Die Städte hat das Virus am schlimmsten getroffen: Fünf Thesen, was das für die Zukunft bedeutet

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Mit Maske in der Zürcher Tram. © AZ

Die Schweiz präsentiert sich nach aussen als Bergwelt mit Heidi und Schellen­ursli, dabei leben drei Viertel der Bevölkerung in den 49 Agglomerationen und ihren Kernstädten, wie der Städteverband in einer neuen Studie schreibt. Die Städte haben in den vergangenen Jahrzehnten relativ zum Land an Attraktivität gewonnen, nach langem Bevölkerungsrückgang wuchsen sie wieder deutlich.

Doch die erfolgsverwöhnten Zentren werden von der Coronakrise schwerer getroffen als das Land. Sie sind verletzlicher. Das haben die vergangenen Wochen gezeigt, als die Attraktionen schliessen mussten. Kein Shopping in der Berner Marktgasse, kein Flanieren am Zürcher Seebecken, kein Sünnele am Basler Rheinufer. Opernhaus, Kunstmuseum und Einkaufszentren: alles zu.

Wie gross die Sehnsucht nach städtischem Vergnügen war, zeigten die Bilder von Menschenansammlungen am Genfer Seeufer, in der Basler Steinenvorstadt oder aus der Aarauer Altstadt. Kaum waren Bars und Cafés wieder auf, tummelten sich die Menschen dort, als hätte es das Coronavirus nie gegeben. Der Aufschrei, der darauf folgte, zeigt aber auch, dass der Druck auf die Städte gross ist, sich zu verändern. Fünf Thesen über die Seuche in der Stadt.
 
These 1: Schon im alten Athen wütete die Seuche

Schon bei Thukydides ist nachzulesen, wie eine Seuche in der Stadt wütet. Als die Spartaner (430–426 v. Chr.) Athen belagerten, brach dort eine hochansteckende Krankheit aus. Sie raffte auch Perikles dahin, den athenischen Staatsmann und Demokratieförderer. Im Mittelalter forderte die Pest in den europäischen Städten Millionen von Toten. Pestsäulen etwa in Wien zeugen davon. Dass das Coronavirus zuerst in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan wütete, zeigt, dass die Städte auch heute die Treiber der Pandemie sind. In der Schweiz waren es die städtischen Räume Genf, Basel, Bern und Zürich, wo sich die Seuche am schnellsten ausbreitete. Als man im Kanton Zug noch jeder Infektion nachging, hatte man in den Grossstädten längst die Übersicht über die Ansteckungswege verloren.

These 2: Das Virus als Innovationstreiber

Die historischen Beispiele zeigen, dass die Städte an ihren Krisen wuchsen, weil sie auf die Seuchen mit Innovation reagierten. Kanalisationen und Wasserleitungen wurden gezogen, um der Pest den Nährboden zu nehmen. Auf die Coronapandemie regieren Städte wie Paris oder Amsterdam mit der Förderung von ökologischem Verkehr oder lokalen Wirtschaftskreisläufen. Schweizer Städte tun dies, indem sie den Strassencafés grössere Flächen für ihre Tische zur Verfügung stellen. Wo einst Gewerbepolizisten mit dem Massband prüften, ob nicht eine übermässige Nutzung der Gemeinfläche vorliege, stehen heute Tische auf dem Trottoir. Städtische Wirte und Baristas lernen indes, dass sich der Latte macchiato auch durch eine Plexiglasscheibe bestellen lässt. Das könnte jenseits einer allfälligen späteren Nachverfolgung von Ansteckungen von Nutzen sein und ein neues, persönlicheres Ambiente schaffen. Allerdings sind Entwicklungssprünge wie nach der Pest nicht in Sicht.

These 3: Die Mieten für Stadtwohnungen sinken

Die Städte wurden in den letzten Jahrzehnten zu Opfern ihres Erfolges. Die Stadtkerne wurden verkehrsberuhigt und aufgewertet. Firmen wie Google zogen nicht mehr in Bürotürme am Stadtrand, sondern direkt an den Hauptbahnhof. Gleichzeitig merkten Vermieter, dass sie mehr aus ihren Wohnungen herausholen, wenn sie diese auf Airbnb an Touristen vermieten. Beides gab den Mieten einen Schub. Die Folge war, dass sich viele Städter ihre Wohnung nicht mehr leisten konnten. Alteingesessene zogen in die Agglomeration. Künstler, welche die Stadt durch Kultur einst attraktiv gemacht hatten, verabschiedeten sich in die Aussenquartiere.

Corona wirkt dieser Tendenz entgegen. Firmen brauchen dank Videokonferenzen weniger Fläche. Der Markt für Touristenwohnungen ist eingebrochen. Die Mieten kommen unter Druck. Allerdings ist zu bezweifeln, ob dieser Trend nachhaltig ist. Sobald die Grenzen wieder offen sind, kehrt der Städtetourismus zurück. Städteverbandspräsident und Nationalrat Kurt Fluri (FDP/SO) beobachtet aber eine andere Entwicklung. Geschäfte in den Innenstädten werden durch Wohnungen ersetzt. «Läden, die mehr als ein Stockwerk belegen, verschwinden oder ziehen sich ins Erdgeschoss zurück. So entstehen neue Stadtwohnungen.» Corona beschleunige diesen Prozess.

These 4: Das Nachtleben ist in Gefahr

In Städten wie Zürich, Basel oder Bern eröffnet gefühlt jedes Wochenende eine neue Bar, obwohl die Margen in der Gastronomie so tief sind, dass viele Betriebe genauso schnell wieder schliessen. Koni Frei, Mitbesitzer einer Bar in Zürich, befürchtet darum, dass viele kleine und kreative Lokale die Coronakrise trotz Kurzarbeit und schneller Öffnung nicht überleben. Dies ist eine Gefahr für die Städte, denn die Kombination aus vielen unterschiedlichen Kleinbetrieben macht den Charme des Nachtlebens aus.

Um die Nachtlokale und Diskotheken steht es noch schlimmer. «Jeder dritte Club wird schlimmstenfalls nicht mehr öffnen», sagt Max Reichen, der Geschäftsführer der Berner Bar- und Clubkommission der «Berner Zeitung». Es wird sich erst zeigen, ob die Ausgangskultur je wieder so werden wird, wie sie vor der Krise war.

These 5: Neue Velowege und Masken im Tram

Die Tram- und S-Bahn sind die Pulsadern der Städte. Doch während der Coronakrise stiegen viele aufs Auto um. Trams und Bus gelten als Infektionsherde. Gemeinsam genutzten Autos von Mobility oder Velos von Publibike geht es ähnlich.

Der Individualverkehr erlebt darum einen Schub. Die Städte haben es in der Hand, ob dieser sich zu Gunsten des Autos oder des (Elektro-)Velos auswirkt. Bisher haben sie es aber weitgehend verschlafen, Velos und E-Bikes mehr Platz einzuräumen. Einzig Genf hat temporär grosszügige Velostreifen eingeführt und Parkplätze zu Gunsten des Zweiradverkehrs aufgehoben. Und Velowege werden nicht ausreichen, um den Verkehr künftig zu organisieren. Pendler werden in nächster Zeit wohl Maske tragen müssen.

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