Sportministerin Viola Amherd: «In der Schweiz gibt es kaum Fussball-Millionäre»

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Bundesrätin Viola Amherd hebt den Warnfinger:« Die Profiklubs müssen jetzt auch ihren Effort leisten.» © Peter Schneider / KEYSTONE

Waren Sie seit dem 11. Mai schon im Fitnesscenter oder im Schwimmbad?

Viola Amherd: Keines von beiden. Es hat zwar Tage gegeben, an denen ich am Schwimmen war. Aber nicht in einem Schwimmbad (lacht).

Wo sonst?

Hier im Büro in den vielen Akten, die alle innert kürzester Zeit hereingeflattert sind.

Wie halten Sie sich fit?

In normalen Zeiten gehe ich tatsächlich ab und zu ins Fitnessstudio. Sehr viel gehe ich Laufen oder Wandern und Velofahren. Und im Winter natürlich Skifahren.

Mussten Sie Ihr Sportprogramm während des Lockdowns anpassen?

Ich musste meine sportlichen Tätigkeiten aus Zeitgründen aufs Wochenende beschränken. Samstags und sonntags ging ich regelmässig am Morgen eine Stunde Laufen und am Nachmittag war ich eine Stunde mit dem Velo unterwegs.

Der Stillstand des Sports ist Grund für das Stabilisierungspaket in der Höhe von 500 Millionen. Geld für Profisportler ist ein Thema mit grosser emotionaler Wirkung. Wie liessen Sie sich von der Notwendigkeit überzeugen?

Als Sportministerin war mir klar, dass wir schnell und unkompliziert handeln müssen. Wir können uns nicht leisten, dass die Strukturen des Schweizer Sports durch diese Krise kaputt gehen. Sie sind sowohl für die Profisportler wie auch für die Nachwuchsförderung und die Freizeitsportler von eminenter Wichtigkeit. Auch viele Menschen im Umfeld der Wettkämpfe, wie Medienschaffende oder Personen im Bereich Hospitality, sind davon abhängig. Insgesamt hängen 100 000 Arbeitsplätze an der Schweizer Sportwirtschaft. Das darf man nicht vergessen. Der Sport generiert 1,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Mehr als die Landwirtschaft. Deshalb kann man nicht einfach zuschauen und abwarten, ob der Sport die Krise überlebt oder nicht.

Offensichtlich waren diese Argumente stark genug, um den Gesamtbundesrat zu überzeugen?

Der Bundesrat ist sich bewusst, dass der Sport in unserem Land einen sehr grossen gesellschaftspolitischen Stellenwert hat. Im sozialen Bereich, für die Integration und die persönliche Entwicklung der Jugendlichen. Im Sport kann man so viel lernen, dass einem im Leben hilft. Und mehr als 80 Prozent der über 15-Jährigen betreiben regelmässig Sport.

Welche Reaktionen haben Sie erhalten auf das Sportpaket?

Ich habe sehr viele positive Rückmeldungen erhalten. Man war erleichtert, dass Entscheidungen gefallen sind. Klar gibt es noch Details zu klären, wir haben am Mittwoch die Eckpunkte beschlossen. Ich spürte eine gross Erleichterung, weil die Sportwelt gemerkt hat: Ja, wir werden nicht vergessen. Selbstverständlich habe ich auch die eine oder andere kritische Rückmeldung gelesen – das ist nachvollziehbar, denn das sind Steuergelder, die wir ausgeben. Es sind grosse Beträge, darum ist Vorsicht geboten und wir müssen die Risiken so weit wie möglich minimieren.

Das Gefühl, «wir sind vergessen worden». Im Rückblick: Fühlte sich der Sport zurecht vernachlässigt?

Da müssen wir zwischen Empfindungen und Fakten unterscheiden. Der Bundesrat hat schon sehr früh ein erstes Sofortpaket über 100 Millionen beschlossen. Das wurde vielleicht zu wenig wahrgenommen. Aber Fakt ist, dass es schon früh eine politische Reaktion gab.

Den Sportfunktionären wurde vorgeworfen, die Lobbyarbeit in Bundesbern sei schwach. Ihre Meinung?

Ich sehe das anders. Der Lauteste ist nicht immer der Effizienteste. Ich bin der Meinung, der Sport hat eine gute Lobby.

Kritisch wurden die Kredite für Fussballer beäugt. Sie haben in der Gesellschaft den Ruf, verwöhnt zu sein. Warum müssen Sie trotzdem unterstützt werden?

