75 Jahre nach Kriegsende: Rückblick auf eine Kindheit voller Entbehrungen

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Leopoldine Gaigg lebt seit fast 40 Jahren in Bottenwil. «Ich liebe dieses Dorf», sagt sie. (Bild: Raphael Nadler 2015)
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Klaus Humbert mit dem Jahrgangsband 1944 der «Schweizer Illustrierten Zeitung». Bilder: zvg

Sie haben beide Jahrgang 1935, wohnen heute in der Region Zofingen und sind Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges. Doch damit dürften die Gemeinsamkeiten bereits aufgezählt sein. Denn die in Bottenwil lebende Österreicherin Leopoldine Gaigg ist in Wien im XV. Bezirk aufgewachsen und mit 20 Jahren in die Schweiz gekommen. Klaus Humbert lebt heute in Rothrist; aufgewachsen ist er im Emmental. Während Gaigg den Krieg in Österreich (damals Deutsches Reich) hautnah miterlebt hat, beschränkt sich die Erfahrung bei Humbert auf die Lektüre der «Schweizer Illustrierten Zeitung» und fernen Kanonendonner im Frühjahr 1945.

Heute vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, trat um 23.01 Uhr die bedingungslose Kapitulation aller deutscher Verbände an allen Fronten in Kraft. Da die militärische Kapitulation im Hauptquartier der westlichen Alliierten im französischen Reims in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai nur von Generaloberst Alfred Jodl, nicht aber von den Oberbefehlshabern der einzelnen Teilstreitkräfte der Wehrmacht unterzeichnet werden konnte, wurde am 9. Mai um 0.16 Uhr in Berlin am Sitz des sowjetischen Oberbefehlshabers, Marschall Georgij Schukow, ein weiteres Dokument zur Ratifizierung dieser Kapitulation unterzeichnet. Anwesend waren Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel für das Oberkommando der Wehrmacht und das Heer, Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg für die Kriegsmarine und Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff für die Luftwaffe. Alle drei waren bevollmächtigt von Grossadmiral Karl Dönitz, dem nach Adolf Hitlers Selbstmord am 30. April höchsten Regierungsvertreter Deutschlands.

«Anflug auf Kärnten, Steiermark»

Am Tag des Waffenstillstandes lebte Gaigg bei ihren Grosseltern in Oberösterreich, rund 200 Kilometer von Wien entfernt. Dorthin wurde sie während des Krieges immer wieder evakuiert, wenn die Lage in Wien zu gefährlich wurde. «Wien wurde viel bombardiert», sagt Gaigg. Die Familie musste sehr oft, auch nachts, in den Luftschutzkeller. Einen ruhigen Schlaf habe man da nie gehabt, sagt sie. «Immer die Gedanken, was passiert, wenn eine Bombe das Haus trifft.»

Auf dem Land war sie sicher. Hier bombardierten die Alliierten nicht. Aber ihre Mutter war in Wien geblieben. «In Wien fielen die Bomben unerbittlich, legten ganze Häuserblocks in Schutt und Asche, und mitten in diesem Inferno befand sich meine Mutter», schreibt sie in ihren «Lebenserinnerungen eines Sonntagskindes». Und weiter: «Immer, wenn es hiess: ‹Anflug auf Kärnten, Steiermark›, fühlte ich einen eisernen Ring um mein Herz.» Ihr Vater war als Soldat im Krieg gefallen, Geschwister hat sie keine – so war ihre Mutter die wichtigste Person in ihrem Leben, neben ihren Grosseltern, Onkeln und Tanten.

Das Kriegsende sei dann plötzlich gekommen, erinnert sie sich: Die Siegermächte marschierten ein und tagelang seien Flüchtlinge aus dem Banat (historische Region in Südosteuropa; liegt heute in den Staaten Rumänien, Serbien und Ungarn) ins Dorf gekommen. Zudem waren auch Landesteile gesperrt, man konnte nicht mehr überall hinfahren.

Kirchenglocken verkünden das Ende des Krieges

In der Schweiz läuteten zu Kriegsende die Kirchenglocken. Humbert wollte sich gerade vom Parterre in den ersten Stock seines Zuhauses begeben, als sein Vater ihm sagte, dass Deutschland kapituliert habe. Was er in diesem Moment gefühlt habe, daran könne er sich heute nicht mehr erinnern. «Ich stand auf der Laube und hörte die Kirchenglocken läuten.»

