Den eigenen Baum fällen? Das ist erlaubt – falls er nicht baurechtlich geschützt ist

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Kein schöner Anblick – der Park der ehemaligen Villa Ringier an der Oberen Rebbergstrasse nach einer Baumfällaktion des heutigen Eigentümers. (Bild: Felix Stalder)
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Gefällt wurden auch kranke Bäume, wie dieses Bild zeigt. Bild: zvg

Das Entsetzen der Anwohnerinnen und Anwohner der ehemaligen Ringier-Villa an der Oberen Rebbergstrasse war gross und die Aufschreie laut: Der heutige Eigentümer des 7025 Quadratmeter (das ist die Dimension eines Fussballfelds) grossen Grundstücks hat eine Baumfällaktion durchführen lassen.

Was der Besitzer tun liess, ist legal. Weder der Park noch einzelne Bäume stehen unter Schutz – er durfte die fällen. Bei Michael Wacker, Präsident der SP Sektion Zofingen, Einwohnerrat und beruflich Gartenbautechniker, löst der aktuell fehlende Schutz durch die Stadt Wut aus: «Was hier geschah, ist ein Frevel.»

Um das Ganze besser einordnen zu können, ist der Blick in die Vergangenheit nötig. Erbaut wurde die ursprüngliche Villa 1917/18 vom Industriellen Hermann Daetwiler. 1939 erwarb Hans Ringier – Vater von Michael Ringier – das Anwesen. Er nahm im Verlauf der Jahre mehrere Um- und Anbauten vor. 2012 verkauft die Familie Ringier ihre Liegenschaft einer Versicherungsgesellschaft, die eine Überbauung plante. Ein Konzept für diese hatte das renommierte Zürcher Büro Theo Hotz Partner Architekten erarbeitet. Michael Wacker kennt das Papier. «Was da vorgeschlagen wurde, war eine diskutable Lösung, welche insbesondere den Baumbestand schonte und als schützenswert bezeichnete.»

Was tat die Stadt Zofingen damals? Sie handelte gut und gab ein Gutachten in Auftrag. Der Zürcher Architekturhistoriker Michael Hanak trug 2014 seine Schlussfolgerungen in einem 40 Seiten umfassenden Bericht vor. Zum Garten: Der findet sich zwar im Inventar der historischen Gärten – was aber keine Unterschutzstellung bedeutet. Und dieser sei – bedingt durch Umgestaltungen – bis auf einen solitären Brunnen – auch nicht besonders schutzwürdig. Der Brunnen könnte auch an einen anderen Standort versetzt werden. Zu den Bäumen an sich hält sich der Gutachter zurück.

Die Villa und ihr Gärtnerhaus? Zu viel Umbauten und Ergänzungen – und beteiligte Architekten, welche in der einschlägigen Literatur zur Schweizer Baugeschichte nicht zu finden sind. Im Bericht steht deshalb: «Die architekturgeschichtliche Bedeutung des Hauses reicht für eine Unterschutzstellung des Gebäudes nicht aus.» Dennoch: Die Villa ist Teil der Stadt Zofingen und deren Industriegeschichte.

Peter Siegrist, im Stadtrat für den Bereich Natur zuständig, bedauert, dass die neue Bau- und Nutzungsordnung (BNO) wegen einer Abstimmungsbeschwerde noch nicht in Kraft ist. Mit der neuen BNO hätte der Erhalt der Bäume im Gestaltungsplanverfahren umfassend geprüft und damit auch die vorzeitige Fällaktion verhindert werden können. Park und Villa gehören heute einem Luzerner Investor. Der – so sein Treuhänder – will die Villa erhalten, auf dem Areal aber 30 Eigentumswohnungen im mittleren Preissegment erstellen lassen. Vorgestellt werde das Projekt im April – Baueingabe soll im Juni sein. Bauen nach bisherigem Recht? Dazu Vizeammann Hans-Martin Plüss, von Beruf Baujurist: «Falls während dem Baubewilligungs- oder Rechtsmittelverfahren neues Recht mit Gestaltungsplanpflicht in Kraft tritt, ist vorab ein Gestaltungsplan zu erarbeiten.»

