Infektiologe Philippe Rafeiner: «Ärzte stehen vielleicht bald vor einem ethischen Problem»

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Gelenkoperationen könnte man verschieben: Philippe Rafeiner, stv. Chefarzt im Spital Zofingen. Bild: Joël Widmer

Das BAG hat Anfang Woche einen Strategiewechsel vollzogen. Nun sollen Leute, die nicht zur Risikogruppe gehören und erkennen, dass sie Corona haben könnten, in die Selbstisolation gehen und sich gar nicht testen lassen. Doch: Wie erkenne ich, dass ich an Corona erkrankt bin?

Philippe Rafeiner: Es gibt nicht das eine Erkennungsmerkmal. Das ist die Schwierigkeit. Es kann auch die Grippe sein oder irgendein anderes Virus. Als Voraussetzung zur Selbstisolation ist das Fieber eines der Kriterien, dass dabei sein müsste.

Beim kleinsten Laufen der Nase kann man nicht in die Isolation. Was sind derzeit die Merkmale? Sie sagen Fieber. Was noch?

Das BAG sagt schon länger: Atemwegsinfektion und in Klammer «Husten» sowie Fieber. Wir sagen hier im Spital: ein Symptom einer Atemwegsinfektion. Also Husten, laufende Nase oder Halsweh. Und zum Daheimbleiben braucht es dazu noch Fieber.

Selbstisolation oder Selbstquarantäne heisst nicht einfach zu Hause bleiben, sondern sich in einem Zimmer einschliessen: Was ist zu beachten?

Es gibt Verhaltensregeln, die man beim BAG herunterladen kann. Man soll zum Händetrocknen zum Beispiel nicht die gleichen Tücher verwenden wie die Mitbewohner. Man soll Abstand halten und alle anderen Hygieneregeln beachten. Falls es einem wirklich schlechter geht, sollte man sich beim Arzt melden. Es kann auch eine ganz andere Erkrankung sein. Wenn man dann zu lange zu Hause bleibt, kann man sich auch schaden.

Sie empfehlen also: Wenn man sich sehr krank und unwohl fühlt, lieber doch den Arzt anrufen.

Unbedingt. Fieber kann auch Anzeichen für eine andere Krankheit sein. Das ist eine grosse Anforderung für die Hausärzte. Auch diese müssen hoffen, dass es gut kommt, wenn sie empfehlen, zu Hause zu bleiben, ohne diese Person zu untersuchen.

Wie verhalte ich mich als Angehöriger, wenn eine Person isoliert werden muss?

Das ist nicht einfach. Meine 16-jährige Tochter war kürzlich krank. Ich habe versucht, Abstand zu halten.

Was haben Sie gemacht?

Ganz viele Abläufe muss man sich überlegen. Wie isst man zusammen am Tisch, wie kreuzt man sich im Haushalt? Das ist strategisch nicht einfach.

Sie liessen ihre Tochter aber nicht testen?

Nein, da haben wir die Vorgaben des BAG beachtet, um Ressourcen zu sparen.

Ist das wenige Testen eine gute Strategie? Andere Länder in Asien wie Südkorea testen sehr viel und sind offenbar relativ erfolgreich.

Es gibt da verschiedene Meinungen unter Epidemiologen. Ich persönlich glaube nicht, dass es viel schlechter ist, nicht alle zu testen. Wir haben Erfahrung mit epidemischen Erkrankungen und können die Zahlen hochrechnen. Natürlich ist es ungenauer. Aber ich finde das nicht kreuzfalsch.

Aber sollte man in dieser Phase mit einem exponentiellen Wachstum an Erkrankten diese nicht schnell ausfindig machen und isolieren?

Es ist die Frage nach dem Ziel. Als China massiv reagierte mit der Abschottung einer Millionenstadt, haben viele etwas gelächelt. Das geht doch nicht. Nun muss man sagen: Das hat wohl was gebracht.

Das sagen auch WHO-Experten. Drastische Massnahmen wirken.

Ich kann mir vorstellen, dass auch hier die Schulen noch geschlossen werden.

Die Epidemie ist jetzt da. Das BAG sagt, Spitäler sollen Plätze frei machen für Covid-19-Patienten. Was heisst das für Sie?

Seit drei Wochen haben wir eine Art Krisenstab. Da haben wir Szenarien durchgespielt für den Fall, dass wir in Zofingen Covid-19-Patienten aufnehmen müssen. Wir könnten innert zwei Tagen eine Isolationsstation errichten. Es wird auch mit einem Eskalationsplan des Kantons gerechnet. Die Daten über mögliche Plätze werden regelmässig von Bund und Kanton angefragt. Der Zivilschutz würde uns helfen, bei Bedarf. Man schätzt derzeit gut ab, wo wie viele Ressourcen sind. Wir denken auch darüber nach, ob wir künftig auch geplante Ferien verschieben müssen. Das macht man derzeit in ganz vielen Spitälern.

