Handlanger der Bauernlobby: Ringier lässt sich für Artikel über das schöne Landleben bezahlen

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Bundesrat Guy Parmelin griff für eine umstrittene Aktion von «Schweizer Illustrierte» und Bauernverband in die Tasten. © Ausriss «SI»

Sogar Bundesrat Guy Parmelin griff für die «Schweizer Illustrierte» in die Tasten. Als ehemaliger Winzer wisse der Landwirtschaftsminister schliesslich, was die Bauern jetzt benötigten, kündigte die Redaktion seinen Text an. Darum unterstütze Parmelin die «Schweizer Illustrierte»-Aktion «Mehr Schweiz im Teller» mit einem Aufruf an die Konsumenten. «Profitieren wir von unseren einheimischen Nahrungsmitteln, und seien wir dankbar dafür», schrieb er darin.

Während der Coronakrise will die Zeitschrift eine Lanze für die Schweizer Bauern brechen. Journalisten dokumentieren im Rahmen der Aktion, wie die Spargeln vom Feld auf den Tisch kommen. Sie besuchen das «Reich der glücklichen Schweine» («Sauwohl mit viel Freilauf»). Oder sie schwärmen über das Agrolabel «Suisse Garantie»; es stelle «die inneren Werte von landwirtschaftlichen Erzeugnissen in den Vordergrund». «Vielleicht ist das etwas, was von der Coronazeit bleibt», schrieb Co-Chefredaktor Werner De Schepper in einem Editorial: «Dass wir wieder wissen wollen, wo unser Essen herkommt.» Beim Publikum kommt die Aktion, die parallel im Westschweizer Schwesterblatt «L’illustré» läuft, offenbar gut an. «Ich habe die Berichte richtig verschlungen», freute sich eine Leserbriefschreiberin.

Gross sein dürfte die Freude auch beim Schweizer Bauernverband. Recherchen der Redaktion von CH Media zeigen: Der Ringier-Verlag lässt sich vom Verband dafür bezahlen, dass seine Journalisten in den Zeitschriften über die Landwirtschaft berichten. Damit macht er sich zum Handlanger der politischen Ziele der Bauernlobby – gerade mit Blick auf kommende Volksabstimmungen.

Die Leserschaft erfährt von diesem Hintergrund nichts. Die stets positiv gefärbten Beiträge sind in Layout und Gestaltung identisch mit den anderen redaktionellen Seiten. Entsprechende Hinweise fehlen. Die Grenzen zwischen Werbung und unabhängiger, freier Berichterstattung werden nicht nur verwischt, sondern aufgehoben.

Positive Wirkung auf politische Lobbyarbeit

Der Bauernverband kann seine Botschaften ohne Filter verbreiten und gleichzeitig davon profitieren, dass diese nicht als Werbung wahrgenommen werden. Redaktionelle Beiträge sichern höhere Glaubwürdigkeit. «Die Aktion zielt darauf ab, die im Zuge der Coronakrise wieder gestiegene Bedeutung und Anerkennung einheimischer Lebensmittel zu unterstreichen», heisst es in einem internen Papier des Verbandes, das dieser Zeitung vorliegt und in dem explizit auch die Rede von «redaktionellen Beiträgen» ist. Die Konditionen seien sehr gut. Rund 300'000 Franken dürfte der Verband gemäss Dokument für die Zusammenarbeit lockergemacht haben. Offizielle Angaben dazu gibt es keine. Zum Paket der Partnerschaft gehören unter anderem auch Publireportagen und Anzeigen, teils in anderen Publikationen des Verlags.

Aus Sicht der Bauernlobby ist das Geld gut investiert. Dass in der Coronakrise die Werbeeinnahmen der Printmedien wegbrechen, weiss sie offenbar für sich zu nutzen. Wegen der «prekären Inseratesituation» seien die Medien «zu jeglichen Konzessionen bereit», schreibt der Verband im internen Papier unverblümt. Es resultiere ein x-facher Wert an Werbewirkung «gegenüber dem, was bezahlt werden muss».

Ziel der ganzen Aktion ist unter anderem «eine Förderung der positiven Einstellung gegenüber der Landwirtschaft», ebenso «die Förderung von deren Absatz». Und: «Wir sind zudem überzeugt, dass die Aktion auch auf die politischen Geschäfte eine positive Wirkung hat.»

Die Zusammenarbeit mit Ringier ist Teil einer umfangreichen Kommunikationsstrategie des Bauernverbandes. Die Coronakrise hat die Versorgungssicherheit in den Fokus gerückt. Diese Gelegenheit lässt sich der Verband nicht entgehen (die Redaktion CH Media berichtete). Er möchte das Momentum nutzen, um seine politischen Anliegen durchzubringen – insbesondere bei der künftigen Agrarpolitik und in der Kampagne gegen die beiden Anti-Pestizid-Initiativen (siehe Kasten unten). Mit verschiedenen Massnahmen will er die «Wichtigkeit einer angemessenen einheimischen, lokalen Produktion betonen».