Die künftige BNO kann nicht ausgehebelt werden

Wenn der Eigentümer nächstens ein Baugesuch einreichen sollte, müsste sich der Stadtrat zudem überlegen, ob er eine Planungssicherungsmassnahme ergreifen will, sagt Plüss. Beispielsweise eine Bausperre oder eine Planungszone. «Dies, weil der Einwohnerrat und die Mehrheit der Stimmberechtigten mit ihrem Ja zur BNO verlangt haben, dass auf diesem Areal nur mit Gestaltungsplan gebaut werden soll. Wichtig ist Plüss: «Die Stadt wird mit dem Eigentümer das Gespräch suchen.»

Wo blieb die Grosszügigkeit?

Kommentar von Beat Kirchhofer

Auf das Zofinger Ortsbild fokussiert, ist es schade, wenn das Areal der ehemaligen Villa Ringier überbaut wird – in welcher Form auch immer. Nur: Ein Grundstück von der Grösse eines Fussballfelds in einer Bauzone ist ein beachtliches Vermögen wert. Dieses gehört dem Besitzer, der nicht einfach so enteignet werden kann. Das Areal müsste die Stadt oder eine Stiftung kaufen – aber zu welchem Zweck?

In Baden gibt es einige Industriellen-Villen, die nicht durch ihre Eigentümer «verscherbelt», sondern in Stiftungen eingebracht wurden. So die Villen Boveri, Brown und Funk. Funk ist das C – das Cie – im Namen BBC. Besonders heraus sticht die Villa Brown – die Langmatt. In ihr ist auch das Badezimmer noch immer so zu sehen, wie anno 1900. Das Legat umfasste nicht nur Haus und Grund, sondern auch eine Kunstsammlung von internationaler Bedeutung.

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(Bild: Felix Stalder)
Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Sehr guter Artikel, danke.

Andreas Stalder
schrieb am 13.02.2020 21:25
Was Orkane und Stürme der letzten Jahrzehnte nicht schafften, erledigt der Mensch innert weniger Stunden. Und das erst noch völlig legal.

Blablabla alles blablabla

Marcel Hirt
schrieb am 13.02.2020 17:48
Noch mehr sollte gefällt werden.
Denn dort hat es risiko bäume !!
Die leute können nur noch dumm reden ohne hirn !!
Alte bäume fällen, neue setzen !!
Ich fälle jede woche bäume, viele grüsse

So ein Quatsch

BNO
schrieb am 13.02.2020 16:30
Was für eine billige Ausrede. Wer sich das Grundstück anschaut sieht auf den ersten Blick, dass man die Bäume roden muss, wenn man darauf 30 Wohnungen bauen will. Daran ändert auch die neue BNO nichts. Der Zofinger Stadtrat hat noch nie einem Investor Steine in den Weg gelegt wenn es um das zubetonieren von Land geht. Könnte ja mal zufälligerweise ein guter Steuerzahler nach Zofingen ziehen. Darum sucht man hier verzweifelt eine Ausrede. Das Grundstück gehört KaRö Generalunternehmung und Immobilien AG aus Dagmersellen. Vielleicht sollte man diese Firma nun ächten für diesen Frevel. KaRö steht übrigens für Karl Rölli

Baumfällaktion

Jürg Jost, Zofingen
schrieb am 13.02.2020 15:27
Dieser Frevel (der richtige Ausdruck) ist ein Skandal für Zofingen. Ich schäme mich für die Behörden dieser Stadt, in der ich aufgewachsen bin, dass hier so etwas möglich ist. Der Stadtrat rechtfertigt sich jetzt mit der Argumentation, dass eine Beschwerde gegen die neue BNO bestehe und deshalb nichts unternommen werden konnte. Laut Artikel des ZT war jedoch spätestens seit 2012 klar, dass mit einem solchen Szenario gerechnet werden musste. Was taten die Behörden vorbeugend zum Schutz der altehrwürdigen Bäume - NICHTS! Jetzt wo der Schaden angerichtet ist, will man wegen der Überbauung «das Gespräch mit dem Besitzer führen» - ein schwacher Trost. Übrigens, wieso die Bemerkung im Artikel: «gefällt wurden auch kranke Bäume»? - soll dies eine versteckte Rechtfertigung für das eigentlich kranke Tun sein?
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