Zwerg mit «Chäsli»

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Als um sechs Uhr der erste Kanonenschuss vom Heitern dröhnte, lag der Bub bereits wach, mit einem Puls, wie ihn Formel-1-Piloten 30 Sekunden vor dem Start haben. Warum man unter der Uniform ein langärmliges, enganliegendes «Gnägi» mit Rollkragen tragen musste, leuchtete ihm zwar nicht ein, aber es störte ihn genauso wenig wie die kratzige Uniformhose und der Kittel, der ihm zwei Nummern zu gross war. Wichtig war nur eines: die Trommel. Weil der Bub ein Zwerg war, konnte man ihn leider nicht mit einer richtigen Ordonnanz-Trommel ausstatten, wie sie die andern hatten. Für ihn hatte man eine halb so hohe Version mit Kniebügel dran ausgegraben. «Chäsli» nannten das die grossen Tambouren, mit leicht verächtlichem Unterton. «Sexy», wie man heute sagen würde, war das «Chäsli» nicht. Dafür laut! 

Schon um acht stand der Bub vor dem Tambouren-Lokal, er schwitzte bereits, allerdings vor Aufregung. Den Rest des Tages schwitzte er weiter, aber vor Anstrengung. Der Umzug dauerte ewig, das «Chäsli» schlug bei jedem Schritt gegen sein linkes Knie, der Bügel hatte schon bald den Geist aufgegeben. Davon spürte der Bub rein gar nichts. Das Programm war simpel: Ordonnanzmarsch zwei bis acht. Immer und immer wieder. Der Bub liebte es. Die Verschnaufpause in der Kirche hatte er trotzdem dringend nötig, damit er auch die letzte Runde durch die Altstadt schaffte. Der Wurstweggen am Mittag gab ihm Kraft für den langen Marsch auf den Heitern. Da wurde weitergetrommelt. In der prallen Sonne. Beim anschliessenden kollektiven Pfefferminztee-Wettsaufen schaffte er viele, viele Becher. Danach musste sich der Bub niederlegen im Schatten einer grossen Linde. Die Uniform durfte er nicht ausziehen. Als es langsam eindunkelte, schnallte er sich das letzte Mal sein «Chäsli» um, den Fackelzug runter in die Altstadt musste er noch durchhalten. Zum Glück ging es bergab. Irgendwann stand er neben dem Thutbrunnen. Die Leute sangen «Kein schöner Land in dieser Zeit», als die Beine des Buben ihren Dienst quittierten. Der Vater lachte, hob den halbtoten Zwerg auf und trug ihn nach Hause. In diesem Moment war der Bub so unendlich glücklich, dass er 40 Jahre später noch Augenwasser kriegt, wenn er darüber schreibt.

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