Diese Kranführerin arbeitet auf der grössten Aargauer Baustelle: «Es ist der schönste Arbeitsplatz, den es gibt»

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146 Leiterntritte muss Iris Harnisch hochklettern zu ihrem Arbeitsplatz (Bilder: Severin Bigler)
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Iris Harnisch ist die einzige Frau auf der Grossbaustelle. Seit 15 Jahren arbeitet sie als Kranführerin.
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Mit ihrem Kran kann sie 6 Tonnen bewegen.
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Die Baustelle von oben.
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Die Kranführer kommunizieren untereinander per Funk.

Aus der Höhe sehen die orange gekleideten Bauarbeiter aus wie winzige Legofiguren. Die meterlangen Eisenstangen, die zum Armieren der Fundamente gebraucht werden, wirken wie Zahnstocher. 146 Leitertritte musste Iris Harnisch erst hochklettern, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen. Für den Aufstieg im Kranturm braucht es Kraft, Konzentration und Handschuhe: Die Temperaturen sind an diesem Tag nahe am Gefrierpunkt, die stählerne Leiter ist schmal, steil und eiskalt.

Doch der Aufstieg lohnt sich: Die Aussicht von ganz oben ist atemberaubend. Die Flugzeuge, die in Zürich starten und über Baden fliegen, scheinen zum Greifen nah. Am Horizont zeichnet sich die Bergkette ab. «Manchmal mache ich am Morgen früh ein Foto des Sonnenaufgangs», sagt Iris Harnisch. Die 41-Jährige betritt ihre Führerkabine, schaltet den Funk ein und beginnt, den massiven roten Kran nach links zu drehen.

Seit 15 Jahren arbeitet sie als Kranführerin. Zwischendurch machte sie zwei Jahre Pause, um den elterlichen Bauernhof zu bewirtschaften. Hier auf der Baustelle für den Neubau des Kantonsspitals Baden ist sie die einzige Frau weit und breit. «Ich weiss, dass es noch andere Frauen gibt, die als Kranführerin arbeiten. Ich bin aber noch nie einer begegnet», sagt sie.

Für manche Leute sei es wahrscheinlich schon komisch. Schlechte Erfahrungen habe sie aber noch nie gemacht. Im Gegenteil: «Als wir das Wasserkraftwerk in Rheinfelden gebaut haben, gab es einen Eisenleger, der immer ausgerufen und geflucht hat. Mit mir hat er aber immer ganz anständig geredet», erzählt sie und lacht herzlich.

Körperlich anstrengend sei der Beruf als Kranführerin nicht: «Deshalb sage ich immer, das ist ein Job, den jede Frau machen kann. Körperlich sind wir Frauen den Männern unterlegen. Das ist klar. Aber für die Handhabung der Maschine spielt dies keine Rolle, es hat nichts mit Kraft zu tun.»

Sie hat den Beruf der Coiffeuse gelernt

Iris Harnisch ist auf einem Bauernhof in Habsburg aufgewachsen. Die Arbeit draussen oder das Bedienen von Maschinen war ihr nicht fremd. Trotz dem Wunsch, Lastwagen zu fahren, entscheidet sie sich als 16-Jährige bewusst für eine Ausbildung als Coiffeuse. «Ich hatte das Gefühl, dass ich einen Frauenberuf lernen sollte.» Nach neun Jahren auf dem Beruf dann kam der Wechsel in die Baubranche. Durch einen Bekannten kommt sie mit dem Beruf der Kranführerin in Kontakt, absolviert den Grundkurs und macht wenige Monate später die Prüfung.

Trotz ihrer Höhenangst, fühlt sie sich hier oben auf dem Kran wohl: «Der Kran ist fest und hat rundum Geländer. Deshalb macht mir die Höhe nichts aus.» Mühe hat Iris Harnisch nur dann, wenn es keine Begrenzungen rundherum hat, wie etwa bei einem Felsvorsprung. «Als Kind habe ich Kirschen gepflückt und die Holzleitern, auf denen wir standen, haben sich immer bewegt. Das war für mich unangenehm», erinnert sie sich.

