Herr Gallati, übernehmen Sie!

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Chefredaktor Philippe Pfister.

Letzten Mittwoch sass ich gänzlich lustlos vor dem Nachtessen. Der Tierschutz-Fall in Oftringen hatte mir den Appetit gründlich verdorben - manchen Leserinnen und Lesern dürfte es ähnlich ergangen sein. Mitten in einem Quartier liess ein 57-jähriger Schweizer Dutzende Tiere verhungern. Die Fakten, die im Zuge der Recherche ans Tageslicht kamen, haben Skandalpotenzial. Im Zentrum steht der kantonale Veterinärdienst. Oberster Chef ist seit kurzem Regierungsrat Jean-Pierre Gallati. Schauen wir fünf Fakten der Reihe nach an.

Fakt 1: Der fehlbare Tierhalter war beim Veterinärdienst seit Jahren aktenkundig. Immer wieder hatten Anwohner, hatte die Gemeinde unhaltbare Zustände gemeldet. «Viele Meldungen haben dazu geführt, dass wir effektiv kontrolliert haben und dass wir Massnahmen erlassen haben», sagt die zuständige Amtschefin Alda Breitenmoser. Heisst: Nichts gemacht hat das Amt nicht. Viel aber auch nicht, wie Fakt 2 zeigt.

Fakt 2: Spätestens im letzten Dezember müssten Alarmglocken geklingelt haben. Tele M1 zeigte am 10. Dezember ein totes Lamm, das sich im Zaun verheddert hatte. Am 14. des gleichen Monats führte das Veterinäramt eine unangemeldete Kontrolle durch. In Interviews – unter anderem mit dieser Zeitung – sagte Breitenmoser, damals seien bezüglich «Pflege und Ernährungszustand» der Tiere keine Mängel festgestellt worden. Nur: Der Halter war zum Zeitpunkt der Kontrolle gar nicht zu Hause. Heisst: Das Areal war für die Kontrollinstanz gar nicht richtig zugänglich. Die Aussage, die Tiere seien gut gepflegt und ordentlich ernährt gewesen, kann man ehrlicherweise gar nicht machen. Die Amtschefin räumt auf Nachfrage ein: «Das Kontrollergebnis bezieht sich auf die Beurteilung der bei der Kontrolle zugänglichen Tiere.» Das heisst ja auch: Es gab welche, die nicht zugänglich waren. Trotzdem sollen sie gut gepflegt und ordentlich ernährt gewesen sein.

Fakt 3: Vorletzten Freitag erstattete eine Anwohnerin erneut Meldung; man höre Schafe schreien. Der zuständige Mitarbeiter lässt der Frau zwei Tage später eine per Mail eine Antwort zukommen. Sie wirkt angesichts der Tatsachen, die sich vor Ort präsentiert haben müssen, geradezu zynisch: Anlässlich einer «Kontrolle» seien keine schreienden Schafe festgestellt worden. Auch ein «gewisser Futtervorrat» für die Tiere sei noch vorhanden. Zu diesem Zeitpunkt müssen schon etliche Kadaver herumgelegen sein. Am Dienstag darauf, also nochmals zwei Tage später, waren Polizisten vor Ort und verhafteten den Tierhalter.

Fakt 4: Breitenmoser nimmt ihren Mitarbeiter unverständlicherweise in Schutz. Die E-Mail-Antwort sei «wenig präzis», sagt sie beschönigend. Der Mitarbeiter habe sich mit seinen Aussagen auf die Kontrolle vom Dezember bezogen. «Wir wären dieser Meldung nochmals nachgegangen. Wir hätten das sicher nochmals geprüft und uns dann überlegt, ob wir vor Ort gehen», sagt Breitenmoser im Nachhinein.

Fakt 5: Weder auf der Homepage des Departements noch im Staatskalender ist der zuständige Mitarbeiter noch zu finden. Während er am Sonntag per E-Mail noch mit einer Anwohnerin kommunizierte, ist er inzwischen laut Breitenmoser nur noch «beratend» im Einsatz; sowieso arbeite er nur noch «befristet und stundenweise» für den Veterinärdienst.

Sieht so das adäquate Handling eines schlimmen Tierschutz-Falls aus? Was in Oftringen passiert ist, darf sich nicht wiederholen. Nur eine lückenlose Aufklärung kann das Vertrauen in den Veterinärdienst wieder herstellen. Herr Gallati, übernehmen Sie!

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