Im Gehorchen sind wir vorbildlich: Das zeigt die geltende Masken-Tragepflicht

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Plötzlich tragen sie alle: Dass das ohne Vorschrift nicht möglich war, hat auch damit zu tun, dass wir uns an der Masse orientieren. © Salvatore Di Nolfi/Keystone (Genf, 6. Juli 2020

Hoch erfreut wurde gestern vermeldet, dass nun alle Pendler im öffentlichen Verkehr Masken tragen. Eine Erfolgsmeldung? Nun ja. Eigentlich macht es die lange Masken-Geschichte umso ernüchternder.

Fünf Monate lang haben die Deutschschweizer keine Masken getragen. Zuerst im Brustton der Überzeugung («Nützt nichts!»), dann aus Egoismus («Schützt nur die andern»), schliesslich aus Bequemlichkeit («Es gibt keine Maskentragepflicht»). Genau dies hatte noch vor einer Woche ein hustender Passagier patzig seinen stirnerunzelnden Mitfahrenden verkündet. Also dann, als die Fallzahlen bereits wieder am Steigen waren und das Masken-Tragen das Hauptthema war als zusätzlicher Schritt um die Pandemie einzudämmen.

Letzten Mittwoch wurde die Maskentragepflicht schliesslich angekündigt – und nichts änderte sich. In mit Ausflüglern überfüllten Zügen und Seilbahnen drängte sich noch am Sonntag die Mehrheit ohne Maske. Dabei müssen sie welche zuhause gehabt haben, denn zwölf Stunden später trugen anderntags alle eine. Warum also haben sie am Sonntag noch keine angezogen?

Die viel gepriesene Eigenverantwortung? Vielleicht ist sie ein schweizerischer Mythos wie der heldenhafte Tell. So brav wie nun Masken getragen werden, kommt der Verdacht auf, dass wir Sicherheitsregeln nur in Kombination mit der Androhungen von Konsequenzen beachten.

Einsichtig waren wir damals auch mit der Gurtentragepflicht nicht

Und denken Sie nicht, das betreffe nur das ÖV-Volk. Die Autos hatten schon länger Gurten, als der Bund 1981 endlich die Anschnall-Pflicht durchboxen konnte. Nochmal 13 Jahre vergingen, bis die Vorschrift auch auf dem Rücksitz akzeptiert wurde. Man glaubte zwar, dass damit das Verletzungsrisiko gesenkt werden kann. Aber es war so unangenehm, festgezurrt zu sein. Und warum sollte es gerade auf der nächsten Fahrt passieren?

Die Fatalisten sagten damals: «Irgendwie müssen wir ja sterben.» Und fanden nicht, dass die paar verhinderten Toten den Aufwand rechtfertigen würden.

Das Maskentragen schützt ebenfalls das eigene Leben. Dies ist inzwischen belegt durch «Feldversuche», die keine waren: In den USA erliessen manche Staaten die Masken-Tragepflicht und manche nicht. Amerikanische Forscher verglichen die Infektionszahlen und sahen, dass in den 15 Staaten mit Maskentragepflicht die Zahl der Neuansteckungen über die Wochen um Hundertausende geringer war.

Die Maske hat Signalwirkung

Lange schon belegt ist hingegen der Schutz der anderen, wenn wir sprechen und husten. Und statt als kontraproduktiv eingeschätzt (weil man sich mehr ins Gesicht fasse) wird dem Maskentragen nun eine Signalwirkung nachgesagt (weil man sich trotz Alltag an die Pandemie erinnert).

Aber wir hatten Mühe damit, uns einzuschränken, wenn es primär das Leben der anderen sicherer macht. Dabei gehört zur Eigenverantwortung auch die Verantwortung anderen gegenüber. Wir wären verpflichtet, die Folgen unseres Handelns auch auf das Leben anderer einzuschätzen. Eigenverantwortung ohne soziale Verantwortung das nennt sich Egoismus.

Nicht besser als Kinder? – Der Psychologe sieht weniger schwarz

Offenbar war davon zu wenig vorhanden. Wir funktionieren also tatsächlich jenseits der Volljährigkeit nicht vorbildlicher, sondern stellen den Eigennutzen vor Eigenverantwortung. Dieser Vorwurf ist nicht neu. Aber hinzu kommt die Ernüchterung, wie tief der Anteil der Eigenverantwortung der Bevölkerung offenbar ist.

Rainer Greifeneder, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Basel relativiert dieses negative Bild: Es würden uns einfach immer besonders jene auffallen, die sich nicht an die Regeln hielten und nicht die Vorbildlichen. Er beschreibt das Maskentragen als klassisches Dilemma: Wir sind beim Atmen und Sprechen behindert und können nicht mehr über die Mimik kommunizieren, was für Menschen sehr wichtig ist. Diese Einschränkung sind wir nicht bereit einfach so hinzunehmen, auch nicht für eine Stunde pro Tag – solange wir den Nutzen nicht klar vor Augen haben.

Hinzu kommt als starker Faktor der Gruppendruck. Greifeneder sagt: «Die Forschung zeigt, dass Menschen sich an anderen orientieren, wenn sie unsicher sind.»

