Alain Berset: «Im schlimmsten Fall steigen die Infektionen sogar explosionsartig»

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Bundesrat Alain Berset an seinem 48. Geburtstag in einem Sitzungszimmer des Departement des Innern. © Roland Schmid (9. April 2020

Das Interview findet am Donnerstag statt, dem 9. April. Es ist der Tag, an dem Alain Berset seinen 48. Geburtstag feiert. Nur wissen wir das zu jenem Zeitpunkt nicht. Das Gespräch findet via Telefon statt. Der Gesundheits­mi­nister äussert sich sehr engagiert – und wünscht uns nach dem Interview schöne Ostern: «Bleiben Sie zu Hause!»

Die Bevölkerung habe sich in der Coronakrise «grossartig» ver­halten, sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Teilen Sie diese Einschätzung?

Alain Berset: Ja. Wir leben heute alle mit sehr einschneidenden Massnahmen, die unser Leben stark einschränken. Diese Welt will niemand. Der Bundesrat begründete bei jedem Entscheid deutlich, wieso es diesen braucht, um die Bevölkerung zu schützen und unser Gesundheitssystem am Laufen zu halten. Das finden die Leute richtig. Sie halten sich an die Verhaltensregeln. Nun sehen wir einen Streifen am Horizont.

Wie würden Sie das Verhalten charakterisieren?

Ich gehöre ja auch zur Bevölkerung und bin nicht da, um Noten zu verteilen ..., aber wenn Sie wollen: solidarisch, selbstverantwortlich, mit hohem Verantwortungsbewusstsein.

Trotzdem gab es Ärger. Martin Stei­ger, Anwalt für Digitales, schrieb auf Twitter: «Was zwei Meter bedeuten, scheint vielen nicht klar zu sein. Ich fürchte, wir sind tatsächlich zu dumm für ein paar einfache Regeln.»

Diese Meinung teile ich nicht. Die Menschen halten Abstand, halten sich an die Hygieneregeln. Klar: Alle kommen sich im Alltag manchmal für kurze Zeit näher als zwei Meter. Das passiert mir auch. Dann einfach wieder die Regeln einhalten. Und immer wieder die Hände waschen. Die Bevölkerung hat ihr Verhalten wirklich angepasst.

Wie gross ist die Gefahr, dass es zu einem Rückschlag kommt?

Diese Gefahr ist nicht zu unterschätzen. Darum müssen wir diszipliniert bleiben, vor allem über die Ostertage. Sonst steigen die Infektionen wieder. Es gibt keine Abkürzung. Wir müssen den ganzen Weg gehen. Je nachdem geht es schneller.

Über Ostern sollten die Leute nicht ins Tessin reisen. Wann dürfen sie in Ascona wieder am Lago Maggiore flanieren? Im Herbst?

Ich hoffe sehr, dass das früher der Fall ist. Wir müssen bescheiden bleiben. Das Virus ist neu, wir lernen ständig dazu. Ungewissheit ist ein Merkmal einer Krise. Damit müssen wir leben.

Am 16. März setzte der Bundesrat Notrecht in Kraft. Damit schränkte er gleich sieben Grundrechte ein. Ein sehr massiver Schritt.

Das ist leider so. Der Rechtsstaat ist unsere grösste Errungenschaft. Der Bundesrat machte diese Einschränkung nicht leichtfertig, sondern stets gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Und er begründete diesen sorgfältig, ehrlich und transparent. Immerhin: Im Unterschied zu anderen Ländern liegt das Hauptgewicht auf der Eigenverantwortung der Leute. Unser Schweizer Weg funktioniert. Die Leute werden bei uns nicht quasi eingesperrt, sie verstehen, um was es geht und wissen, welches Verhalten richtig ist.

War dem Bundesrat bewusst, dass er sieben Grundrechte einschränkt?

Wir waren uns sehr genau bewusst, was der Schritt in die ausserordentliche Lage bedeutet. Notrecht ist keine Willkür, sondern in der Verfassung vorgesehen. Grundlage war das vom Volk klar angenommene Epidemiengesetz: Bei einer grossen gesundheitlichen Gefahr kann Notrecht erlassen werden. Und in diesem Wort stecken zwei Begriffe, die der Bundesrat hoch bewertet: Not und Recht.

