Sie entkam dem Tod – und wurde zum «Engel» von Zofingen

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Lesen animiert zum Sprechen: Rose-Marie Tschannen. (Bild: ceu)

«Eigentlich sollte ich schon längst tot sein – und das seit neun Jahren», sagt Rose-Marie Tschannen (76). Aber die Rentnerin ist immer noch hier. Vor der Stadtbibliothek, im Herzen von Zofingen. Vor neun Jahren hat sie den Krebs besiegt. Dass die hellgrauen Haare nicht mehr ihre eigenen, sondern das Kunsthaar einer Perücke sind, sieht man ihr nicht an. Rose-Marie Tschannen ist rüstig und fit. Sie hat den Krebs überlebt. Jedes Jahr im November geht sie mit Kaffee und Kuchen zu ihrem Arzt – um gemeinsam ihr zweites Leben, wie sie es nennt, zu feiern. Dieses Extra-Leben will Rose-Marie Tschannen nutzen. Nicht für nur sich selbst, sondern für andere.

«Wenn ich eines habe, was andere nicht haben, dann ist es Zeit», lautet ihr Mantra. Die Rentnerin engagiert sich bei der Zofinger Nachbarschaftshilfe, im Integrationsnetzwerk, hütet Ausstellungen im Kunsthaus, macht Lesementoring mit Kindern. Rose-Marie Tschannens neustes Projekt: der Lesekiosk. Eine Aktion der Stadtbibliothek. Mit einem Fahrrad werden jeden letzten Donnerstag im Monat Bücher zu den Altersheimen in Zofingen gebracht (wir berichteten). So können sich Senioren Bücher ausleihen. Für Rose-Marie Tschannen ist das ein Herzensprojekt. «Es geht mir um die Bücher, aber vor allem um die Kommunikation, die durchs Lesen zwischen den Bewohnern entsteht», sagt sie. Sie will ihren Altersgenossen die Einsamkeit nehmen, die im Seniorenheim aufkommen kann. «Wenn die Bewohner lesen, können sie sich wieder unterhalten – über das Gelesene. Mit anderen Senioren, mit denen sie sonst überhaupt keine Gemeinsamkeiten haben und vielleicht nie ins Gespräch kämen», sagt Tschannen. Der letzte Donnerstag im Monat wird so zum Lichtblick. «Er gibt den Senioren Antrieb», erzählt die Rentnerin stolz.

Sie selbst will dennoch niemals in einem Altersheim wohnen. Ihrer Vorstellung nach verliert man dort einen Teil der Eigenständigkeit. Tschannen meint, dass im Seniorenheim alles für einen gemacht würde. Das stört sie. Die Rentnerin strukturiert ihren Tag so lange es geht lieber selbst – mit Freiwilligenarbeit.

«Der Trotzkopf» ist ihr Lieblingsbuch

Nicht verwunderlich, dass «Der Trotzkopf» von Emmy von Rhoden in Rose-Marie Tschannens Kindheit ihr Lieblingsbuch war. Der Titel ist in ihrem Leben auch heute noch Programm. Sie will Altersklischees trotzen, ihre Zeit nutzen, beweisen, dass sie rüstig ist und niemals untätig sein. Dabei spielt es für sie keine Rolle, woher derjenige kommt, der Hilfe braucht. Gerne helfe sie auch Flüchtlingen. «Ich helfe, wo immer Hilfe gebraucht wird», sagt sie.

Mitte Januar stellte sie das unter Beweis. Eine Wohnung in einem Zofinger Mehrfamilienhaus steht in Flammen. Das Haus, in dem Rose-Marie Tschannen wohnt. Ihre Wohnung bleibt verschont, doch die Wohnung eines Nachbarn brennt komplett aus. Für sie ist klar: Mann und Kind, die ohne Obdach dastehen, brauchen ihre Hilfe. Sie nimmt beide vorübergehend in ihrer Wohnung auf. Was für Rose-Marie Tschannen völlig selbstverständlich ist, ist für andere kaum vorstellbar. Genau diese unbrechbare Hilfsbereitschaft macht sie aus. Völlig uneigennützig macht sie das jedoch nicht. Sie ist sich sicher: «Wann immer man hilft, bekommt man viel mehr zurück, als man gibt.»

 

Text & Bild: Celina Euchner (23) absolviert die Ringier Journalistenschule, hat den Bachelor in Germanistik und Französisch und ist Volontärin beim «Blick».

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Artikel von CelinaEuchner

Rose-Marie Tschannen
schrieb am 27.02.2020 13:11
Die Befragung durch Celina Euchner empfand ich als angenehm und so beantwortete ich auch alle Fragen, die sie mir stellte.
Der Titel im heutigen Tagblatt scheint mir jedoch etwas dramatisiert.
Deshalb möchte ich etwas beifügen; in Engel bin ich nicht, jedoch von einigen Engeln umgeben, ohne die, sich meine Selbstheilungskräfte nie so positiv entwickelt hätten. Dabei ist zu nennen, mein Hausarzt, welcher mich oft zum Lachen bringt (Lachen ist gesund) und mich immer unterstützt hat. Auch meine Coiffeuse, welche mir seit Anbeginn gratis den Schädel geschoren hat, (meine Haare wachsen nur spärlich, seit der Hirnbestrahlung) .
Zu erwähnen sind auch alle, die mir eine Beschäftigung als Freiwillige geben und somit stunden- weise Tagesstruktur.
Ohne Familie und Freunde, wäre ich nicht die, die ich bin !!!
Ich führe ein glückliches Leben und bin dankbar für jeden neuen Tag, umgeben von "Engeln".

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