Humbert ist im Emmental aufgewachsen. «Wir hatten es sicher einfacher auf dem Land als die Menschen in der Stadt», sagt er. «Mein Vater hat mir erzählt, dass besonders die Qualität des Brotes, besonders in Basel, sehr schlecht war.» Teilweise habe man es mit Kartoffelmehl gestreckt. «Und es hat Fäden gezogen», sagt Humbert. Seine Eltern führten ein gutgehendes Geschäft mit Bäckerei und Haferdepot für Militärpferde. «Unsere Familie war eher privilegiert. Das schätzten wir auch.» Der Vater sei zwar immer wieder im Militärdienst gewesen. Aber da der Grossvater gleich nebenan wohnte und trotz Jahrgang 1870 «mit einer guten Gesundheit gesegnet» gewesen sei, habe dieser während der Abwesenheit des Vaters immer wieder einspringen können. Auch Klaus Humbert als Ältester der fünf Kinder musste neben der Schule kräftig mit anpacken. «Ich hatte praktisch keine Freizeit», sagt er. «Geschadet hat es mir nicht.»

Die Kundschaft konnte nur gegen Mahlzeitencoupons Brot und Lebensmittel kaufen. Das alles wurde von den Behörden sehr genau kontrolliert. «Ganze Sonntage musste ich diese Coupons auf vorgummierte Bögen aufkleben. Dazu hatten wir auch eine Schülerin als Hilfe angestellt.» Das Brot hätten sie in grossen Körben gelagert, denn es durfte nie frisch verkauft werden.

Starke Abneigung gegen Nazis und Kommunisten

«Am Küchentisch wurde oft diskutiert», sagt Humbert. «Unsere Sympathien waren bei den Westalliierten. Weder Hitler noch Stalin standen in unserer Gunst. Unsere Helden stammten allesamt aus Frankreich, England und den USA. Sehr verehrt wurden auch General Guisan und [Bundesrat] Rudolf Minger.» Und seit dieser Zeit habe er eine starke Abneigung gegen Nazis und Kommunisten.

Anders sah das bei Gaigg aus. Es war lebensgefährlich, Kritik am deutschen Regime zu üben. Weder sie noch ihre Bekannten und Verwandten hatten Sympathien für die Alliierten, denn «zur Kriegszeit waren das ja die Feinde», sagt sie. Das habe sich auch unmittelbar nach dem Krieg nicht gross geändert: «Auch wenn sie unser Land befreit hatten, mussten wir noch jahrelang negative Folgen hinnehmen, bis sie nach dem Staatsvertrag (von 1955, Anm. d. Red.) endlich das Land räumten.»

Noch während der fünf Jahre dauernden Ausbildung am Lehrerseminar in Linz zog sich eine Grenze der Donau entlang durch die Stadt. In LinzUrfahr, auf der linken Flussseite, wo auch ihr Mann während seiner Ausbildung in einem Schülerheim wohnte, waren die Russen, auf der rechten Seite die Amerikaner. Wer von einem Stadtteil in den anderen wollte, musste sich ausweisen, um die Grenze übertreten zu können. «Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen», sagt sie.

In ihrem Buch beschreibt Gaigg auch eine Szene, als ihr ein amerikanischer Soldat ein Päckchen Kaugummi schenken wollte. Sie wusste erst gar nicht, was diese länglichen, in Papier gewickelten Streifen waren: «Es war mir schon so komisch vorgekommen, dass einige der Soldaten die ganze Zeit auf etwas herumkauten, wie unsere Lona im Stall.» Sie liess den GI abblitzen: «Ich verschränkte die Hände auf dem Rücken und sagte: ‹No, thanks!›» Als ihre Mutter sie dann gefragt habe, weshalb sie Nein gesagt habe, sagte sie: «Zuerst haben sie unseren Stephansdom kaputt gemacht und die Oper. Sie haben so viele Häuser zerbombt, und jetzt haben die Leute alles verloren. Sie sind immer über Kärnten und Steiermark nach Wien geflogen und ich habe nie gewusst, ob ich dich wieder sehen werde. Jetzt brauche ich auch nicht ihren Kaugummi und ihre Schokolade! Sie sollen ihr blödes, süsses Zeug selber fressen!» Da habe ihre Mutter bloss gesagt: «Du hast ganz recht gehabt.»

