Trostlos: Was bleibt vom Winter ohne Schnee?

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Schnee ist ein besonderer Stoff, er macht süchtig und glücklich, selbst in homöopathischen Dosen. © Imago Images

«Schnee! Ist das wirklich Schnee?» Es ist Sonntagmorgen, meine beiden Söhne stehen verwundert auf dem Parkplatz. Gerade wollten wir losfahren. Doch da liegt eine feine Schicht Weiss auf dem Autodach. Das müsste doch Schnee sein. Sie kennen es noch vom letzten Jahr, aber so sicher sind sie nicht. Dabei warten die beiden seit Wochen auf den Schnee. Ich habe sie vertröstet. Klimawandel, Skiferien, Greta und so. Und nun liegt da unverhofft ein halber Zentimeter Schnee. Nur im Schatten, nur auf kalten Flächen. Wir haben keine Handschuhe an, aber der erste Schneeball fliegt schneller, als ich «einsteigen jetzt!» rufen kann. Wir sammeln den Schnee von den Autodächern, kratzen ihn von Gartenstühlen und Blumentöpfen, wir recyceln unsere Schneebälle dreimal, pappen sie mit eiskalten Händen wieder zusammen. Rares, weisses Glück. Doch nach einer halben Stunde ist da nichts mehr. Wir haben den ganzen Schnee aufgebraucht.

Industrieschnee in der Stadt und Kunstschnee auf der Piste

Der Schnee, er wird zum raren Gut, zur kostbaren Masse. Man braucht gar nicht erst das Klagelied vom Klimawandel anzustimmen, es ist ein Fakt. Der Schnee verschwindet aus dem Flachland. Der Nebel übernimmt, ein ganz schlechter Tausch. Für meine Kinder sind grüne Weihnachten so selbstverständlich wie Haselsträucher, die im Januar blühen. Der Kleine singt im Kindergarten statt «Schnee juhee, i wöt no meh» seine eigene Version: «Es hät kei Schnee, ohjemine», man sollte sie ins offizielle Singbuch aufnehmen. Während man auf dem Jungfraujoch klagt, dass nur noch drei bis vier Meter Schnee fallen, statt 16 Meter wie in früheren Jahren, fällt in St.Gallen, der höchstgelegenen Stadt der Schweiz, Industrieschnee vom Himmel. Eine hässliche Kombination von dichtestem Nebel und zu viel Feinstaub in der Luft.

Doch was bleibt vom Winter, wenn es nicht mehr richtig schneit? Man muss lange in Gedichtbänden suchen, will man Reime finden, welche die Schönheit des Winters preisen, ohne dass darin von der weissen Pracht die Rede ist. Schneelose Winter handeln nur von der Hoffnung, dieser möge bald zu Ende sein. Winter ohne Schnee sind trostlos. Nicht nur für Kinder und Touristiker. Denn Schnee ist ein besonderer Stoff. Einer, der süchtig machen kann. Dieses Gefühl, morgens mit dem Snowboard vor einem unberührten Pulverschneehang zu stehen: Boarders High. Das Krachen und Knirschen, wenn der Schuh die harte Kruste des Schnees bricht: Crystal Myth. Oder das Glitzern, wenn sich das Licht in Millionen Schneesternen bricht, besser als LSD.

 

Und Schnee macht kindlich glücklich. Es gibt im Internet unzählige Videos, wie Erwachsene mit der Zunge Schneeflocken auffangen, wie sie dem Nachbarn in einem Hinterhalt auflauern, um ihn mit Schneebällen zu bombardieren, wie Banker mit flatternden Krawatten im Hyde Park in London auf Plastiksäcken einen Hang hinunterschlitteln. Mein Lieblingsvideo zeigt einen älteren Mann, der in seiner Garageneinfahrt in Südtirol liegt und versucht, auf einem Hauch von Schnee völlig aussichtslos einen Schneeengel zu machen. Ich fühle sehr mit ihm.

Die Metamorphose des Schnees setzt am Boden ein

Wir brauchen den Schnee. Nicht nur, weil er ein teures touristisches Gut ist, unsere Seelen brauchen Schnee. Schnee verkörpert das Leichte und das Schwere. Eine einzelne Schneeflocke wiegt etwa vier Milligramm. Ein Hauch Kälte, kaum auf der Hand gelandet, schon ist ihre sechszackige Schönheit vergangen. Hunderte Kilometer ist sie durch eiskalte Wolken gewirbelt, mit jeder Drehung und Wendung gewachsen, um auf der Erde selbst Physiker zum Staunen zu bringen. Doch aus der symmetrischen Flocke wird, sobald sie den Boden erreicht hat, eine Decke. Die Eiskristalle wachsen zusammen, bilden eine poröse Masse von wechselnder Dichte. Während ein Kubikmeter Neuschnee so viel Luft enthält, dass er nur 50 bis 100 Kilogramm wiegt, können es bei altem Schnee gut 400 sein. Und je nach Temperatur verändert sich der Schnee. Sogar als Unterländerin kann ich zwischen Firn und Sulz, Pulver-, Neu-, und Pappschnee unterscheiden. Und wer wirklich was von Schnee versteht, der spricht von Wechten, Altschnee, Bruchharsch, Büsserschnee und Faulschnee. Denn Schnee verändert sich laufend, sich auf ihn einzustellen, ist fast unmöglich, das wissen nicht nur Nivologen, die von Berufswegen den Schnee zu verstehen versuchen.

Auch Strassenräumungstrupps aller Städte dieses Landes wissen ein Lied von der Unberechenbarkeit des Schnees zu singen. Von der ersten herbeigesehnten Flocke bis zum totalen Verkehrskollaps vergehen oft nur ein paar Stunden, in denen 30 Zentimeter Neuschnee fallen. Der erste richtige Schnee im Flachland, das ist dann, wenn Busse und Züge nicht mehr pünktlich fahren, wenn zur Morgensitzung alle verspätet kommen und man sich mit eiskalten Händen daran erinnert, dass man doch noch eine Schneeschaufel hätte kaufen wollen. Heftiger Schneefall in der Stadt ist ein Ausnahmezustand, aber einer der ruhigsten und schönsten überhaupt. Die Welt ­versinkt, leise und fein, ihre vertrauten Farben und Formen werden verschluckt. Der Schnee stellt unsere hektische, laute Welt ruhig. Die Stille nach dem ersten Schnee, sie ist mit nichts zu vergleichen. Die Natur braucht den Schnee, um sich unter seiner Decke zu regenerieren. Er verpasst den Tieren und Pflanzen eine Zwangspause. Eine, die wir Menschen auch dringend nötig hätten. «Der Schnee fällt uns mitten ins Herz», beschreibt es die Schriftstellerin Sarah Kirsch. Schneekanonen ­hingegen zielen ziemlich weit am Herz vorbei.

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