Erstaunlich war, dass aus der Westschweiz der Ruf nach noch drakonischeren Massnahmen kam, nach einer Ausgangssperre. Hat Sie das überrascht?

Eigentlich schon. Als der Bundesrat am 28. Februar die besondere Lage erklärte und Versammlungen von über 1000 Personen verbot, brachte uns das Kritik ein. In anderen Ländern fänden noch Fussballspiele statt, bei uns aber seien Hockeyspiele und Fasnacht untersagt. Am 20. März gingen wir viel weiter, verboten sogar Ansammlungen von über fünf Personen bei Busse. Ein unglaublicher Schritt für ein freiheitliches Volk, wie wir es sind. Da hiess es plötzlich, das gehe viel zu wenig weit, es brauche eine Ausgangssperre.

In der Krise wird der Ruf nach autoritärer Führung selbst in der Schweiz sehr stark?

In dieser Krise braucht es Entschlossenheit, Klarheit, Transparenz und Ruhe. Und auch schnelle Entscheide. Genau so arbeitet der Bundesrat. Er stützt sich dabei auf Empfehlungen von Spezialisten. Er ist aber auch im Gespräch mit vielen Akteuren, wie den Sozialpartnern oder Wirtschaftsverbänden. Und besonders mit den Kantonen, auch wenn das in der ausserordentlichen Lage gar nicht vorgeschrieben wäre. Aber dem Bundesrat ist es wichtig, dass die Mitsprache auch in dieser Zeit gilt und Entscheide breit abgestützt sind.

Ist die Schweiz mit Notrecht überhaupt noch eine Demokratie?

Absolut. Das Notrecht gilt nur beschränkte Zeit, ist demokratisch legitimiert und unser Parlament ist wieder an der Arbeit. Die Abstimmungen sind bloss verschoben. Wir freuen uns alle, dass wohl ab Ende April die Massnahmen schrittweise gelockert werden. Unser Leben langsam normaler wird, die gewohnten Debatten auf allen Ebenen wieder Fahrt aufnehmen können.

In Zeiten, in denen das Parlament nicht tage, seien die Medien «als kritisches Korrektiv staatlichen Handelns» sehr wichtig, sagte Bundespräsidentin Sommaruga. Wie bewerten Sie die Rolle der Medien?

Für einen Bundesrat ist eine solche Bewertung immer heikel (lacht). In dieser Krise erkennt man bestens, wie wichtig eine freie, qualitativ hochstehende und vielfältige Presselandschaft ist. Die ­Medien informieren über die Lage und Behördenentscheide, geben Alltagstipps. Zu Recht kritisieren sie auch. Das ist wichtig. Die Nutzungszahlen sind enorm, gleichzeitig fehlen Inserate.

Auch die Medien werden kritisiert. Viele sagen, Krisenzeit sei keine Kritikzeit. Andere finden, die Medien müssten kritischer sein.

Kritik darf nie unterbunden werden, sie ist zentral. Diese hilft, die eigenen Entscheide zu hinterfragen. Sie erwähnten vorher die Grundrechte. Zu diesen gehören ganz zentral auch Meinungs- und Pressefreiheit. 

Kritik üben auch Wirtschaftsvertreter: Man habe zu viel ökonomischen Schaden in Kauf genommen für die über 65-Jährigen. Was sagen Sie dazu?

Der Bundesrat will die Menschen mit einer Vorerkrankung und die über 65-Jährigen schützen. Sie sind besonders gefährdet. In der Präambel unserer Bundesverfassung steht unmissverständlich: Die Stärke des Volkes misst sich «am Wohl der Schwachen». Eine Gemeinschaft muss in einer solchen Situation zusammenstehen und die Verletzlichen schützen. Wer hat unser Land so erfolgreich gemacht? Wem sollten wir Danke sagen dafür? Unseren Vorfahren, auch dieser Generation der über 65-Jährigen. Wir berücksichtigen aber auch die Interessen der Gesamtgesellschaft.

Wie?

In der Schweiz funktionieren 70 Prozent der Wirtschaft nach wie vor. In anderen Ländern sind es nur 20 oder 30 Prozent.

Die Wirtschaft machte in den letzten Tagen Druck für Lockerungen – und verwies auf Österreich als Beispiel. Wie stark beeinflusste das den Bundesrat?