Keinen Groll mehr gegenüber den früheren Feinden

Durch ihre vielen Jahre als Kursleiterin im Fach «Deutsch für Fremdsprachige» mit Teilnehmern aus fast 60 Nationen sei sie später zu einer eigentlichen Kosmopolitin geworden. «Ich habe überhaupt keine Vorurteile gegen irgendeine Nation: also egal ob Amerikaner, Russen, Engländer oder Franzosen, da ist nichts von früher zurückgeblieben.» Schliesslich könne keiner was dafür, was früher passiert sei. Es komme auf jeden einzelnen Menschen an, egal woher er komme.

Gaigg sieht mit gemischten Gefühlen auf die heutige Welt: «Ein gewisses Grauen steigt auf, wenn man in den Medien sieht, was alles auf der Welt geschieht, und dazu eine gewisse Hilflosigkeit, weil man selbst nicht oder zu wenig helfen kann.» Der Wohlstand habe bewirkt, dass die Menschen übersetzte Ansprüche stellten, sagt sie. Man könne sich gar nicht mehr vorstellen, wie man leben muss, wenn sich etwas als anderes erweist als erwartet.

«Ich bin dankbar, dass ich an einem so sicheren Punkt, hier in der Schweiz gelandet bin.» Sie folgte im Alter von 20 Jahren ihrem Mann, einem Österreicher, in die Schweiz. Nach dem Abschluss habe es für sie in Österreich keine freien Lehrerstellen gegeben. «Er hatte in der Schweiz eine Anstellung. Wir haben eine Familie gegründet und sind hier geblieben.» Die Schweiz sei zur zweiten Heimat geworden, die sie sehr liebe, sagt sie. «Leider ist mein Mann vor 25 Jahren gestorben, worunter ich sehr leide.»

«Ich denke noch ab und zu an diese Zeit zurück. Besonders die Millionen unschuldigen Toten in den Vernichtungslagern machen mir zu schaffen», sagt Humbert. Auch wenn sich seine Kriegserfahrung auf die intensive Lektüre der «Schweizer Illustrierten Zeitung» und des «Grossen Weltgeschehens» von Herbert von Moos beschränkt, ist ihm in Erinnerung geblieben, dass man «im Vorfrühling 1945, wenn am Sonntagmorgen Stille herrschte, ein fernes Donnergrollen, ein bum, bum, bum, hörte.» Das war Kanonendonner aus dem Elsass, vom zur Neige gehenden Zweiten Weltkrieg. Entfernung: etwa 70 Kilometer Luftlinie.

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Leopoldine Gaigg (hier als 16-Jährige) wurde im Krieg öfters aufs Land evakuiert.
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Klaus Humbert (l.) 1949 mit seinem Vater und drei seiner vier Geschwister.
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Kriegsversehrtes Wien 1946: Bombardierte Gebäude entlang des Franz-Josef-Kais. Im Vordergrund wird die Marienbrücke repariert. Bild: Shutterstock
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«Lebenserinnerungen eines Sonntagskindes»: Leopoldine Gaigg veröffentlichte 2014 unter dem Pseudonym Helli Angermann ihre Erinnerungen an die Zeit während des Krieges und die Nachkriegszeit. Das Buch ist im Verlag Universal Frame erschienen. Alle Einnahmen aus dem Buchverkauf leitet Gaigg an Padre Jose (Josef Neuenhofer) nach La Paz weiter. Er kümmert sich in Bolivien um Strassenkinder, die niemanden haben. «Ich habe alles, was ich brauche und vieles, was ich mir wünsche», sagt Gaigg. «Ich bin kein besserer Mensch als diese elternlosen Kinder und sie haben auch nur ein einziges Leben.» Helli Angermann, Lebenserinnerungen eines Sonntagskindes, Verlag Universal Frame ISBN: 978-3-9059-6044-0
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