Wenn die Leserschaft in die Irre geführt wird

Im Rahmen der Aktion «Mehr Schweiz im Teller» sind in den gedruckten Ausgaben der «Schweizer Illustrierten» und der «Illustré» sowie auf deren Onlineportalen unterdessen über ein Dutzend Reportagen und Rezeptbeiträge erschienen. Ein Hinweis auf den Hintergrund der Beiträge fehlt jeweils. Einzig in einem Editorial des Co-Chefredaktors der «Schweizer Illustrierten» war Ende April einmal kryptisch die Rede davon, man lanciere die Aktion «mit den Schweizer Bauern». Dass der Bauernverband diese finanziert und so mehr oder weniger direkt Einfluss auf die Inhalte nehmen kann, lässt sich auch aus dieser Formulierung nicht erschliessen.

Ein Medium sollte journalistischen Inhalt und Werbung strikt trennen – so steht es im Journalistenkodex des Schweizer Presserats. Der Charakter der Inhalte müsse fürs Publikum auf den ersten Blick erkennbar sein. Dies sei namentlich beim sogenannten Native-Advertising nicht der Fall: Dabei handelt es sich um bezahlte Beiträge, die daherkommen wie Journalismus, aber eigentlich den geschäftlichen Zwecken von Dritten dienen.

Sind bezahlte Inhalte nicht optisch eindeutig als solche erkennbar, müssten sie explizit als Werbung deklariert werden, hält der Presserat ferner fest. Das Publikum werde sonst getäuscht und irregeführt. Hinweise wie «In Kooperation mit ...» oder «Sponsored Content von ...» genügten da nicht. Allein: Bei den Bauernartikeln in den Ringier-Zeitschriften fehlen selbst solche. Die Leser tappen völlig im Dunkeln.

Die Chefredaktion der «Schweizer Illustrierten» verzichtet auf die Beantwortung einzelner Fragen – etwa jener, warum Transparenzhinweise fehlen. In einem summarischen Statement spricht sie von einem Engagement von Verlag und Redaktion für die Schweizer Landwirtschaft. «Es ist eine publizistische Initiative von Co-Chefredaktor Werner De Schepper, die nach einem Interview mit Landwirtschaftsminister Guy Parmelin entstanden ist und von diesem auch mit einem redaktionellen Beitrag unterstützt wurde», heisst es.

Der Bauernverband habe der «Schweizer Illustrierten» geholfen «bei der Suche nach idealtypischen Bauernhöfen». Gleichzeitig habe Agro-Marketing Suisse, der Absatzförderer der Bauernorganisationen, sich gewünscht, dass die Reportagen auch in anderen Publikationen veröffentlicht werden. So sei daraus dann eine Partnerschaft entstanden.

Bundesrat Parmelin wollte den Bauern danken

Und Guy Parmelin? Der Bundesrat habe seinen Text auf eine redaktionelle Anfrage der «Schweizer Illustrierten» hin beigesteuert, betont sein Sprecher Urs Wiedmer. Über die Zusammenarbeit mit dem Bauernverband sei Parmelin zwar informiert gewesen. Aber war er auch darüber im Bild, dass die Aktion letzten Endes den politischen Interessen des Verbands dienen sollte? Sein Sprecher verneint dies. Auch eine Verbindung zu den Volksabstimmungen im März 2021 sei nie ein Thema gewesen.

Laut Wiedmer ging es Parmelin einzig um aktuelle Aspekte; konkret etwa darum, der Landwirtschaft in der Krisenzeit zu danken. Unbeantwortet lässt er die Frage, was der SVP-Bundesrat davon hält, dass die Partnerschaft von Bauernlobby und Ringier für die Leserschaft nicht transparent ist.

Landwirtschaft vor wichtigen Weichenstellungen

Mit der Agrarpolitik ab 2022 (AP22+) will der Bundesrat die Branche nachhaltiger machen. Der Klimawandel stelle die Landwirtschaft vor neue Herausforderungen, erklärte Bundesrat Guy Parmelin bei der Vorstellung des Pakets im Februar. Konkret peilt der Bundesrat etwa eine Verringerung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln an. Ausserdem ist eine Senkung der maximal erlaubten Hofdüngerausbringung pro Hektare vorgesehen. Damit will die Regierung auch die beiden Anti-Pestizid-Initiativen bodigen, die wohl im März 2021 zur Abstimmung kommen. Die Landwirtschaftskammer des Bauernverbandes fordert das Parlament dazu auf, die AP22+ an den Bundesrat zurückzuweisen. Sie enthalte zu viele Mängel. Jüngst kritisierte Verbandsdirektor Martin Rufer, dass der Bundesrat den Selbstversorgungsgrad von knapp 60 auf 52 Prozent senken will – um die Umwelt zu schonen. «Das ist für uns nicht akzeptabel.» (sva)

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