«Ich habe mit meinen Söhnen gewettet, dass die Schulen geschlossen werden»

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HSG-Ökonomin Monika Bütler. (Bild zVg)

Frau Bütler, Sie sind Volkswirtschaftlerin und nicht spezialisiert auf Epidemien. Dennoch möchte ich mit Ihnen über das Corona-Virus sprechen, denn sie haben sich auf dem sozialen Netzwerk Twitter aktiv in die Debatte eingemischt und zeigen ein grosses Interesse an der Sache. Und die Massnahmen, die gefällt wurden und noch folgen werden, haben starke wirtschaftliche Konsequenzen. Doch zuerst zur Mathematik. Das haben Sie mal studiert und mit Lizenziat abgeschlossen. Warum ist Mathematik derzeit entscheidend, um die Ausmasse der Corona-Epidemie zu erfassen und zu verstehen?

Bütler: Die Grundlage dieser Krise ist der Fakt, dass diese Krankheit sich extrem schnell weiterverbreitet. Wenn jeder Infizierte zwei Leute ansteckt, dann tönt das zu Beginn nicht nach viel: Zwei, vier, acht, sechzehn. Aber wenn man das nur schon zehnmal macht, ist man bei 1000 Leuten, nach weiteren zehnmal bei einer Million. Die exponentielle Zunahme der Infizierten in solch einem Ausbruch ist eigentlich einfach zu berechnen, aber schwierig zu verstehen.

Warum fällt uns die Erfassung exponentiellen Wachstums so schwer?

Ich habe gestern meine Familie gefragt, wie lange hat es in Italien gedauert hat, bis die Zahl der Infizierten von 60 auf 6000 gestiegen ist. Obwohl mein Mann und meine Söhne naturwissenschaftlich ziemlich fit sind, haben alle die Zeit völlig überschätzt. Es waren nur dreizehn Tage.

Mir fällt es als Journalist derzeit auch sehr schwer abzuschätzen, ob die Politik richtig handelt. Wie geht es Ihnen?

Es geht mir genau gleich. Die beschlossenen Empfehlungen und Einschränkungen waren sehr sinnvoll. Ob sie genügen, ist eine andere Frage. Es ist unendlich schwierig. Denn wir wissen nicht, wieviel die Massnahmen – vom besseren Händewaschen bis zum Veranstaltungsverbot – bisher bewirkt haben. Es sieht danach aus, als bremse die vermehrte soziale Distanz die Ansteckungsrate. Aber wieviel? Das wissen wir einfach nicht.

Liest man Zusammenfassungen wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Covid-19 und Interviews mit Epidemiologen, kommt man zum Schluss: Die Zeit drängt. Er braucht schnell krasse Massnahmen. Muss man wirklich so drastisch handeln?

Wenn man nur schon schaut, wie schnell in Italien die medizinische Versorgung an ihre Grenzen kam, zeigt sich: Die Zeit drängt. Das sind ja auch ökonomische Kosten. Wir müssen unbedingt vermeiden, dass Spitäler an den Anschlag kommen, dass man Schwerkranke nicht mehr intensiv betreuen kann. Natürlich kostet auch jede Einschränkung wie ein Veranstaltungsverbot. Wir wissen auch nicht, ob die viel drastischeren Massnahmen in China die beste Lösung im Sinne einer Eindämmung sind. In einer demokratischen Gesellschaft ist das resolute Vorgehen in China ohnehin nicht vertretbar.

Es ist ja letztlich eine Abwägung zwischen wirtschaftlichen Kosten einer weitgehenden Lahmlegung von Wirtschaft und Gesellschaft sowie den Kosten und Konsequenzen, wenn man nicht eingreift. Wie wägt man hier ab? Wie berechnet man sowas?

(seufzt) Man kann im Moment nur Handgelenk mal Pi rechnen. Südkorea kann als Anschauungsbeispiel dienen, weil es eine Art Mittelweg ging. Die Zahlen dort steigen zwar noch immer. Zum Glück nur noch linear und nicht mehr exponentiell.

Wir sollen nun nicht mehr zu Stosszeiten pendeln, Veranstaltungen sind eingeschränkt. Aber es gibt noch keine drastischen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Wird das noch kommen?

Ich habe mit meinen Söhnen gewettet, dass Schulschliessungen kommen werden, ja. Natürlich bin ich nicht sicher, aber ich gehe derzeit von noch stärkeren Einschränkungen aus.

Kann man schon abschätzen, was das Veranstaltungsverbot die Branche schon gekostet hat?

Da müssten sie die Veranstalter fragen. Aber ganz sicher viel Geld, das ist unbestritten. Sicher bei Veranstaltern und der Reisebranche. Es gibt aber auch Verschiebungen. So braucht es weniger Sicherheitspersonal bei den Veranstaltungen, dafür wohl an anderen Orten wie den Spitälern.

Sie scheinen der Meinung zu sein, diese Einbussen lohnen sich letztlich.

Wirtschaftliche Einbussen werden wir in jedem Fall haben. Die Frage ist, wie lange die Krise dauert und wie stark die Einbusse ist. Wir wissen nicht, ob das schnelle Einschränken teurer ist als langsames Einschränken. Ich neige zur Ansicht – allerdings unbewiesen –, dass schnelle, weitergehende Massnahmen billiger sein könnten. Wir können zwar von früheren Krisen lernen, aber letztlich ist die aktuelle Situation eine völlig neue.

Warum sind Sie dieser Ansicht?

