Vor ziemlich genau 13 Jahren stand Aarburg unter Wasser – mit Galerie

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Spuren beim Eingang zur Liegenschaft Landhausstrasse 7 zeigen, dass das Wasser fast mannshoch stand. Bild: Archiv Zofinger Tagblatt

«Das Hochwasser in der Region ist vorerst zurückgegangen. Geblieben sind Schlamm und Sand, umgestürzte Bäume, grosse Schäden an Landschaft und Gebäuden», schrieb Martin Weiss im «Allgemeinen Anzeiger» vom 16. August 2007. Vor ziemlich genau 13 Jahren, in der Nacht vom 8. auf den 9. August 2007, waren weite Teile der Schweiz – insbesondere das Mittelland und der Jura – von aussergewöhnlich starken Niederschlägen betroffen. Zahlreiche Flüsse traten über die Ufer, unterbrachen Verkehrswege und verursachten gewaltige Schäden. Die Aargauische Gebäudeversicherung musste 1048 Schadenmeldungen an Gebäuden mit einem gesamten Schadenvolumen von 30 Mio. Franken erledigen. Allein die sechs am stärksten betroffenen Gemeinden Aarau, Reinach, Schöftland, Brugg, Aarburg und Döttingen verzeichneten 416 Schäden mit einer Schadensumme von 24,4 Mio. Franken. Es ist bis heute eines der teuersten Elementarereignisse in der Geschichte der Aargauischen Gebäudeversicherung geblieben.

Das Wasser stieg im Minutentakt

Im Bezirk Zofingen war Aarburg am stärksten vom Hochwasser betroffen. «Es war grausam», erinnert sich Walter Näf, der damalige Präsident des Nautischen Clubs Aarburg. Der 70-jährige Näf ist heute noch sichtlich bewegt, wenn er von den dramatischen Geschehnissen erzählt. Er sei etwa um 9 Uhr abends beim Bootshaus der Nautiker an der Aare gewesen, um einen Weidling auszuschöpfen. «Als ich mit dem Schöpfen des Wassers begonnen habe, lag das Boot etwa anderthalb Meter unter dem Niveau des Spazierwegs. Dann konnte man dem Wasser beim Steigen zusehen – es stieg im Minutentakt. Als ich mit dem Schöpfen fertig war, war das Wasser auf Wegniveau.» Er habe danach unverzüglich sein Auto in Sicherheit gebracht, führt Näf weiter aus, die Feuerwehr alarmiert, vor dem Hochwasser gewarnt und vor allem darauf gedrängt, sofort alle Häuser am Fährweg sowie den Campingplatz stromlos zu machen.

Campingplatz musste in der Dunkelheit evakuiert werden

Dann sei er zum Campingplatz gerannt, um auch dort vor dem Hochwasser zu warnen. «Beim Eindunkeln kam das Wasser», sagt Herbert Gloor, der damalige Präsident des Zelt- und Wohnwagenklubs Olten und Leiter des Campingplatzes «Wiggerspitz». Etwa 60 Leute seien damals auf dem Platz gewesen. Als man ihn gerufen habe, habe er sofort gesehen, dass die Aare am Steigen sei und das Wasser bereits über das benachbarte Beachvolleyfeld in Richtung Campingplatz fliesse. «Ich habe unverzüglich damit begonnen, die hintersten Wohnwagen vom Strom zu nehmen, dann musste ich eine ganze Schulklasse aus Italien vom Platz bringen», erinnert sich Gloor, wie wenn es gestern gewesen wäre. Der Strom sei irgendwann ganz weg gewesen, die Feuerwehr schnell vor Ort. «Mit Hilfe der Feuerwehr und zahlreicher Helfer wurde der gesamte Zeltplatz evakuiert, die Leute in Mehrzweckhalle und Zivilschutzunterkunft in Sicherheit gebracht, Wohnwagen und Autos soweit noch möglich vom Platz gebracht.» Die Rettung ging unter erschwerten Umständen vor sich: In Dunkelheit und im Wasser. «Viele Leute haben erst gemerkt, was vor sich ging, als sie aus dem Wohnwagen ins Wasser traten», sagt Gloor; und Näf, der als einer der ersten Helfer vor Ort war, erinnert sich an zahlreiche schreiende Leute auf dem Platz. «Ich möchte so etwas jedenfalls nicht mehr erleben», sagt Gloor im Rückblick.

