«Corona-Krise ist eine Chance, das Alleinsein zu üben»

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«Soziale Isolation ist wohl für die meisten von uns aushaltbar, solange sie absehbar bleibt.» Elke Brusa, Professorin an der Hochschule Luzern

Elke Brusa, Sie sind Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Luzern (HSLU) und beschäftigen sich mit dem Thema Einsamkeit. Bereiten Ihnen Massnahmen wie soziale Isolation Sorge?

Elke Brusa: Einsamkeit nimmt seit Jahren zu. Das hat nicht unbedingt mit den Auswirkungen der Corona-Krise zu tun, sondern ist gewissermassen auch eine Folgeerscheinung unseres modernen Lebens. Laut Studien leidet ein Drittel der Schweizer Bevölkerung an Einsamkeit – überdurchschnittlich viele Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund. Sorgen bereiten mir vulnerable Menschen mit geringen persönlichen und sozialen Ressourcen; diese sind vermutlich von den Einschränkungen im Zusammenhang mit Corona besonders betroffen.

Könnte die Isolation nicht viele Menschen in die Einsamkeit treiben?

Es ist wichtig, zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu unterscheiden. Einsamkeit ist eine subjektive innere Befindlichkeit, in der ich mich nicht zugehörig, ausgeschlossen und nicht geliebt fühle. Einerseits kann es sein, dass eine Person in der aktuellen Situation, in der sie beispielsweise nicht ihrer gewohnten Tätigkeit nachgehen kann, Einsamkeitsgefühle wahrnimmt, die vorher latent vorhanden waren. Andererseits ist soziale Isolation wohl für die meisten von uns aushaltbar, solange sie absehbar bleibt.

Wann wird Einsamkeit zur Gefahr?

Grundsätzlich sind Einsamkeitsgefühle normal und gehören zum Leben. Viele Menschen fühlen sich nach einer Trennung oder der Pensionierung einsam. Das kann vorübergehend und ungefährlich sein. Gefährlich wird es erst, wenn das Gefühl dauerhaft bleibt. Dann kann Einsamkeit psychisch und körperlich krank machen, weil sie als Stressor wirkt und auch zu einem geschwächten Immunsystem führt.

Gibt es Patentrezepte gegen Einsamkeit?

Nein, es gibt selten Patentrezepte. Konkret habe ich drei Ratschläge. Erstens: sich selbst als einen guten Freund behandeln. Zweitens: keine zu hohen Erwartungen an andere stellen. Und drittens: Sinnhafte Tätigkeiten ausüben. Und wenn der Leidensdruck zu gross wird, muss man sich Hilfe holen. Zum Beispiel, wenn man es nicht mehr schafft, in Kontakt mit anderen Menschen zu treten. Die aktuelle Corona-Krise stellt hierbei natürlich ein grosses Problem dar. 

Diverse Institutionen bieten nun Gespräche an. Wie nützlich sind solche Angebote?

Professionelle Hilfe und Gesprächsangebote sind vor allem dort, wo ein tragendes soziales Netz fehlt, von grosser Bedeutung. Solche Gespräche können helfen, die eigene Situation besser zu verstehen, dabei können auch gemeinsam Lösungen entwickelt werden.

Was halten Sie von Videotelefonie?

Videogespräche sind wichtig. Wir sind gefordert, besser mit solchen digitalen Instrumenten umgehen zu können. Persönlichen Kontakt können sie aber nur bedingt ersetzen – auf einem Bildschirm kann ich schliesslich nur einen kleinen Teil einer Person wahrnehmen.

Kann die Corona-Krise eine Chance sein, das Alleinsein besser auszuhalten?

Ich glaube, das ist durchaus eine Chance, das Alleinsein zu üben und die Zeit zu nutzen, sich zu überlegen, ob man grundsätzlich das Leben führt, das man führen möchte.

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