Iris Harnisch bewegt den Joystick und fährt die Laufkatze hinaus an die Spitze des Auslegers. 50 Meter lang ist der Arm des Krans. Unten befestigen zwei Bauarbeiter ein vorgefertigtes Betonelement an den Ketten. Dieses wird später als Wand im neuen Kantonsspital dienen. Der Kran fängt an, nach vorne und hinten zu ruckeln. Harnisch ist hoch konzentriert und schaut aus der Höhe ganz genau hin. Es ist sowohl die Verantwortung der Männer auf dem Boden als auch die ihre, dass sie das fast drei Tonnen schwere Element erst hoch hievt, wenn es korrekt angehängt ist.

Über das Funkgerät ist Harnisch sowohl mit den anderen vier Kranführern als auch mit dem Polier und dem Vorarbeiter verbunden. Die Kommunikation mit den Männern am anderen Ende ihrer Kranseile erfolgt aber ohne Worte. Das ist beeindruckend, wenn man die Dimensionen der Baustelle und die Distanz zum Boden bedenkt: Der Kran von Iris Harnisch ist 42 Meter hoch. Das entspricht einem Gebäude mit 14 Stockwerken.

Früher mochte sie den Wind, heute nicht mehr

Die riesige Baustelle wirkt aus der Höhe wie ein Sandkasten. Mit einer einfachen Handbewegung gibt einer der Männer ein Zeichen. Harnisch dreht den Kran nach links und befördert die schwebende Betonplatte hinüber zu drei weiteren Männern, die diese entgegennehmen. «Man entwickelt mit der Zeit ein Auge dafür.» Trotzdem brauche es enormes gegenseitiges Vertrauen. «Man kann die Distanz von hier oben nur ungefähr abschätzen.»

Die Sonne scheint auf die Baustelle hinunter. Die Arbeitsbedingungen sind gut an diesem Tag. Das schlimmste Wetter, um zu arbeiten, sei starker Wind: «Früher habe ich den Wind gemocht. Heute hasse ich ihn fast», sagt Iris Harnisch. «Der Kran reagiert völlig anders, das Fahren wird viel schwieriger.»

Ein paar Tage zuvor habe der starke Wind ein meterhohes Schalungselement so stark herumgewirbelt, dass es die Männer am Boden nicht von Hand anhalten konnten. «An stürmischen Tagen bin ich am Abend einfach fix und fertig von der Konzentration und der Anspannung.» Bei stürmischem Wetter, wie in den vergangenen Tagen, wird die Arbeit mit dem Kran ganz eingestellt. Die grösste Herausforderung sei es, unter Zeitdruck die Arbeitssicherheit einzuhalten. «Das Zusammenspiel muss funktionieren mit denjenigen, die unten stehen.»

Vier Minuten dauert der Aufstieg auf den Kran

Ihre Arbeitskollegen der Baufirma Implenia sieht Harnisch jeweils dann aus der Nähe, wenn sie für die Pausen vom Kran herunter steigt: «Am Mittag gehe ich immer hinunter. Und wenn wir nicht so einen weiten Weg haben, also wenn die Baustelle kleiner ist, gehe ich sogar zum Znüni runter.» Fast vier Minuten braucht sie, bis sie wieder festen Boden unter den Füssen hat. Der Auf- und Abstieg sei aber eine willkommene Abwechslung: «Jemand, der im Büro sitzt, läuft vielleicht einmal zur Kaffeemaschine oder zum Kopierer. Ich sitze da oben auf dem Stuhl und schaue acht oder neun Stunden lang nach unten. Deshalb gehe ich gerne runter, damit ich mich bewegt habe.»

