Missbrauch im Kinderzimmer: Erstmalige Auswertung zu Loverboy-Methoden liefert erschreckende Zahlen

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Die sogenannten Loverboy» verführen minderjährige Mädchen, spielen ihnen Liebe vor – und zwingen sie dann zur Prostitution. © CH Media

Es war eine Meldung, die eigentlich gar keine war, publiziert im Fachmagazin «Kriminalistik» Ende November. 27 untersuchte Meldungen von Opfern von so genannten Loverboys, eine ­erste Übersicht der nationalen Lage in der Schweiz. Eine erste wissenschaftliche Annäherung an ein Missbrauchsphänomen, das so perfid ist und so zer­störerisch, dabei aber noch immer so sehr unter dem Radar von Behörden, Eltern und den Opfern selbst durchgeht, dass sich die meisten immer noch die Augen reiben und sagen: Loverboy? Noch nie gehört. Und bei meiner ­Tochter? Hier, in der Schweiz? Sicher nicht.

Ein Loverboy, so sieht es auf den ersten Blick immer aus, ist eigentlich ein ganz netter, anständiger Typ, einer, der nur zwei, drei Jahre älter ist als das meist noch minderjährige Mädchen. Oft ist es die erste Liebe, die erste richtige Beziehung. Das Mädchen verliebt sich, es denkt, du bist mein Partner, dir vertraue ich. Zuerst wird es umgarnt, dann, mit der Zeit und der emotionalen Abhängigkeit, nach und nach vom Umfeld isoliert. Oft trifft es Mädchen, die noch schulpflichtig sind, sich in einer schwierigen Phase befinden, Streit daheim haben oder aus einem instabilen Umfeld kommen. Teenager in der Krise eben. Und der Freund ist dann derjenige, der sie – vordergründig – versteht.

Die Liebe geht über in sexuelle Grenzüberschreitungen, Vergewaltigung, Demütigung, Schläge, Drohungen, Stalking. Mit gedrehten Sexvideos, die anderen Männern geschickt werden. Damit, dass das Mädchen zu Sex mit anderen Männern gezwungen wird. Gegen Geld, das dann der Partner einkassiert. Was nach einer unendlich tragischen Schicksalsgeschichte klingt, die bisher nur fern in Schweizer Ohren klang, weil diese Art von Abhängigkeit sonst vor allem im Bordellmilieu zu finden ist, erreicht nun immer stärker auch Kinderzimmer in Bern, Bülach oder Emmenbrücke. Nachdem die «NZZ am Sonntag» 2018 einen ersten Schweizer Fall publik machte, folgten weitere Schicksale aus Bern – es waren immer die Eltern, die sich in den Medien äusserten, die betroffenen Mädchen sind dazu psychisch oft gar nicht in der Lage.

Opfer liefern Peiniger so gut wie nie ans Messer

Die Studie «Das Loverboy-Phänomen in der Schweiz» der ZHAW, die nun 27 Meldungen der Fachstelle «act212» analysierte, hält denn auch fest, dass in nur einem aller Fälle das Opfer selbst den Schritt wagt, den Missbrauch zu melden. In allen anderen Fällen waren es Angehörige oder Freunde. «Dieses Verhalten ist typisch», sagt Irene Hirzel von «act212». Die Opfer würden so gut wie nie ihren Peiniger ans Messer liefern – aus Liebe und aus Angst. Sie brechen oft über Jahre ihr Schweigen nicht, verraten die Identität des Täters nicht oder decken ihn weiter aktiv – was eine Ermittlung fast unmöglich macht. Tatsächlich wurden innert den vergangenen drei Jahre über 30 als Loverboy-Fälle klassifizierbare Beziehungen gemeldet – doch bis heute hat es in der Schweiz noch keinen einzigen Präzedenzfall gegeben. Keine Anklage. Keine Strafuntersuchung. Keine Fakten auf dem Tisch eines Richters.

Obwohl es sich bei der Loverboy-Masche um eine Mischform von Menschenhandel und Förderung der Prostitution handelt. Und die Polizei von Amtes wegen dazu verpflichtet ist, eine Untersuchung einzuleiten, sobald ein Fall gemeldet wird. Auch wenn das Opfer selbst keine Anzeige erstattet. Dies, weil es sich bei beiden Straftatbeständen um Offizialdelikte handelt. «Doch lange Zeit wurden die Loverboy-Fälle gar nicht als solche erkannt», sagt Irene Hirzel. Sowohl Fachstellen als auch Schule, Erziehungsberechtigte und Polizei hätten die Fälle unter Randalieren, Stehlen, sexueller Missbrauch oder Vergewaltigung abgelegt – und nicht unter Menschenhandel. Und viele denken heute noch: Ah klar, eine leidenschaftliche Liebe. Ein bisschen Abhängigkeit. Das ist eben so, wenn man jung ist. Weil die jungen Frauen verhaltenstechnisch negativ auffielen, rebellierten, dachten Eltern und Lehrer auch oft: Ach, die tut einfach grad dumm. Hängt halt immer am Handy. Zieht sich aufreizend an.

Zu den Fakten:

  • 33 Meldungen mit Verdacht auf die Loverboy-Masche gingen bisher beim Verein «act212» ein.
  • 20 Jahre alt sind die männlichen Täter im Durchschnitt.
  • Kein einziger Fall hat es bisher bis zu einer Anklage geschafft.
  • 15 Jahre alt sind die Mädchen im Durchschnitt, die Opfer eines Loverboys werden.