Jedes Land hat seine eigene epidemiologische Lage. Wir prüfen, wie und wo wir Massnahmen lockern können. Öffnen wir zu früh, steigen die Infektionen wieder, im schlimmsten Fall sogar explosionsartig. Dann bräuchte es drastischere Einschnitte als jetzt, die noch mehr Wirtschaftsbereiche träfen.

Sie sind nicht nur Gesundheitsminister. Sie haben auch den Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften. Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage nach der Coronakrise?

Wir haben es mit einer Pandemie zu tun, einer Infektionskrankheit, die für die ganze Welt grosse Konsequenzen hat. Die Schweiz exportiert einen Drittel ihrer Produkte. Kauft das Ausland diese nicht mehr, weil alles stillsteht, haben wir ein gravierendes Problem. Dazu kommen die Massnahmen im Inland. Wir können die Situation zusammen meistern. Wir müssen aber den Menschen und Unternehmen in Not helfen, damit sie eine Zukunft sehen.

Fördert die Coronakrise den Generationenkonflikt?

Eher im Gegenteil. Die Krise stärkt den Zusammenhalt. Ich sehe in Bern an Türen Zettel, junger Leute auf denen sie älteren Menschen anbieten, Einkäufe für sie zu erledigen. Das beeindruckt mich.

Vieles deutet darauf hin, dass es beim Ausstieg aus dem Lockdown eine Maskenpflicht geben könnte. Wo?

Es darf selbstverständlich jeder eine Maske tragen, wenn er das will. In der aktuellen Phase bringt dies aber gesunden Menschen nicht viel. Aber die wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Virus machen gewaltige Fortschritte und das hat auch einen Einfluss auf die Frage, ob und wann Masken sinnvoll sein können. Ich schliesse deshalb nicht aus, dass wir mit der Lockerung in bestimmten Situationen eine Maske empfehlen.

Beim Einkaufen und im öffent­lichen Verkehr?

Wir erarbeiten an Ostern und den kommenden Tagen einen möglichen Lockerungsplan, der Schutzmassnahmen umfasst. Dabei stützen wir uns auch auf die internationalen Empfehlungen.

Im Pandemieplan steht eigentlich, dass jeder selber einen Maskenvorrat haben soll. Doch das wusste kaum mehr jemand.

Dafür muss man Verständnis haben. Künftig werden wir wissen, was eine Epidemie bedeuten kann. Diese Coronakrise werden wir alle nie vergessen. Klar braucht es bei gewissen Gütern Lager.

Wie viele Hygienemasken hat der Bund? Gemäss «Tages-Anzeiger» gab das Labor Spiez 10 Millionen Masken frei und die Armee bestellte 80 Millionen Masken.

In einer Pandemie sind Masken international ein besonders knappes Gut. Deshalb hat sich der Bund eingeschaltet. Der Bundesrat sorgt dafür, dass die finanziellen Mittel vorhanden sind, damit wir möglichst viele Masken kaufen können. Der Bund hat bereits etliche Millionen beschafft und den Kantonen für das Gesundheitswesen zur Verfügung gestellt. Das verfügbare Volumen wächst zurzeit rasant. Zudem haben wir Maschinen gekauft, um bei uns Masken zu produzieren. Und wir prüfen, ob wir wieder verwendbare aus Textilien herstellen sollen.

Ems-Chefin Magdalena Martullo schlug vor, der Bundesrat solle Masken aus China einfliegen. Tun Sie das?

Das hat er schon. Wir kaufen weltweit Schutzmaterial ein.

Diese Krise zeigt: Es gibt in der Schweiz Versorgungslücken. Was lief schief?

Zurzeit konzentrieren sich Kantone, Spitäler und Bund darauf, die nötigen Güter zu beschaffen. Wir sind mitten in einem Marathon. Da denkt man nicht schon an den nächsten Marathon. Man will gut ins Ziel kommen. Danach gibt es eine sorgfältige Analyse und wir ziehen unsere Lehren. Welche Reserven soll wer für eine nächste Epidemie anlegen? Die Beschaffung funktioniert.

Wirklich?