Wenn die Massnahmen zu einer schnelleren Eindämmung führen, gibt es weniger Kranke, die Gesundheitskosten sind tiefer. Und eine relativ scharfe Rezession, nach welcher die Wirtschaft schnell wieder an Fahrt gewinnt, ist für Unternehmen einfacher zu überwinden. Schwierig ist es, wenn die Firmen nicht wissen, wie lange sie die Arbeitskräfte nicht auslasten können, wann wieder Aufträge kommen.

Wer soll die wirtschaftlichen Folgen tragen? Die Unternehmen?

Der Staat wird einen Teil zahlen müssen. Mit Kurzarbeit und Arbeitslosenversicherung wird den Menschen geholfen. Letztlich wird es auch Massnahmen brauchen für Firmen, die bisher noch wenig erprobt sind. Die Frage ist: Was macht man mit Firmen, die ohne diese Krise überlebt hätten, nun aber in Schwierigkeiten geraten? Da braucht es Überbrückungszahlungen, das Aussetzen von Konkursverfahren, Kredite oder direkte finanzielle Hilfe. Sollte es wirklich zu einem grossen wirtschaftlichen Einbruch kommen, braucht es den Staat. Nicht jedes Risiko lässt sich versichern.

Homeoffice wird in der Krise zum Thema. Bleiben sie diese Woche zu Hause?

Ich habe ziemlich viele Sitzungen. Nein, ich mache kein Homeoffice. Ich versuche mich im ÖV dünn zu machen, versuche, die soziale Distanz zu wahren. Das ist für mich einfacher, als für Jugendliche, die oft näher aufeinandersitzen.

In den Grossbanken war bisher Homeoffice nur selektiv möglich. Nun werden ganze Teams aufgeteilt und die Hälfte nach Hause geschickt. Plötzlich geht es.

Die Krise führt zu einer ganz anderen Situation. Selbst wenn Homeoffice teuer wäre, weil die Leute weniger arbeiten würden, wäre die Umstellung immer noch billiger, da es zu weniger Ausfällen käme. Längerfristig können die Erfahrungen aus der Krise hilfreich sein, die Arbeitswelt zu überdenken.

Die Schliessung von Schulen wäre ein weiterer möglicher Schritt. Kinder sind zwar nicht gefährdet, können aber wohl Überträger sein. Was sollen die Behörden tun?

Schulschliessungen – vor allem auf der Oberstufe – sehe ich unter Umständen als sinnvoll an. Ganz eindeutig ist die wissenschaftliche Evidenz allerdings nicht.

Wer betreut dann die Kinder?

Die Betreuungsfrage lenkt ab von der Tatsache, dass es so oder so mindestens zu vereinzelten Schulschliessungen kommen wird. Dann nämlich, wenn Krankheitsfälle in der Schule auftreten. Eine frühe Planung ist daher sinnvoll, betroffenen Eltern, gerade in der Pflege, müssen Alternativen angeboten werden. Zudem: In der Schweiz werden längst nicht alle Kinder fünf Tage fremdbetreut. Italien zeigt auch, dass sich die Eltern organisieren und einander helfen.

Welche weiteren Massnahmen wären möglich, ohne dass die wirtschaftlichen Auswirkungen allzu gross sind?

Wir müssen uns sozial distanzieren. ÖV verbieten wäre wohl nicht der richtige Weg. Aber bis wir einen Impfstoff oder ein Medikament haben werden, werden auch wirtschaftliche Kosten entstehen.

Nationalrätin Martullo-Blocher trug letzte Woche im Bundeshaus eine Maske, entgegen der Weisung des Parlamentes. Sie wurde als Globi im Bundeshaus verspottet. Haben Sie auch gelacht?

Nein. Es gibt überhaupt keinen Grund, Leute zu verspotten, die sich Gedanken über den Umgang mit dem Corona-Virus machen. Sie hat ja nicht nur eine Maske getragen. Das war vielleicht wirklich ein wenig Folklore. Gleichzeitig hat sie in ihrem Betrieb in der Mensa dafür geschaut, dass man so essen kann, ohne andere zu gefährden. Solche Massnahmen helfen.

Letzte Woche fand ich eine Absage der Session noch klar unverhältnismässig. Heute muss sich sagen: Die Politiker sollten vielleicht besser zuhause bleiben. Insbesondere als Zeichen an alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer, nun Zusammenkünfte zu verschieben, die nicht wirklich nötig sind. Wie denken Sie?

Schwierig zu sagen. Man könnte nicht dringende Verhandlungen rausschieben. Aber das Bundeshaus ist gross genug, um sich aus dem Weg zu gehen. In Schulen ist man näher aufeinander, als im Bundeshaus.

Hat Sie etwas geärgert, seit die Schweiz im Krisenmodus ist?

Ich finde es bedenklich, dass junge Epidemiologen, die alles andere stehen und liegen liessen, um Covid-19 helfen zu verstehen, in den sozialen Medien wegen etwas unbedarfter Aussagen angegriffen werden: Sie würden nichts von Medienarbeit verstehen und sich nur in den Vordergrund drängen. Das ist daneben. Man sollte diesen Leuten lieber Danke sagen für ihr Engagement.

ZUR PERSON

Monika Bütler ist Professorin für Wirtschaftspolitik an der Hochschule St Gallen und leitet das Institut für Empirische Wirtschaftsforschung. Die 58-Jährige forscht unter anderem zu Sozialversicherungen und politischer Ökonomie. Bütler sitzt zudem im Bankrat der Nationalbank und ist Verwaltungsrätin der Firmen Schindler und Huber+Suhner.

 

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