Benjamin Giezendanner: «Ich darf nun für den Vater einkaufen»

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Benjamin Giezendanner wäscht mit den Töchtern Helene und Sophia die Hände.

Herr Giezendanner, Sie führen ein Transportunternehmen. Wie sehen Ihre Auftragsbücher zurzeit aus?

Im Februar haben wir keine starke Abkühlung des Volumens gemerkt. Die Frühlingssaison ist normalerweise bei uns sehr stark, doch bemerken wir in der jetzigen Phase starke Rückgänge der Aufträge. Bereits Anfang letzter Woche mussten wir für gewisse Abteilungen Kurzarbeit beantragen. Per heute sind zehn Personen gemeldet und in den nächsten Tagen rechnen wir mit mehr als zwanzig Personen.

Wo brechen die Aufträge ein?

Vor allem in der Bau- und in der Chemiebranche. Bei den täglichen Gütern war die Lage noch gut. Wir rechnen aber damit, dass das Auftragsvolumen dort ab nächster Woche ebenfalls abflachen wird.

Im Moment laufen doch Baustellen noch?

Die Stadt Zürich beispielsweise hat die Baustellen, welche im Auftrag der Stadt arbeiten, eingestellt. In der Waadt und in Genf gibt es auch einen Stopp. Das merkt man. In der chemischen Industrie werden gewissen Produktionen runtergefahren. Oder man produziert was anderes. Das wird zunehmen.

Sie sind auch international tätig. Wie ist da die Lage?

In Italien beträgt der Rückgang 50 Prozent. In Deutschland und Belgien haben wir es lange nicht gespürt. Aber auch das verändert sich in diesen Tagen.

Was heisst das zahlenmässig für Ihr Unternehmen?

Die Einbrüche werden ab nächster Woche sicher bei 20 Prozent liegen.

Laut der Zollverwaltung gibt es auch Chauffeure, die international nicht mehr fahren wollen. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Die Moral der Belegschaft ist sehr hoch. Da muss ich ein Lob aussprechen. Gestern hat sich aber eine Fahrerin geweigert, den Lastwagen ins Tessin zu fahren. Obwohl wir unserer Fürsorgepflicht vollumfänglich nachkommen, überwiegt die Angst aufgrund der medialen Berichterstattung. Die Angst ist nachvollziehbar. Aber Auslöser sind zum Teil auch Gerüchte. Und für mich ist klar: Wir müssen das Tessin weiter beliefern!

Was haben Sie für die Fahrer konkret vorgekehrt?

Wir geben Desinfektionsmittel, Maske, Gummihandschuhe und eine Verhaltensanweisung, insbesondere zum regelmässigen Händewaschen, mit. Die Fahrer sollen Distanz halten zum Abladepersonal.

Woher haben Sie die Masken und das Desinfektionsmittel?

Aus der chemischen Industrie, mit der wir oft zusammenarbeiten. Wir fahren zum Beispiel auch Ethanol. Leider wurden uns kürzlich 200 kleine Desinfektionsflaschen im Betrieb über Mittag gestohlen. In dem Moment, in dem alle nach Solidarität schreien, gibt es solche, die meinen, sie müssten sich bereichern. Das tut weh.

Haben Sie auch neue andere Aufträge erhalten wegen der Corona-Krise?

Wir transportieren sicher mehr Ethanol derzeit. Dann gibt es auch andere Rohstoffe wie Isopropylalkohol. Sonst nehmen die Mengen der Rohstoffe, welche wir fahren, ab.

Haben Sie auch Leute im Homeoffice? Und wie arbeiten Sie persönlich?

Im Verwaltungsbereich haben wir gefährdete Personen. Die sind zu Hause. Sonst sind noch alle im Büro. Wir haben aber einige Laptops beschafft, damit wir im Notfall von zu Hause arbeiten könnten. Und wir haben einfach die Büros ausgedünnt.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftlichen Massnahmen des Bundesrates?

Bei der Phase eins mit den 10 Milliarden Franken war ich vom Bundesrat enttäuscht. Aber jetzt, mit der zweiten Phase, wird sicher ein grosser Teil der Bedürfnisse der KMU befriedigt: mit den zinslosen Darlehen, mit der Kurzarbeit für Selbstständige. Das hat der Bundesrat gut gemacht. Und das System über die Geschäftsbanken würde ich fast als genial betiteln, mit einer so kurzen Vorbereitungszeit. Wenn aber öffentlich zugängliche Betriebe lange geschlossen bleiben, werden diese Firmen in grösste Schwierigkeiten kommen. Denn die Mieten beispielsweise laufen ja weiter.

Als SVP-Nationalrat sehen Sie es eigentlich nicht gerne, wenn der Staat eingreift. Wo spielt denn die Eigenverantwortung und die Solidarität der Wirtschaft? Müssen nicht grosse Immobilienfirmen den kleinen Gewerblern die Mieten erlassen?

Ordnungspolitisch haben Sie Recht. Der Staat muss sich mit seinen Hilfen und Eingriffen nach dem Abflachen der Pandemie möglichst schnell wieder zurückziehen. Aber es war auch der Staat, der die Quarantäne-Massnahmen erliess.

Der Auslöser ist ja nicht der Staat, sondern eine Naturkatastrophe, ein Virus. Gemäss der Marktideologie müsste die Wirtschaft ja einer Naturkatastrophe begegnen können.

Dann dürfte aber auch der Gewerbetreibende entscheiden, ob er sein Geschäft schliesst. Gewisse Firmen konnten in dem Sinne nicht mehr eigenverantwortlich handeln und in Eigenverantwortung abwägen, ob Sie die Tätigkeiten weiterbetreiben durften. Es resultierten daraus auch Ungleichheiten, was gesamthaft in der momentanen Situation untergeordnet werden muss.

Vermissen Sie nicht eine Solidarität innerhalb der Wirtschaft?

Das Hilfsprogramm ist für die KMU ausgerichtet. Das Grosskapital handelt glücklicherweise noch eigenverantwortlich. Zusätzlich muss angemerkt werden, dass wir allesamt solidarisch in die Arbeitslosenkasse einbezahlen, welche nun für die Wirtschaft bereit steht. Ein solidarischer Akt in guten Zeiten.

Soll das Parlament nun schnell wieder tagen?

Ich schwimme da wohl gegen den Mainstream. Der Bundesrat soll nun in der Krise handeln. Schliesslich waren alle Parlamentarier in der Stunde der grössten Not still, weil jeder Angst hatte, Verantwortung zu übernehmen. Jetzt kommen alle wieder aus dem Busch und bombardieren den Bundesrat mit Rezepten zur Krisenbewältigung. Kommissionen sollen tagen, ja. Aber das Parlament kann ganz normal im Mai oder Juni zusammenkommen.

Wie erleben Sie diese Corona-Krise privat?

Ich bin mehr zu Hause, gerade am Wochenende. Wir wohnen in einer Wohnung, sitzen nahe aufeinander. Ich geniesse aber die Zeit mit den Töchtern. Andererseits macht man sich Gedanken, übers Geschäft, über die Gesellschaft – und hat den Kopf nicht immer frei, wenn die Kinder spielen wollen.

Wie pflegen Sie den Kontakt zu Ihrem Vater Ulrich Giezendanner?

Wir haben versucht, ihn zu isolieren (lacht). Er fühlt sich noch nicht so richtig zur Risikogruppe zugehörig. Aber nun dürfen wir für ihn einkaufen. Ich habe ihn fast nicht mehr gesehen. Er will sich aber nicht so einengen lassen.

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