Viele Länder sind gleichzeitig dabei, Medikamente und Schutzmittel zu kaufen. Bisher haben wir alles rechtzeitig beschaffen können. Dieses Virus verbreitet sich schnell und verursacht schweren Atemerkrankungen. Es brauchen nun alle viel mehr Beatmungsgeräte und Medikamente. Bis heute konnten wir – nicht zuletzt auch wegen der Vorbereitungen der Spitäler und der neu geschaffenen Kapazitäten – alle Patientinnen und Patienten bestmöglich behandeln.

In Italien dürften die Menschen grossflächig auf ihre Immunität geprüft werden. Kommt das hierzulande auch?

Auf jeden Fall. Diese serologischen Tests sind sehr wichtig, um zu wissen, wie stark die Schweizer Bevölkerung immunisiert ist. Aktuell haben wir über 24'000 positiv getestete Personen. Wir wissen aber, dass die reale Zahl der Menschen, die das Virus hatten, deutlich höher liegt. Eine internationale Studie schätzt sie auf 200'000 bis 250'000.

Was ist das Ziel?

Wir können jetzt die Verbreitung des Virus bremsen und später verhindern, dass eine einzelne Erkrankung wieder zu weiteren Ansteckungen führt. Denn bis es einen Impfstoff gibt, wird die Krankheit nicht verschwinden. Sie verbreitet sich nach heutigem Wissensstand so lange, bis etwa zwei Drittel der Bevölkerung immun ist. Das sind in der Schweiz also rund 6 Millionen Personen. Davon sind wir noch weit entfernt.

Sie tragen fast nie Masken. Haben sie keine Angst, sich anzustecken?

Nein, ich habe keine Angst. Selbstverständlich trage ich dort eine Maske, wo es empfohlen ist. In Spitälern, in Intensivstationen, in Kontakten mit Ärzten. Sonst aber nicht. Ich bin gesund. Ich schütze mich und andere, indem ich Abstand halte und meine Hände wasche. Das tue ich bei jeder Gelegenheit.

Bei jeder Gelegenheit?

Ja. Zu Beginn hatte ich kein Desinfektionsmittel. Wasser und Seife reichen völlig aus, um sich zu schützen. Desinfektionsmittel ist aber unterwegs praktischer. Ich wasche meine Hände übrigens nicht erst seit dem Corona­virus häufig. Ich bin ja viel unterwegs und habe vor dieser Krise auch viele Hände geschüttelt.

Seit dem 23. Februar leben Sie in Bern, haben Ihre Familie nicht mehr gesehen. Ist das schwierig?

Das gehört leider dazu. Viele andere arbeiten auch viel und bringen Opfer. Ich hoffe, dass ich nun über Ostern den einen oder anderen Tag nutzen kann, damit wir wieder zusammen sind.

Ihr Büro ist ein Situation Room?

Die Schweiz meistert diese Krise in gewaltiger Teamarbeit. Natürlich bin ich jetzt mehr im Gebäude, wo sich mein Büro befindet und habe dort Sitzungen. Immer mit Abstand. Und auch Videokonferenzen.

Haben Sie in solchen Momenten auch Zweifel?

Wer keine Zweifel hat, ist mir unheimlich. Zu zweifeln ist auch ein Motor. Hat man sich aber mal für einen Weg entschieden, so gilt es diesen entschlossen zu verfolgen. Aber dabei immer mit der Bereitschaft zu prüfen, ob der eingeschlagene Kurs noch zielführend ist.

Wie entspannen Sie sich?

Musik ist für mich wichtig. Ich mag Jazz und Elektro, gerne auch kombiniert. Aktuell schaue ich auf meinem Tablet am Abend manchmal die TV-Serie Narcos Mexico. Das ist eine völlig andere Welt. Unterhaltung hilft abzuschalten und zu entspannen.

Gesundheitsminister seit 2012

Der in Freiburg geborene Alain Berset feierte am Donnerstag seinen 48. Geburtstag. Er hat an der Universität Neuenburg Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert und schloss mit dem Lizenziat und 2005 mit dem Doktorat ab. Er war auch als Gastforscher am Institut für Wirtschaftsforschung in Hamburg tätig. Zwischen 2003 und 2011 sass Berset für den Kanton Freiburg im Ständerat, den er 2009 präsidierte. Am 14. Dezember 2011 wählte ihn die Bundesversammlung in den Bundesrat. Seit 2012 ist Berset Vorsteher des Departements des Innern EDI. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. (att)

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