«Wir werden das Corona-Virus im Aargau besiegen»: Die Spitäler stehen vor heiklen Entscheiden

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Am Kantonsspital Aarau wurde die Zahl der Beatmungsplätze (hier mit einem Dummy, also einer Puppe) wegen der Corona-Krise von 26 auf 42 aufgestockt. © Colin Frei

Es ist der letzte Schritt vor der Ausgangssperre: Der Bund verbietet wegen der Corona-Pandemie Ansammlungen von mehr als fünf Personen. Damit sollen die Kontakte zwischen Menschen noch stärker reduziert werden, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Das übergeordnete Ziel: die Behörden wollen verhindern, dass gleichzeitig so viele Menschen erkranken, dass das Gesundheitssystem überlastet ist.

Im Aargau solle das Versammlungsverbot konsequent durchgesetzt werden, teilt der Regierungsrat mit. Er ordnete am Freitag entsprechende Kontrollen durch die Kantonspolizei und Regionalpolizeikorps an. Die Regierung weist darauf hin, dass die Einschränkung insbesondere auf öffentlichen Plätzen, Spazierwegen und in Parkanlagen gelte. Bei Versammlungen von unter fünf Personen müsse gegenüber anderen Personen ein Abstand von mindestens zwei Metern eingehalten werden. Wer sich nicht daran hält, kann von der Polizei gebüsst werden.

Zugleich ruft der Regierungsrat die Aargauer Bevölkerung eindringlich auf, zu Hause zu bleiben. Wichtig sei dies insbesondere für Personen, die krank oder über 65 Jahre alt seien. Nach draussen gehen soll nur, wer zur Arbeit oder zum Arzt gehen sowie wer Lebensmittel einkaufen oder jemandem helfen muss. So sollen besonders gefährdete Personen geschützt und eine Überlastung der Intensivstationen in den Spitälern verhindert werden.

Corona-Opfer im Aargau: Mann verzichtete auf Intensivpflege

Diesen eindringlichen Appell richtete am Freitag auch Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati an die Bevölkerung. An einer Medienkonferenz zu den Vorbereitungen der Aargauer Spitäler auf die Corona-Welle gab er bekannt, dass am Donnerstag der erste Todesfall aufgrund des Virus zu beklagen sei. Beim verstorbenen Patienten handelt es sich um einen 88-jährigen Mann, der mehrere Vorerkrankungen hatte. Er litt unter anderem an Krebs und Bluthochdruck, wie Gallati sagte. Kantonsärztin Yvonne Hummel führte aus, der Mann sei hospitalisiert worden, er habe sich jedoch aus eigenem Willen gegen eine Intensivbehandlung entschieden.

Der erste Corona-Tote im Aargau zählt zur sogenannten Risikogruppe: Senioren, die zusätzlich schwere Vorerkrankungen aufweisen, haben auch bei einer Beatmung auf der Intensivstation kaum eine Chance, die schwere Lungenentzündung zu überleben, die vom Corona-Virus ausgelöst wird. «Für einen solchen Patienten ist Corona eine tödliche Bedrohung», sagte Gallati.

Zahl der Intensiv-Pflegeplätze im Aargau von 46 auf 100 erhöht

Seit gut drei Wochen befasse sich die Corona-Taskforce des Kantons mit möglichen Szenarien der Pandemie, sagte Gallati. «Es gibt den besten Fall mit möglichst wenig Infektionen, den schlechtesten Fall mit vielen Erkrankten in kurzer Zeit, wie in Italien, und ein mittleres Szenario», sagte der Gesundheitsdirektor. Inzwischen sei klar, dass etwa ab Mitte der nächsten Woche eine massive Zunahme der Corona-Fälle im Aargau zu erwarten sei. «Dies zeigte sich vor rund einer Woche, bis dahin gingen wir davon aus, dass diese Entwicklung erst Ende April oder Anfang Mai eintreten würde», sagte Gallati.

Daher habe das Gesundheitsdepartement diese Woche zusammen mit den Spitälern nach sinnvollen Lösungen gesucht, um sich auf die Corona- Welle vorzubereiten und die Kapazitäten auf Intensivstationen zu steigern. Seither wurde die Anzahl der Intensivpflegeplätze in den Spitälern von 46 auf 100 erhöht. Zudem gibt es eine klare Aufteilung, wo Corona-Patienten mit schwerem Verlauf behandelt werden, und wo jene mit leichten Symptomen. Alle Patienten, die Intensivpflege mit Beatmung brauchen, werden in den Kantonsspitälern Aarau und Baden, in der Hirslanden Klinik Aarau sowie im Spital Muri behandelt. KSA und KSB dürfen Spitälern in ihrer Region im Gegenzug leichtere, medizinisch notwendige Fälle zuweisen. Zur Region Ost gehören Spital Zofingen, Asana Spital Menziken und Gesundheitszentrum Fricktal, zur Region Ost das Spital Muri und das Spital Leuggern.

