Drohende Lehrstellen-Krise: Oberster Bildungsexperte schlägt bei den Kantonen Alarm

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Stefan Wolter setzt auf Notfallpläne. Die Durchführung der Lehrabschlussprüfung sieht er als kleineres Problem. © Sandra Ardizzone

Die Berufslehre wird durch die Coronakrise einem historischen Test unterzogen. Dabei ist die Durchführung der Lehrabschlussprüfungen längst nicht die grösste Herausforderung. Der oberste Bildungsexperte der Schweiz, Stefan Wolter, fordert die Kantone auf, nun ihre Notfallpläne umzusetzen.

Schon heute ist die Berufslehre von der Virusbekämpfung betroffen. Die Kurszentren sind zu, mindestens bis zum 19. April. Tausende von Lehrbetriebe mussten schliessen, etwa in der Gastronomie. Diese erste Reihe von Probleme konnte von den geschlossenen Lehrbetrieben oft nur mit Erfindertum gelöst werden. In einem Hotel kochen angehende Köche allein für die verbliebenen zwei bis fünf Gäste.

Warnung: Akzeptanz der Lehrabschlüsse gefährdet

Doch wie lassen sich in Coronazeiten die Abschlussprüfungen durchführen? Die Zeit drängt. Die Termine sind in den nächsten Wochen. Es steht viel auf dem Spiel. Minderwertige Zeugnisse oder Atteste könnten ausgestellt werden. Die Expertin beim Arbeitgeberverband, Nicole Meier, warnt: «Die Akzeptanz am Arbeitsmarkt würde gefährdet.»

Diese Probleme dürften gelöst werden, zumindest stehen die Sozialpartner vereint hinter einem Kompromiss. Die schulischen Prüfungen fallen aus. Die entsprechenden Noten werden ersetzt durch Erfahrungsnoten, also Noten aus den vorhergehenden Schuljahren. Bedauerlich, aber notwendig sei dies, sagt Expertin Meier. Dies soll Ressourcen frei setzen, damit man die praktischen Prüfungen corona-konform durchführen kann.

Der Kompromiss dürfte morgen Donnerstag verabschiedet werden. Dafür kommen Spitzenvertreter von Bund, Kantonen und Sozialpartnern in Bern zusammen, alles unter der Leitung von Wirtschaftsminister Guy Parmelin.

Hunderte oder gar Tausende von Schulabgängern ohne Lehrstelle

Die nächste Reihe von Problemen könnte ungleich grössere Ausmasse annehmen, wie Bildungsexperte Wolter sagt. Der Chef der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung warnt vor einem Szenario, das der Bund zwar verhindern wolle, wohl aber nicht ganz verhindern könne: eine grosse Zahl von Konkursen.

«Hunderte oder Tausende von Lernenden mit unterschriebenem Lehrvertrag erfahren im Mai oder Juni: ihr Lehrbetrieb ging Konkurs und sie haben keine Möglichkeit mehr, bis Herbst eine neue Lehrstelle zu finden». Wolter appelliert daher an die Kantone.

«Wenn noch nicht vorhanden, sollten die Notfallpläne schleunigst geschrieben werden – und sonst holt man sie aus den Schubladen.» Die Kantone seien an gewarnt. Es sei immer klar gewesen, dass die nächste Rezession irgendwann kommt. «Nun ist es eine Krise von ungeahnter Dimension.»

Forderung: Brückenangebote müssen vorbereitet werden

Es braucht Brückenangebote und Zwischenlösung. Von der Form her sind es bekannte Lösungen für Jugendliche, die sich nicht für eine Lehrstelle entscheiden konnten oder schulisch zu den Schwächeren zählen. Doch dieses Mal werden die üblichen Inhalte – etwas mehr Sprache oder Mathematik – nicht genügen, sagt Wolter. «Es müssen Angebote für schulisch gute Leute her. Die Bedürfnisse werden weit auseinander gehen.»

Natürlich könne hoffen, glimpflich aus der Coronakrise zu kommen, sagt Wolter. Aber dürfe man sich nicht darauf verlassen. «Wenn wir erst nach den Sommerferien merken, dass eine übergrosse Zahl von Schulabgängern nichts hat, dann ist es zu spät.»

Und der Mangel an Lehrstellen könnte sich fortsetzen. Kommt es zu einer Welle von Konkursen, werden viele Lehrbetriebe dauerhaft ausfallen. In früheren Krisen holten Betriebe, die vorübergehend Lehrstellen strichen, jeweils das Versäumte später auf. Dieser Aufholeffekt fiele weg.

Historischer Stresstest für das System der Berufslehre

Auch ohne Konkurswelle wird die Coronakrise zum historischen Test für die Berufslehre. Wie Wolter erklärt, ist der demografische Trend ungünstig. Die Altersgruppe, die dieses Jahr auf den Lehrstellenmarkt drängt, ist vergleichsweise gross. Dem war in der Finanzkrise nicht so. Ein demografischer Rückgang wirkte als Puffer.

Der Moment könnte kaum dümmer sein. In diesen Wochen sollte ein Grossteil der Lehrverträge unterschrieben werden. Doch viele Betriebe kämpfen mit einer nie da gewesenen Unsicherheit. «Hätten wir November würden sich viele Betriebe sagen, der August ist noch weit und böten dennoch Lehrstellen an.»

Die üblichen Puffer fallen in dieser Krise aus

Die Coronakrise trifft einen rekordhohen Anteil aller Branchen nahezu zeitgleich. Und erfahrungsgemäss sinkt in kriselnden Branchen tendenziell die angebotene Zahl an Lehrstellen. Auch das war in der Finanzkrise anders. Weite Teile des Exportsektors litten, andere Branchen entzogen sich der Krise. Wieder andere wurden mit Verzögerung erfasst. Auch das wirkte stabilisierend.

«Die üblichen Puffer des Systems werden dieses Mal nicht helfen», sagt Wolter. An sich sei es eine bekannte Schwäche der Berufslehre. Sie ist anfällig auf konjunkturelle Schwankungen, wie es ein rein staatliches Ausbildungssystem nicht ist. Schweden etwa gab die Berufslehre einst genau aus diesem Grund auf. Wolter sagt: «Unser System wird auch diese Krise überstehen, aber wir sollten auf das Worstcase-Szenario eine gute Antworten parat haben.»

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