Verschieben Sie auch geplante, aber nicht dringende Operationen?

Noch nicht. Aber das wird angedacht. Die Absage geplanter Sprechstunden und Operationen ist – wenn nötig – schnell kommuniziert.

Welche Art von Eingriffen würden Sie verschieben?

Zum Beispiel Gelenkoperationen.

Wie viele Intensivplätze können Sie freischaufeln?

Zofingen hat formal keine Intensivstation, nur eine Überwachungsstation.

Aber Beatmungsgeräte, die bei Covid-Patienten wichtig sind, hätten Sie?

Ja. Solche haben wir.

Spitalärzte aus Norditalien berichten von dramatischen Situationen. Einsatzpläne sind Makulatur. Ärzte anderer Abteilungen versuchen so gut wie möglich den Internisten zu helfen. Das Spitalpersonal sieht die eigenen Familien nicht mehr. Sind Sie hier in Zofingen dafür gewappnet? Oder kann man sich auf so was gar nicht vorbereiten?

Ich glaube beides. Wir versuchen, uns auf einen Ansturm vorzubereiten. Aber wenn es so kommt wie in Italien, haben wir ein Nadelöhr bei den Beatmungsplätzen.

Kann man solche Geräte nicht einfach kaufen?

Es ist nicht nur das Gerät. Man braucht Personal, welches das Gerät bedient, den Patienten überwachen kann. Das kann man nicht aus dem Boden stampfen.

Also ist es entscheidend, dass die Massnahmen zur Eindämmung wirken.

Die Schweizer Strategie ist: Man kann das Virus nicht aufhalten, aber die Verbreitung verlangsamen. Es sollten nicht zu viele aufs Mal erkranken. Die Hoffnung der Verlangsamung ist noch nicht gestorben.

Was empfehlen Sie den Leuten?

Das, was viele schon machen, noch intensivieren. Die soziale Distanz ist wichtig. Je weniger Kontakte wir alle haben, desto weniger Übertragungen gibt es. Wir stossen aber an Grenzen. Man geht arbeiten. Eine Mensa ist für eine gewisse Anzahl Leute konzipiert. Es ist schwierig, die so einzurichten, dass genug Abstand herrscht.

Der Basler Spitalhygieniker Andreas Widmer empfiehlt über 70-jährigen Leuten, sich Gedanken zu machen, ob man sich noch künstlich beatmen lässt und dabei auch schwere Komplikationen in Kauf nimmt. Wenn alle Beatmungsmaschinen mit 80-Jährigen besetzt seien, dann mindere das die Chancen für jüngere Leute, die schwer erkrankt seien. Eine krasse Aussage. Ist die Lage so ernst?

Man muss sich diese Fragen stellen. Der Engpass bei den Beatmungsplätzen stellt uns vielleicht bald vor ein grosses ethisches Problem – so wie derzeit in Italien. Wen behandelt man, wen nicht mehr? Diese Gefahr besteht leider. Es ist aber schon heute so, dass wir Patienten damit konfrontieren, sich zu überlegen, ob sie bei einer Verschlimmerung ihres Zustandes eine Beatmung überhaupt noch wollen. Aber wenn sich die Lage verschärft, müssen ausschliesslich wir Ärzte eine Wahl treffen. Und dieses Problem wäre für uns neu.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Bedenklich

Ueli Bühler
schrieb am 14.03.2020 10:56
Endlich mal jemand der auch versucht die Panik der Leute etwas zu lindern. Schauen Sie doch mal in den Leserbrief von mir am 4. März. Auch die Kommentare darauf sind mehr als aussagekräftig!
Danke und bis bald

Ueli Bühler

Bedenklich

Panik Nein Danke
schrieb am 14.03.2020 06:08
so was in der Schweiz , 1000 positive und 7 Tote, die auch sonst gestorben wären da Sie ja schon mehr als 1 Tödliche Krankheit hatten und schon sehr alt waren ausser eine Person , die aber auch mehrere Krankheiten hatte!
Und unser Gesudheits System ist überlastet! Dass kann ja echt nicht wahr sein , jedes Jahr mehr und mehr bezahlen und nichts im Griff, ausser Panik machen könnt Ihr echt nichts , bis jetzt kenne ich noch keine einzige Person die Corona hat aber laut euch Aerzten und unserer Regierung sollte ja bald jeder eine Pest verseuchte Person sein , hört mal auf mit der Panik mache !!! Auch die Journalisten gehören dazu!
Klärt doch einfach mal die Leute auf das Sie sich endlich mal wieder gesünder ernähren sollten und mehr an die Sonne um Vitamin D3 aufzutanken und Ihr Imusystem zu stärken , aber alle könne hier voll nur einen auf Panik machen, was soll das ?
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