Unsere beiden Profiligen im Fussball und Eishockey haben eine sehr wichtige Funktion in diesem Land. Gerade wenn wir an die Nachwuchsförderung denken. Das Image der Fussballer ist teilweise tatsächlich so, wie Sie es beschrieben haben: verwöhnt, überbezahlt. Wer sich die Situation in der Schweiz genau anschaut, erkennt: Wir haben nicht die Zustände wie im Ausland. Es gibt kaum Fussball-Millionäre. Wir haben aber Bedingungen an die Hilfe geknüpft. Die bestehenden Löhne müssen eingefroren werden, dazu in den nächsten drei Jahren um 20 Prozent gesenkt werden. So können wir Einfluss nehmen auf die Entwicklung. Zudem legten wir fest: Die Ligen müssen die Beträge zurückzahlen. Schliesslich muss ein Sicherheitsfonds gegründet werden, damit der Betrieb bei einer allfälligen neuen Krise mindestens sechs Monate aus eigener Kraft weitergeführt werden kann. Das zeigt, auch die Vereine selbst müssen einen Effort leisten.

Das tönt gut. In der Praxis wird es in der Schweiz aber etliche Vereine geben, die Gelder nicht zurückzahlen können aufgrund der wirtschaftlichen Realitäten.

Ich finde: Wenn man fünf oder zehn Jahre Zeit hat, um diese Gelder zu amortisieren, dann muss das drin liegen. Zudem können die Darlehen höchstens 25 Prozent der Betriebsausgaben absichern, nicht den Gesamtbetrieb. Das bedeutet, es braucht sowieso eine gesunde wirtschaftliche Struktur.

Ist der Schweizer Profisport krank?

Es gibt sicher Verbesserungspotenzial. Ich würde mir erhoffen, dass die Krise dazu führt, dass die Klubs und die Ligen eine Struktur aufbauen, um dank einem finanziellen Polster in Zukunft Krisen besser zu überstehen. Dass man nicht einfach nur von der Hand in den Mund lebt. Das war in der Finanzkrise bei den Banken dasselbe. Man schrieb ihnen vor: Es braucht eine gewisse Summe Eigenkapital, dass ihr eine gewisse Substanz habt, um euch selber zu helfen. Das verlangen wir nun auch von den Profiklubs im Sport.

Begrüssen Sie es, dass mit diesen Plänen eine öffentliche Debatte über Grossverdiener im Sport ausgelöst wird?

Ich habe Verständnis, dass dieses Thema diskutiert wird. Vor allem, wenn Steuergelder dafür eingesetzt werden. Aber man muss fair diskutieren und sauber analysieren, wie viele Topverdiener wir wirklich haben – und wie es für die Mehrheit aussieht.

Wie stellen Sie denn sicher, dass kritische Stimmen nicht Überhand nehmen – und plötzlich via Parlament die geplante Sporthilfe ausbremsen?

Das Parlament ist frei zu entscheiden, das ist seine Aufgabe. Aber ich war selbst lange im Parlament – und ich muss sagen: Den Parlamentarierinnen und Parlamentariern ist die Wichtigkeit des Sports sehr wohl bewusst. Und ich gehe davon aus, dass sie sich an Fakten orientieren, dass sie das Geschäft studieren – und nicht nur die Kommentarspalten lesen. Darum bin ich guter Hoffnung, dass es durchkommt.

Fürs Pflegepersonal klatschen wir – dem Profifussballer geben wir Geld. Sind solche Quervergleiche zulässig?

Sie sind einfach nicht treffend! Das Pflegepersonal erbringt eine riesige Leistung und erhält dafür einen Lohn, der selbstverständlich ist. Und jetzt kann man darüber diskutieren: Ist er hoch genug oder nicht? Aber auch die Spitäler konnten von den Unterstützungsmassnahmen des Bundes profitieren, Stichwort Kurzarbeit und nicht zuletzt auch die Unterstützung durch Armee und Zivilschutz. Darum: Nein, so ein Quervergleich ist nicht treffend.

An die Finanzhilfe für Fussball und Eishockey ist auch ein Bekenntnis zum Nachwuchs gekoppelt, nicht aber Engagements zur Frauenförderung – warum nicht?

Das könnte man diskutieren. In letzter Zeit wurde aber bei der Frauenförderung im Sport gute Arbeit geleistet. Gerade im Fussball, wo der Verband eine Stelle dafür geschaffen hat. Ich denke, der Trend zum Frauenfussball wird anhalten. Das hat sich auch bei der vergangenen Fussballweltmeisterschaft der Frauen gezeigt.

Braucht der Schweizer Profisport – also Fussball oder Eishockey – eine Lohnobergrenze?

Eine Lohnobergrenze, nicht nur im Sport, ist für mich ein ziemlicher Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit. Darum sollte man von Obergrenzen absehen und an die Vernunft appellieren. Ich denke, durch die Krise wird es sowieso ein Umdenken geben – geben müssen – und unsere angedachten Mittel werden wirksam sein. Die Klubs müssen sich trotz Bundeshilfe ziemlich anstrengen, um die Krise zu bewältigen.

