Der Schlüssel zur Karriere ist Sprache

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Samstagmorgen: Ein kurzer Mailwechsel mit einem Volksschullehrer, der mit Schlussfolgerungen in Artikel und Kommentar zu «Jugend debattiert» (Samstagausgabe) nicht einverstanden ist. Kantonsschülerinnen und -schüler seien eine Bildungselite. Die kann debattieren lernen – SMS-Deutsch von Menschen mit wenig Bildungshintergrund schlecht zu machen, gehe gar nicht. Diese hätten sich die Familie, in die sie hineingeboren wurden, nicht aussuchen können. Zudem: Eine Sprache lebe und entwickle sich. Dieser Punkt ist wichtig. Sprache ist etwas Lebendiges. Will man Sprache erhalten, muss man sie fortentwickeln und darf sie nicht zu etwas Statischem verkommen lassen. Sprache bewahren, heisst nicht Asche konservieren, sondern das Feuer weitertragen.

Thema war auch die Rechtschreibreform. Einig waren wir uns rasch, dass diese nicht in allen Punkten das Gelbe vom Ei war – aber nicht zu einer Verarmung und Verhunzung unserer Sprache geführt hat. Auch ist sie – 1998 umgesetzt – älter als derfür alle erschwingliche Internetzugang.

Viele von uns denken beim Stichwort «Rechtschreibung» an einzelne Wörter, die seit 1998 im Unterricht der Schule Aargau anders daherkommen. Ein Beispiel: Aus plazieren wurde platzieren – was der umgangssprachlichen Logik entspricht. Eine Frage der Rechtschreibung ist aber auch, ob ein Wort klein oder gross geschrieben wird. In der Vergangenheit gab es hier zum Teil spitzfindige Vorgaben. Dann die alten Regeln über Getrennt- und Zusammenschreiben: das reinste Chaos. Kommaregeln: Davon existierten 52, die so gut wie niemand völlig beherrschte. Ein Linguist (Sprachforscher) würde vermutlich die Frage entgegenhalten, was Sprache mit Schreiben zu tun hat. Die Sprache an sich ist keine Kulturleistung. Im Gegensatz dazu das Schreiben, das man erlernen muss – wie Mathematik, Tischmanieren oder Verkehrsregeln.

Sprache – genauer die Fähigkeit dazu – ist angeboren. Nur deshalb ist es möglich, dass ein nach Argentinien adoptiertes Japaner-Kind lupenreines Spanisch lernt, ein erwachsener Argentinier aber nie mehr perfekt Japanisch.

Hunderte von Fernseh-Kanälen, neue Online- und MobileMedien: Lesen scheint zu einem Mauerblümchendasein verdammt zu sein. So widersprüchlich es sich auf den ersten Blick liest: Gerade die neuen Technologien verlangen das Gegenteil und machen das Verstehen von Texten enorm wichtig. Die modernen Kommunikationstechniken sind nichts anderes als Teile eines umfassenden Textsystems. Das Internet ist – trotz Katzenvideos und dergleichen – ein Lesemedium.

Die Inbetriebnahme eines neuen Geräts oder einer neuen Software erfordert die minimale Fähigkeit, den Inhalt der Anleitung zu begreifen. Diesen Anforderungen steht gegenüber, dass ein immer grösserer Teil unserer Bevölkerung Mühe bekundet, kompliziertere Texte wirklich zu verstehen – was explizit auch für Leute meiner Generation gilt. Am Beipackzettel eines Medikaments scheitern heute viele. Was tun? Sprach- und Leseförderung kann nicht nur in der Schule stattfinden, sondern muss auch – aber kaum beeinflussbar – im Elternhaus ein Thema sein. Leider hat ein Kind nach heute geltendem Recht gefälligst dann Freude an der Schriftsprache zu bekommen, wenn es sieben Jahre alt ist – im Kindergarten ist Mundart Pflicht. Dies wollte das Aargauer Volk 2014 so. «Spätzünder» passen ebenso wenig in dieses Schema wie Frühbegabte. Dennoch: Mit dem Erwerb von sprachlichen Fähigkeiten sollte so jung wie möglich begonnen werden.

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