Die Toilette besucht sie jeweils dann, wenn sie am Boden ist. In ihrer Kabine hat sie alles, was sie braucht. Nebst einer Thermoskanne ist auch ein kleiner Staubsauger zu finden: «Damit ich den Dreck wegputzen kann, den ich mit hinein nehme.» Einsam sei der Job überhaupt nicht: «Der Funk ist auf dieser Baustelle ziemlich ausgelastet und ich muss auch stetig mit den anderen Kranführern kommunizieren, damit wir uns nicht gegenseitig in die Quere kommen.»

Auf der Baustelle sind insgesamt fünf Kräne im Einsatz. Manchmal sehe sie auch aus der Höhe, dass jemand etwas sucht: «Dann frage ich nach. Vielleicht kann ich ihm helfen, weil ich von hier oben den Überblick habe.»

Aus dem Funk ertönt eine Männerstimme mit italienischem Akzent, Harnisch kann mittels Fusspedal antworten, damit ihre Hände frei bleiben: «Wie schwer ist es?», fragt sie den Polier. «Es sind zirka zwei Komma sieben Tonnen», antwortet der Mann. Harnisch bringt die Laufkatze in Position.

Sie sorgt auch für den Unterhalt des Krans

Die schönsten Baustellen seien für sie diejenigen, bei denen die Gruppe stimmt: «In Zürich war ich einmal drei Jahre lang mit dem gleichen Polier und dem gleichen Team unterwegs. Wenn die Harmonie da ist und es im Team funktioniert, ist die Leistung auch besser.» Bei grossen Baustellen könne es gut sein, dass sie mehrere Jahre mit denselben Kollegen arbeitet.

Iris Harnisch fühlt sich sichtlich wohl hier oben auf ihrem Kran. Wenn die Aargauerin von ihrer Arbeit erzählt, tut sie dies mit einer zufriedenen Leichtigkeit. Sie hat in den letzten 15 Jahren unter anderem zwei Gefängnisse und den Fifa-Hauptsitz auf dem Zürichberg mitgebaut. «Aber das hier, das Kantonsspital zu bauen, ist schon speziell.»

Zu ihren Aufgaben gehört auch der Unterhalt des Krans. «Ich muss ihn optisch kontrollieren, die Hubseile und die Fundamente, und sicherstellen, dass er keinen Riss hat.» Ausserdem muss Iris Harnisch regelmässig den Drehkranz und den Zahnkranz schmieren.

Von ihrer Kabine aus sieht sie bis nach Mülligen, wo sie wohnt. Ihre Freizeit verbringt sie meist draussen. Den Ausgleich zur Höhe findet sie bei ihrem Pferd, beim Biken, beim Joggen oder auch beim Gigathlon. Der Ton sei auf dem Bau schon ruppig, sagt sie.

Das tut ihrer Entspanntheit aber nichts an. Iris Harnisch ist fröhlich und sympathisch. «Ich finde es spannend, etwas zu bauen, und ich mag die Verantwortung, die ich habe.» Harnisch hat die Übersicht. Wortwörtlich. «Ich sage immer: Es ist der schönste Arbeitsplatz, den es gibt. Nirgendwo hat man so eine Aussicht. 

Neubau des Kantonsspitals

Das Projekt für den Neubau des Kantonsspitals Baden (KSB) trägt den Namen «Agnes». Die Fertigstellung des Spitals ist für Ende 2022 geplant. Die Kosten für den Neubau belaufen sich auf 450 Millionen Franken. Das neue Spital wird acht Stockwerke haben und 400 Betten beherbergen.

Die Grundfläche der Baugrube beträgt 22'000 Quadratmeter. Die Baustelle ist damit aktuell die grösste im Kanton Aargau. Rund 80 Personen arbeiten zurzeit auf der Baustelle in Baden. Das bestehende Spital wurde 1978 gebaut.

Das Projekt «Agnes» kam bei der Bevölkerung gut an: Gegen das Bauvorhaben ging keine einzige Einsprache ein. Online kann man unter agnes22.ksb.ch per Live-Kamera von zu Hause aus verfolgen, wie das neue KSB in die Höhe wächst. (tel)

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