«Soll ich im Zug eine Maske tragen? Wenn alle anderen eine Maske tragen, scheint dies das Richtige zu sein.» Wenn kaum jemand eine Maske trage, setzten neue Fahrgäste die Maske wieder ab oder erst gar nicht auf.

Die Politik habe mit dem Entscheid zur Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr die Mehrdeutigkeit der Situation klar reduziert, sagt Psychologe Greifeneder. «Damit ist nun auch gesagt: Masken sind Teil der gesellschaftlichen Verantwortung.» Er könne sich vorstellen, dass darauf auch eine höhere Akzeptanz von Masken in anderen Bereichen folgen werde. Stylishe Masken mit Pailletten für Clubs gibt es jedenfalls schon zu kaufen.

Die Maske wird zur Gewohnheit werden

Eine Vorschrift mehr im dicken Regelbuch der heutigen Zeit. Noch ist schwer vorstellbar, dass wir die Masken bald genau so gelassen aufsetzen, wie wir uns heute im Auto die Gurte umschnallen. Aber so sehr der Mensch neue Vorschriften hasst, er ist doch ein Gewohnheitstier. Wir werden den Umgang damit genauso lernen wie die Bedienung eines neuen Smartphones. Oder wann man sich besser warme Handschuhe anzieht.

Und trotz der Bevormundung durch den Staat darf man weiter selber denken. Oder was tun Sie, wenn Sie abends mit dem Velo durch leere Strassen fahren und vor Ihnen schaltet ein Lichtsignal auf Rot? Eben.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

@ Knorrli

B. Hofer
schrieb am 13.07.2020 07:52
Entschuldigung Knorrli, das tut mir sehr leid. Ich habe Sie verwechselt mit R.B. (oder B.R.?), der verlangt hat, dass wir Alten bespuckt werden sollen, nur weil wir eine Maske tragen. Das finde ich eine absolute Frechheit. WIR, die Älteren haben schliesslich auch das Recht uns zu schützen, nicht nur die andern. Und dazu gehört auch das Maskentragen im ÖV, wie der Kommentator «Hofnarr» auch verlangt hat.
P.S. Bin gespannt, welche (neue) Spielfigur jetzt auftaucht - imfau!;-)

Wie Bitte?

Knorrli
schrieb am 11.07.2020 12:30
Niemals habe ich auch nur Ansatzweise die Behauptung aufgestellt. Die Alten müssten zu Hause bleiben. Wie kann man nur so einen Blödsinn in die Welt posaunen. Wo ist eigentlich der Ron?.

Das Kind beim Namen genannt

R. B.
schrieb am 10.07.2020 18:36
@B. Hofer
Danke für die Blumen. Wieso haben Sie nicht den Mut, selber dass Kind beim Namen zu nennen? Ich habe je länger das Gefühl, die Schweizer sind nicht nur Bünzlis sondern auch zu faul sich zu wehren. Es kann doch nicht sein, dass wir uns seit Monaten von ein paar Personen in Bundesbern alles dirigieren lassen und keiner sagt was. Ich habe Respekt vor Covid-19 aber keine Angst. Wenn sich alle an die Vorgaben halten, die zu Anfang der Pandemie gemacht wurden, dann besteht überhaupt kein Grund Panik zu schieben. Aber hinter vorgehaltener Hand da wird geflucht was das Zeugs hält. Ich bin für das offene Kommunizieren, aber anscheinend klappt das nicht mehr. Das man den Jungen Leuten wieder einmal sagt, "wo dä Bartli dä Most holt" ist längst überfällig, es geht einfach nicht, das eine junge Gesellschaft macht was sie will und alle anderen müssen nachher darunter Leiden.

@ R.B.

B. Hofer
schrieb am 10.07.2020 08:52
Super Kommentar. Endlich jemand der den Mut hat, die Sache beim Namen zu nennen. Nicht wie ein gewisser Knorrli aus Rothrist, der von uns Alten ständig verlangt, dass wir zuhause bleiben sollen. Danke R.B. für Ihre klaren Worte.
P.S. wear mask - save life... imfau;-)

Wir der Schweizer Bürger entmündigt?

R. B.
schrieb am 09.07.2020 19:11
Ich wundere mich ja schon sehr, dass sich der Schweizer Bürger dies gefallen lässt. Was hat der ÖV mit der Ansteckung mit Covid-19 zu tun? Die neusten Fälle zeigen, dass die Ansteckungen in den Clubs und Bars stattfinden. Das war doch wieder ein Schnellschuss von BR Berset. Er hat jetzt einfach die ganze Bevölkerung - die sich bis anhin korrekt und verbildlich verhalten hat bestraft und zwingt sie jetzt auch noch im ÖV Masken zu tragen. Warum rebelliert der Schweizer nicht? Müssen wir uns alles gefallen lassen. Warum hört man von den Parteien nichts? Sind die alle Mundtot? Ich frage mich, wie lange unsere Demokratie noch bestehen bleibt, wenn wir alles so stillschweigend entgegen nehmen.
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