfrage nach kirchlichen Segnungen homosexueller Paare sei nicht gross. Trotzdem sei es wichtig, dass sich der Kirchenrat für die Ehe für alle ausgesprochen hat: «Ich glaube, dass die Kirche damit mehr Akzeptanz schaffen kann.»

Es sei höchste Zeit, dass die Ehe für alle eingeführt wird: «Jetzt müssen wir vorwärts machen. Es liegt alles auf dem Tisch», sagt Rückel. Die Aufgabe der Kirche sei es, zu vermeiden, dass in einer Streitkultur wieder die Keulen ausgepackt würden: «Es wurde jetzt lange genug verteufelt.»

Sebastian Rückel ist 36 Jahre alt, nebst Theologie hat er auch Politikwissenschaft studiert: «Ein Prinzip der Demokratie ist der Schutz und die Gleichstellung von Minderheiten. Bei der Ehe in dieser Form geht es um den Schutz eines Zusammenlebens.»

Der Staat müsse für Homosexuelle die gleichen Bedingungen für ein Zusammenleben schaffen: «Ob die Leute dann eine Ehe eingehen wollen, oder nicht.»

«Ich bin schwul und es ist gut so»

Rückel hat in seiner Kirchgemeinde aufgrund seiner Homosexualität keine schlechten Erfahrungen gemacht, wie er erzählt: «Ich hatte mich für das Bewerbungsgespräch auf die Frage vorbereitet, wen ich mitbringen würde, ob ich Familie hätte. Diese Frage kam dann aber gar nicht.»

Trotzdem ging er offen damit um. Es gebe keinen Grund, seine Homosexualität zu verheimlichen: «Ich bin schwul und es ist gut so.»

Die Eheschliessung zwischen Homosexuellen Paaren sei kein Bruch mit der Bibel, antwortet er Gegnern der Ehe für alle: «Gott schafft den Menschen und dieser bekommt einen Beistand zur Seite gestellt. Dieser wird geschaffen, damit der Mensch nicht alleine ist.»

Im Prinzip gehe es aber darum, jemanden zur gegenseitigen Hilfe zu haben, ob Mann oder Frau: «Die Kernaussage ist doch die, dass der Mensch nicht fürs Alleinsein geschaffen ist.» Egal, ob der Gehilfe oder die Gehilfin gleichgeschlechtlich sei:

«Mein Grossvater hätte Homosexuelle erschiessen müssen»

«Was hilft es mir denn, wenn ich eine Gehilfin habe, die mir überhaupt nicht hilft?» Gegner dürften die Worte in der Bibel nicht nur für Homosexuelle negativ auslegen: «Wer müsste dann alles über die Klippe springen, weil er Ehebruch begangen hat?», fragt Rückel.

Langsam wandle sich etwas in der Gesellschaft: «Mein Grossvater hätte Homosexuelle noch erschiessen müssen, weil er in der Waffen-SS war. Und ich bin jetzt schwul und hatte auch einen jüdischen Freund.» Viele hätten vor unserer Zeit für die Rechte von Homosexuellen gekämpft: «Und wir können jetzt davon profitieren.»

Deshalb, so Rückel, sei es wichtig — sollte die Ehe für alle kommen — diejenigen nicht zu vergessen, die in anderen Ländern wegen ihrer Homosexualität verfolgt oder sogar hingerichtet würden: «Wenn die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt wird, in einem demokratisch vorbildlichen Land wie der Schweiz, dann könnte es eine Ausstrahlung haben.»

Der Pfarrer ist offen für neue Lebensformen

Die Reformierte Kirche sei fortschrittlich, wenn es um Homosexualität geht: «Es gibt in der Schweiz durchaus andere altehrwürdige Institutionen, die scheinbar nie etwas dazugelernt haben.» Er spricht unter anderen die Polizei, das Militär und Sportvereine an.

«Da könnte ich jetzt nicht mitmachen.» Sebastian Rückel hält sehr wenig von der Diskussion, ob homosexuelle Paare überhaupt Kinder haben dürften: «Ich kenne ein Paar, das in Wien lebt und zwei Kinder adoptiert hat. Ich habe selten eine so nette Familie gesehen, auch wenn es eine Familie mit zwei Papas ist.»

Der junge Pfarrer selbst ist offen für neue Lebensformen. «Früher hätte sich niemand vorstellen können, das ein reformierter, schwuler Pfarrer mit einer geschiedenen, alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern zwei Katzen in ungeordneten Verhältnissen in einer WG lebt. Aber so lebe ich.»

Bei eingetragener Partnerschaft ist das Outing zwingend

Gleichstellung Seit 2007 dürfen gleichgeschlechtliche Paare in der Schweiz ihre Partnerschaft eintragen lassen. Trotzdem bestehen zur Ehe einige rechtliche Unterschiede: Im Gegensatz zu einer Heirat ermöglicht eine Verpartnerung zum Beispiel keine erleichterte Einbürgerung für einen ausländischen Partner.

Oder auch eine gemeinschaftliche Adoption ist für Paare in einer eingetragenen Partnerschaft nicht möglich. Roman Heggli, Geschäftsleiter der Schwulenorganisation «Pink Cross» erläutert auch weitere Schikanen: Eine eingetragene Partnerschaft zwinge einen auch dazu, sich zu outen, auch wenn man dies vielleicht nicht möchte:

«Sei es beim Arbeitgeber, bei der Wohnungssuche oder bei der Krankenkasse. Der Zivilstand ‘in eingetragener Partnerschaft’ verrät, dass man homosexuell ist.»

Der Nationalrat berät den Gesetzesentwurf im 2020

Das Partnerschaftsgesetz bilde keinen Ersatz für die Ehe: «Die eingetragene Partnerschaft ist momentan eine Ehe zweiter Klasse und sendet auch genau dieses Signal aus. Das wollen wir nicht länger hinnehmen, sondern endlich die genau gleichen Rechte haben», so Heggli.

Der Gesetzesentwurf wird voraussichtlich in der Frühlingssession 2020 im Nationalrat beraten. Darauf habe Pink Cross seit vielen Jahren gewartet, sagt Roman Heggli: «Die Schweiz ist inzwischen eines der letzten Länder Westeuropas, das die Ehe für alle noch immer nicht eingeführt hat.»

Die Gesellschaft sei bereit, findet Hegi: «Die Ehe für alle wäre ein grosser Schritt in Richtung Gleichstellung und ich hoffe sehr, wir dürfen schon bald das erste gleichgeschlechtliche Ehepaar feiern.»

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