Kapazitäten dürften trotz aller Anstrengungen nicht reichen

Am Freitagmittag wies der Kanton insgesamt 168 bestätigte Corona-Fälle auf, 25 Infizierte waren in Spitalpflege, vier lagen auf der Intensivstation, zwei wurden beatmet. Obwohl laut der Anordnung des Gesundheitsdepartementes auch Psychiatrie- und Rehakliniken künftig Corona-Patienten aufnehmen müssen, geht Jean-Pierre Gallati davon aus, dass die Kapazität der Intensivstationen nicht ausreichen wird. Wenn das Worst-Case-Szenario eintrete, könnten 500 bis 600 Intensivpflegeplätze nötig sein, was auch die erhöhte Anzahl von 100 bei weitem übersteigen würde.

Es werde zu Situationen kommen, in denen die Ärzte entscheiden müssten, wer einen Beatmungsplatz erhalte, und bei wem eine Intensivbehandlung aufgrund zu geringer Heilungschancen nicht vorgenommen werde. Die knappen Plätze sollten für jüngere Patienten mit möglichst guter Heilungsprognose und längerer Restlebenszeit reserviert werden, hielt Gallati fest. Das seien heikle Entscheide, die Ärzte aber auch heute schon in gewissen Fällen zu treffen hätten, sagte der Gesundheitsdirektor auf Nachfrage der AZ.

Entscheid gegen Beatmung nur aufgrund des Alters unzulässig

Wäre der 88-jährige Krebspatient, der an Corona verstarb, demnach nicht auf eine Intensivstation verlegt worden, wenn er dies gewünscht hätte? Gallati hielt auf diese Frage fest, man müsse jeden Einzelfall anschauen und dürfe keine pauschalen Regelungen aufstellen. Er verwies auf die medizin-ethischen Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, die bei solchen Fällen als Entscheidungsgrundlage dienen könnten. Darin heisst es für Pandemien und Ressourcenknappheit unter anderem, dass der Entscheid zum Verzicht auf Intensivbehandlung nicht aufgrund diskriminierender Kriterien wie etwa einer Alterslimite erfolgen dürfe. Vielmehr müsse er nach ethischen Grundsätzen gefällt werden, die Kriterien müssten sachlich und transparent sein.

Trotz der düsteren Einschätzung der künftigen Entwicklung, die auch weitere Corona-Todesfälle im Aargau einschliesst, ist Gallati grundsätzlich überzeugt, «dass wir Corona bei uns besiegen werden». Jeder und jede sei dringend aufgefordert, Verantwortung wahrzunehmen, die Anordnungen des Bundes einzuhalten und der Verbreitung entgegenzuwirken. «Wenn das gelingt, wenn wir einen korrekten menschlichen Umgang miteinander pflegen und den Schwächeren helfen, wird sich am Ende ein Gewinn für den Aargau ergeben», sagte der Gesundheitsdirektor.

Robert Rhiner, CEO des Kantonsspitals Aarau, sieht für die Spitäler mehrere Herausforderungen. Die Ausstattung der Beatmungsplätze mit genug qualifiziertem Personal und die Verteilung der Corona-Patienten auf die Spitäler dürften nicht einfach werden, hielt Rhiner fest. Und auch der Entscheid, in welchen Fällen eine Intensivpflege vorgenommen werde, sei ethisch heikel. Er unterstütze deshalb den Aufruf von Ärzteverbandspräsident Jürg Lareida, dass möglichst viele Aargauerinnen und Aargauer eine Patientenverfügung erstellen sollten.

Edith Saner, Präsidentin des Heim- und Spitalverbands Vaka und zugleich des Grossen Rats, dankte allen Institutionen und Angestellten des Aargauer Gesundheitswesens. «Wir befinden uns in einer Krisensituation, und wir sind sehr stolz auf unsere Mitglieder, wie sie diese bewältigen.» Der letzte Aufruf kam von Regierungsrat Gallati: «Haben Sie keine Angst, konzentrieren Sie sich auf Ihre Verantwortung und Ihre Pflichten, das wird uns helfen, die Krise gemeinsam zu überwinden.»

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Pandemie

B. Kerzenmacher
schrieb am 22.03.2020 20:09
Immerhin erfahren die Fridays for Future-Kids jetzt hautnah, wie es ist, wenn die Wirtschaft stillsteht und Wachstum aussetzt. Im Laden ist nicht mehr alles jederzeit verfügbar, der Städtetrip mit der besten Freundin ist abgesagt und bei dem schon sicher geglaubten Job als Gleichstellungsbeauftragte herrscht plötzlich Einstellungsstopp. Ob der Staat die Pro-Refugee-NGO, bei der man während des Studiums gejobbt hat, weiter unterstützt, ist auch nicht mehr so sicher. Sicher ist nur, es wird teuer und die bequemen Jahre sind vorbei.
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