Klare Anzeichen für Missbrauch

Tatsächlich ist das Verhalten eines geschädigten Opfers anfangs schwer von einem normalen Verhalten eines Jugendlichen zu unterscheiden. Dennoch gibt es klare Anzeichen für einen Missbrauch (siehe Kasten). Erschwerend für eine juristische Verfolgung der Tat kommt hinzu, dass sich die jungen Frauen teilweise selbst strafbar machen – indem sie beispielsweise auf Sexvideos zu sehen sind oder, wenn sie für ihren Freund, der vorgibt, in finanziellen Schwierigkeiten zu stecken, stehlen. Dann kommen sie selbst in die Bredouille: Zeigen sie ihn an, zeigen sie damit auch sich selbst an. Kaum ein Mädchen will diesen Deal eingehen. Lieber versuchen die jungen Frauen, alles zu vergessen und hinter sich zu lassen – oft bleiben sie über Jahre untherapiert und vertrauen sich kaum jemandem an, sagt Hirzel.

Auffällige Häufung der Meldungen im Kanton Bern

Bisher gibt es also weder eine juristische Handhabe, die Opfern von Loverboy-Maschen eine Anzeige erleichtern würde, noch gibt es Konsequenzen für die Täter. Es sei schlicht auf allen Seiten zu wenig über dieses Phänomen bekannt – sowohl auf Seiten der Opfer als auch auf Seiten der Täter. Hirzel sagt:

Zu solchem Verhalten werde man in der Regel angestiftet. Doch wie die Täter vorgehen, ob sie alleine oder in einer Gruppe agieren, wo die Fäden zusammenlaufen und welche Gründe wirklich dahinter stecken, ist weiterhin unklar.

Im Kanton Bern zeigt die Studie eine auffällige Häufung der Meldungen: zwölf an der Zahl, fast die Hälfte aller Fälle – auf die letzten drei Jahre verteilt, geografisch nahe beieinander. Das könnte ein Hinweis auf organisierte Kriminalität sein. «Es bestehen Vermutungen eines Sexrings», sagt Hirzel, fügt aber an: Man habe keine Hinweise, die sich erhärten, die Nachforschungen laufen, bisher aber: zu wenig Evidenz. Es sei auch möglich, dass ein Loverboy mehrere Opfer ausbeutete oder dass die Bevölkerung durch Präventionsarbeit bereits sensibilisierter ist und sich deshalb eher meldet, wenn Verdacht besteht. Die Kantonspolizei Bern sagt auf Anfrage, jedem Fall, der gemeldet wurde, sei nachgegangen worden.

Derweil passieren weiter nicht nur Missbräuche, sondern auch Fehler auf allen Seiten. Ein Fall aus dem Kanton Bern 2019 zeigte jüngst, wie überfordert alle Beteiligten reagierten: Das 16-jährige Mädchen wurde nach drei Jahren Märtyrertum statt in eine psychotherapeutische Traumabehandlung auf die geschlossene Abteilung einer Justizvollzugsanstalt gebracht, weil andernorts kein Platz gefunden werden konnte. Die Täter laufen derweil allesamt frei herum und können das Mädchen in den meisten Fällen jederzeit wieder kontaktieren oder aufsuchen – eine ständige Gefahr, die nie ganz verschwindet.

Keine isolierten Einzelgeschichten, sondern Menschenhandel

Schweizer Mädchen im schulpflichtigen Alter sind am häufigsten betroffen. Das deckt sich mit Ergebnissen aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden, wo einheimische Mädchen die grösste Geschädigtengruppe ausmachten. Die Täter in der Schweiz sind sowohl schweizerischer als auch ausländischer Herkunft, allesamt männlich. Unter den 27 gemeldeten Fällen befand sich auch ein minderjähriges männliches Opfer.

Für Irene Hirzel wäre ein erster Fall vor Gericht ein Segen – sie erhofft sich dadurch mehr Aufklärung und vor allem auch mehr Sichtbarkeit des Pro­blems. «Ja, so etwas gibt’s auch bei uns, in der heilen Schweiz», sagt sie. Man müsse erkennen, dass es keine isolierten Einzelgeschichten sind, sondern Menschenhandel. Man sei schon weit gekommen, viele Stellen sind sensibilisiert, eine 18-köpfige Expertengruppe, zu der auch Mitarbeitende der Bundespolizei Fedpol gehören, arbeitet weiter an nationalen Massnahmen, die ersten Kantone arbeiten an Informationsblättern, letztes Jahr fand die erste nationale Konferenz statt. Das Thema gleitet langsam ans Tageslicht. Für Melanie, Nina und all die anderen Mädchen, die dachten, dass die erste Liebe die schönste von allen sein wird, kommt all das jedoch zu spät.

 

 

Das sind die Warnzeichen

  • Ununterbrochenes Chatten
  • Häufiges Ausgehen
  • Viele Absenzen in der Schule, unstimmige Begründungen, schlechtere Noten
  • Verändertes Verhalten, Rückzug von Eltern und Freunden
  • Plötzlich viel Geld und teure Sachen

Verändertes Verhalten kann auch einfach «normal» fürs Teenageralter sein. Deshalb: Suchen Sie das Gespräch, bleiben Sie wachsam – und achten Sie auch darauf, mit wem die Jugendliche unterwegs ist und ob sich der Partner komisch verhält. Weitere Infos und Hilfe: www.act212.ch. (ami)

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