Zeichen der Solidarität sind notwendiger denn je

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Samuel Dietiker, reformierter Pfarrer in Zofingen

Als junger Pfarrer hatte ich in meiner ersten Gemeinde in Frauenfeld die Verantwortung für einen Jugendgottesdienst. Wir planten ihn jeweils als Team. Einmal auch an Weihnachten. Wir hatten die Idee, dass die Besucher Weihnachten richtig erleben sollten. Ein zentrales Motiv der Weihnachtsgeschichte des Lukas in der Bibel besteht ja darin, dass Maria und Josef keine Herberge fanden und das Kind darum in einem Stall geboren wurde. Unsere Idee war: Es könnte ja auch einmal für die Gottesdienstgemeinde kein Raum in der Kirche sein. Der Gottesdienst wurde angekündigt. Aber die Kirche war geschlossen. Wie es ganz genau zugegangen ist, weiss ich nicht mehr. Auf jeden Fall mussten die Besucher vor der Kirche stehen. Es war kalt. Jemand erzählte die Geschichte von den überfüllten Herbergen in Bethlehem und dass Maria und Josef trotz der bevorstehenden Geburt kein Zimmer fanden. Bestimmt kamen auch die Hirten, die draussen bei ihren Herden Nachtwache hielten, vor. Wir hielten eine Besinnung und dachten an alle Menschen, die auch kein Dach über dem Kopf hatten. Menschen auf der Flucht, Menschen in Elendsvierteln.

Dann leuchtete ein Licht auf und wir hörten die Botschaft des Engels: «Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr, in der Stadt Davids. Und dies sei euch das Zeichen: Ihr werdet ein neugeborenes Kind finden, das in Windeln gewickelt ist und in einer Futterkrippe liegt.» (Lukas 2, 11–12, Zürcher Bibel)

Besucher und Besucherinnen konnten dann – sozusagen als Hirtenvolk aus Bethlehem – die Krippe besuchen. Die war dann doch in der Kirche. Es war geheizt. Wir sangen Weihnachtslieder. Vermutlich hielt ich eine kurze Predigt. Das Einzige, was mir klar und deutlich geblieben ist: Ich war enttäuscht von der Feier. Es ist nicht so gewesen, wie wir uns das ausgedacht hatten. Wir hatten bei der Vorbereitung in der Bibel gelesen, dass die Hirten über das Kind gestaunt und dann Gott gelobt und gejubelt hätten. Aber bei uns ist keine Stimmung aufgekommen. Der Feier haftete eine Schwere an. Die Lieder haben nicht fröhlich geklungen. Die Augen haben nicht geleuchtet.

Aus heutiger Sicht ist mir das klar. Das geht so nicht: Besucher in der Kälte stehen lassen, Obdachlosigkeit und Elend thematisieren und kurz darauf eine Freudenstimmung erwarten. Aber es geht noch weniger, bloss zu feiern und dabei Probleme und Not auszublenden. Solidarität mit Menschen am Rand der Gesellschaft gehört zu Weihnachten. Die Weihnachtsgeschichte der Bibel macht deutlich: Gott liegen Benachteiligte und Geschundene am Herzen. Zu ihnen kommt er zuerst. So war die Idee der Weihnachtsfeier vor 30 Jahren in Frauenfeld wohl unausgegoren. Trotzdem passte die betrübte Stimmung auch irgendwie zu Weihnachten. Und Zeichen der Solidarität sind notwendiger denn je.

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