Lidl lohnt sich – aber offenbar nicht für Aargauer Nachbarn: Widerstand gegen neues Verteilzentrum

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So soll das Verteilzentrum aussehen, das Ligl in Roggwil plant (zVg)

Der Aargau ist ein Logistik- und Transportkanton. Verteilzentren von Grossverteilern wie Coop in Schafisheim und Migros in Suhr (siehe unten) liegen hier, Transportunternehmen wie Bertschi in Dürrenäsch, oder Giezendanner in Rothrist haben ihren Sitz im Aargau, die Post betreibt in Villmergen ein Logistikzentrum und das grösste Lager des Onlinehändlers Digitec steht in Wohlen.

Die grossen Logistikbetriebe, Verteilzentren und Transportunternehmen bringen oft eine beträchtliche Verkehrsbelastung mit sich. Kritik an den Firmen, oder grösseren Widerstand gegen Logistikstandorte gab es im Aargau bisher aber kaum. Deshalb erstaunt es auf den ersten Blick, dass die Pläne von Lidl, in Roggwil BE ein neues Verteilzentrum zu errichten, im Nachbarkanton massive Kritik auslösen.

Bei der öffentlichen Auflage hat der Regionalplanungsverband zofingenregio sich negativ zum Lidl-Projekt geäussert. Grund ist die massive Zunahme von Lastwagenfahrten durch Gemeinden im Gebiet des Verbandes, die mit dem Verteilzentrum drohen würde. Mehr als 70 Prozent der 710 täglichen Lastwagenfahrten sollen über die beiden Autobahnanschlüsse Rothrist und Reiden abgewickelt werden – der vorgesehene Standort des Verteilzentrums liegt nicht direkt an der A1, sondern rund 10 Kilometer davon weg.

Wann sollen sich Betroffene zu Plänen äussern können?

Der Regionalplanungsverband, der vom Zofinger Stadtammann und Grossrat Hans-Ruedi Hottiger präsidiert wird, beantragt deshalb eine Sistierung der Pläne. Zuerst müsse der Standort im Berner Richtplan festgelegt und mit den Nachbarkantonen Luzern und Aargau koordiniert werden, fordert zofingenregio. Dies sei im Raumplanungsgesetz des Bundes für güterintensive Nutzungen vorgeschrieben.

«Die Kantone sind im ständigen Austausch», sagte Daniel Kolb, Leiter der Abteilung Raumentwicklung des Aargauer Departements Bau, Verkehr und Umwelt, dem «Zofinger Tagblatt». Er versicherte, dass das Vorhaben und die verkehrstechnischen Auswirkungen genau überprüft würden und der Kanton die betroffenen Gemeinden und den Verband zofingenregio miteinbeziehen werde. Gegenüber der «Luzerner Zeitung» sagte eine Lidl-Spre­cherin, man rechne mit 400 Lastwagen- Fahrten pro Werktag. «Ein externes Lärm- und Verkehrsgutachten bestätigt, dass wir mit dem antizipierten Verkehrsaufkommen die Verkehrssituation nicht merklich beeinflussen werden und sämtliche Grenzwerte einhalten können», ergänzt sie. Zudem sei der verlangte regionale Austausch zwischen den Kantonen nicht unterlassen worden, sondern stehe kurz bevor.

Hans-Ruedi Hottiger entgegnet auf Anfrage der AZ: «Das ist definitiv die falsche Reihenfolge.» Direktbetroffene sollten zum Richtplan Stellung nehmen können, nicht erst zur Zonenplanänderung. Das sei auch für Investoren sinnvoller, als wenn sich Widerstand erst zeige, «wenn schon viel Planungsarbeit in das mögliche Bauprojekt investiert worden ist, also bei der Zonenplanänderung und später beim Baugesuch».

In einer Interpellation, die er im Grossen Rat eingereicht hat, verweist der Zofinger auf ein Beispiel in Schneisingen, bei dem die Zusammenarbeit zwischen zwei Nachbarkantonen viel besser funktioniert habe. Der dortige Standort der Firma Bucher-Guyer liegt in einem Arbeitsgebiet, das sich über die Grenze der Kantone Zürich und Aargau erstreckt. Die Flächen auf der Aargauer Seite benötigt das Unternehmen für sein Kerngeschäft nicht mehr. Für eine grössere Fläche der bestehenden Gewerbezone wurden daher alternative Nutzungen geprüft, unter anderem auch solche mit hohem Verkehrsaufkommen. «Schon ganz am Anfang der Abklärungen wurden die Nachbarn auf der Zürcher Seite informiert und einbezogen. So gesehen war das Vorgehen meiner Ansicht nach vorbildlich», erläutert Hans-Ruedi Hottiger.

Standort ist auch aus Sicht der Detailhändler nicht optimal

Hottiger und zofingenregio geht es aber nicht nur um die planungsrechtlichen Abläufe. Der Verband fordert Lidl in der Stellungnahme auf, für das Verteilzentrum einen anderen Standort als Roggwil zu suchen. Regionalplaner Tobias Vogel verweist auf eine Studie im Auftrag der Bau-, Planungs- und Umweltdirektoren-Konferenz (BPUK), die im Frühling 2018 erschient und Logistikstandorte von überkantonaler Bedeutung analysiert. Roggwil sei darin nicht als geeigneter Standort für ein Verteilzentrum aufgeführt, hält Vogel fest.

Dies ist bemerkenswert, weil an der Studie nicht nur Raumplanungs- und Verkehrsverantwortliche von Bund und Kantonen mitarbeiteten, sondern auch die IG Detailhandel. In dieser Organisation sind Migros, Coop, Denner und Manor vertreten – Lidl ist nicht dabei. Als wichtigstes Kriterium für Logistikstandorte aus Sicht der Grossverteiler führt die Studie eine gute Anbindung ans Strassennetz auf, insbesondere die Nähe zu Autobahnanschlüssen.

Der Verband zofingenregio empfiehlt Lidl, für das Verteilzentrum einen Standort in den Kantonen Aargau oder Luzern zu suchen, der in den jeweiligen Richtplänen ausgewiesen ist. «Ein solcher Eintrag existiert im Berner Richtplan für Roggwil momentan nicht», hält Hottiger fest. Eine neue Massnahme «Güterverkehrs- und Logistikkonzept» solle erst erarbeitet und in den Richtplan aufgenommen werden.

Ob das Verteilzentrum, das einen dreistelligen Millionenbetrag kosten und neue Arbeitsplätze bringen soll, tatsächlich gebaut wird, will Lidl bis Ende Jahr entscheiden. Hans-Ruedi Hottiger geht davon aus, dass Aargauer und Luzerner Gemeinden später nicht berechtigt wären, Einsprachen gegen ein Baugesuch auf dem Areal einzureichen. Sie könnten jedoch Institutionen und Fachstellen auf Widersprüche zum Raumplanungsgesetz des Bundes hinweisen und sie mit Vorstössen auffordern, zu reagieren und gegebenenfalls zu intervenieren. «Das haben wir bis jetzt getan und werden das wohl auch weiterhin tun», kündigt er an.

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