«Vernunft» war noch nie der erste Ratgeber im Sport. Sei es, um den nächsten Titel zu gewinnen, oder den Abstieg zu verhindern. Es gibt immer Gründe, um noch mehr Geld auszugeben. Glauben Sie wirklich, dass Corona daran etwas ändert?

Das kann ich nicht mit Sicherheit unterschreiben. Man diskutiert ja auch: Hat die Coronakrise einen langfristigen Einfluss auf das Verhalten der Bevölkerung, auf die Mobilität zum Beispiel. Ob das dann tatsächlich eintrifft, kann ich auch nicht sagen...

… wir befürchten: nein, wird es nicht!

Ich bin auch eher skeptisch! Aber ich habe von vielen Klubvertretern vernommen, dass sie eine Chance sehen, jetzt umzudenken. Sie müssen. Darum darf man nicht zum Vornherein sagen: Es funktioniert nicht.

Wie lange müssen die vielen Nachwuchssportlerinnen und -sportler oder Amateure in der Leichtathletik, im Radsport oder beim Beachvolleyball noch warten, bis sie sich im Wettkampf messen können?

Ich kann momentan leider kein Datum nennen. Ich hoffe, so schnell wie möglich. Gerade für die vielen Nachwuchssportler ist das sportliche Messen im Wettkampf sehr wichtig. Wir müssen aber abwarten, wie sich die ersten Lockerungsschritte auf die Infektionszahlen auswirken. Bis jetzt ist es Gott sei Dank sehr gut verlaufen, da sich die Bevölkerung verantwortungsvoll an die Massnahmen hält. Nun kommt es auf die Folgen des zweiten Lockerungsschrittes an. In zwei Wochen wissen wir mehr und Ende Mai wird der Bundesrat über die weiteren Schritte entscheiden.

Es gibt einen Fahrplan für den Profifussball und für Grossveranstaltungen. Aber die vielen kleinen Wettkämpfe befinden sich im Ungewissen!

Ich habe volles Verständnis für die Organisatoren dieser Anlässe. Es wird sicherlich ein Thema sein, wenn der Bundesrat am 27. Mai über die nächsten Lockerungsschritte befindet.

Und wann können Sie erstmals wieder einen grossen Sportanlass mit vielen Fans besuchen?

Grossveranstaltungen ab 1000 Personen bleiben ja bis Ende August verboten. Der bestmögliche Termin für einen solchen Sportanlass ist also der 1. September. Aber das kann man heute noch nicht versprechen, weil wir stets die Entwicklung der Pandemie im Auge behalten müssen. Wenn die Entwicklung anders verläuft, als dass wir uns alle erhoffen, müssen wir diesen Zeitplan neu beurteilen, auch wenn das für die Sportveranstalter sowie die Athletinnen und Athleten natürlich hart ist.

Es gibt deshalb Veranstalter im Herbst – etwa das Leichtathletik-Meeting Weltklasse Zürich – die ihre Veranstaltungen bereits jetzt absagen. Ganz einfach, weil es ohne Planungssicherheit nicht funktioniert. Damit hat die Einschränkung noch viel länger negative Auswirkungen?

Das ist so. Und bei Veranstaltungen wie Weltklasse Zürich kommt erschwerend die internationale Dimension dazu. Können Athleten aus dem Ausland überhaupt in die Schweiz reisen? Viele Sportlerinnen und Sportler sind ja auch besorgt um ihre Sicherheit. Der Körper ist ihr wichtigstes Werkzeug. Da können sie keine Risiken eingehen.

Sportvereine müssen und wollen jetzt kreativ sein. Sind Sie offen für Ideen? Beispielsweise in ein Stadion, das für 30 000 Leute Platz hat, halt eben nur 3000 Leute zulassen – mit genügend Abstand. Vielleicht schon in einem nächsten Schritt der Lockerungen?

Ich verschliesse mich solchen Ideen sicher nicht. Man muss das sehr genau anschauen, klar. Es dürfte dann aber sicher nicht sein, dass plötzlich noch Tausende vor dem Stadion stehen, die auch noch rein wollen. Aber es stellen sich auch andere Fragen: Der Sport lebt von den Emotionen – wären diese auch gegeben mit ein paar verlorenen Leute in einer riesigen Arena.

Viele auch kleinere internationale Sportverbände machten in den letzten Jahren Schlagzeilen wegen Korruptionsverdacht. Wie wollen Sie verhindern, dass man nun mit Schweizer Steuergelder so jemanden unterstützt?

Die Kredite werden nicht leichtfertig verteilt. Es müssen Gesuche für die Darlehen gestellt und dabei die Finanzen offen gelegt werden. Die Gesuche werden zusammen mit Spezialisten und dem IOC genau geprüft. Ich möchte nie die Verantwortung dafür übernehmen müssen, dass wir Steuergelder zur Verfügung stellen und diese danach irgendwo verschwinden. Eine hundertprozentige Garantie, dass jemand nicht betrügen will, gibt es aber nirgendwo auf der Welt.

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