Enorme Schmutzwassermassen überfluteten auch die Badi und verursachten dort so grosse Schäden, dass der Betrieb in der laufenden Saison nicht wieder aufgenommen werden konnte. Mit ihrem beherzten Einsatz verhinderte die damalige Badmeisterin Rea Blum noch weit Schlimmeres. Sie schwamm durch das Schmutzwasser zum Häuschen im hinteren Teil der Badi und setzte den gesamten Chemie-Kreislauf in der Badi ausser Betrieb.

So schnell wie das Wasser kam, so schnell ging es wieder weg. Bereits am nächsten Morgen starteten die Reinigungsarbeiten mit Hochdruck. Schwemmholz musste entfernt werden, die Wege der Aare entlang mussten mit Hochdruck vom Schlamm befreit werden, im Schwimmbad musste das ganze Becken abgepumpt und gesäubert werden. Der Bevölkerungsschutz Wartburg stellt dabei seine Einsatzbereitschaft nachhaltig unter Beweis – bereits am frühen Morgen waren die Helfer in Orange vor Ort.

Die Schäden im Clubhaus der Nautiker waren gewaltig. «Ich habe einfach nur geweint», erinnert sich Näf an den Moment, als er die Türe zum Clubhaus öffnete. Eine maximale Höhe von rund zwei Metern ab Boden hätten die Wassermassen beim Clubhaus erreicht, da habe auch nicht geholfen, dass das Haus auf einer rund 70 Zentimeter hohen Steinmauer stehe. «Mobiliar und Einrichtungen waren zerstört, im Haus hat es gerochen wie in einer Kläranlage», erinnert er sich. Immerhin: Der Club verlor keines seiner Boote und sei auch gut versichert gewesen. Und man dürfe nicht vergessen: «Wir sind nicht die Einzigen gewesen, die Schäden erlitten haben», betont Näf. Riesige Schäden habe es überall entlang der Aare gegeben – vom Clubhaus und Campingplatz über den Fährweg zum Landhausquai und weiter bis ins Gebiet Wallgraben. «Unzählige Liegenschaften standen in diesen Gebieten im Wasser.»

Fluteten die Berner den Aargau?

Die Schuldigen an den Hochwasserschäden waren schnell gefunden. «Berner liessen zu viel durch», titelte Hans Lüthi bereits am 10. August 2007 auf der Frontseite des Zofinger Tagblatts. Lüthi verwies dabei darauf, dass die Berner die Schleusen des Bielersees allzu weit geöffnet hätten. Die nach der Gewässerkorrektur vom Bund verordnete «Murgenthaler Bedingung», welche vorschreibt, dass die Schleusen des Bielersees nur so weit geöffnet werden dürfen, dass bei Murgenthal nicht mehr als 850 Kubikmeter pro Sekunde fliessen, wurde am 8. August nicht eingehalten. Bei weitem nicht. Denn die Aare übertraf bei Murgenthal mit 1262 Kubikmetern pro Sekunde alle bisherigen Werte.

Die vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) erstellte Ereignisanalyse zum Hochwasser zog in der Folge ein gemässigteres Fazit: «Das Unwetterereignis vom 8./9. August 2007 geht auf eine ungünstige Kombination meteorologischer und hydrologischer  Faktoren zurück: Intensive,  langanhaltende Niederschläge  fielen auf bereits weitgehend  wassergesättigten Boden, wodurch das Wasser rasch oberflächlich abfloss und die Vorfluter nach kurzer Zeit Hochwasser führten. Dabei erreichten die   Pegel und Abflüsse mancherorts Rekordwerte.» Dazu habe auch die Emme Rekordmengen an Wasser gebracht, die man auch mit einem gedrosselten Abfluss aus dem Bielersee nicht habe auffangen können. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Es hatte schlicht zu viel Wasser, das von überall her in die Aare floss. 

Ein Jahr bis zum ­Normalbetrieb

Dank vielen helfenden Händen konnte die notwendigste Infrastruktur auf dem Campingplatz so weit auf Vordermann gebracht werden, dass die Saison bis zum 15. September fortgeführt werden konnte. «Erst danach haben wir mit den Reparaturen, die sich bis ins Folgejahr erstreckten, begonnen», erinnert sich Gloor.

Auch im Clubhaus der Nautiker dauerte es ein gutes Jahr, bis alle Spuren des Wassers beseitigt waren. «Es wurde viel, sehr viel Fronarbeit seitens der Mitglieder geleistet», betont Näf.

Am Aarburger Landhausquai: Die Spuren beim Eingang zur Liegenschaft Landhausstrasse 7 zeigen, dass das Wasser fast mannshoch stand.
Aufräumen in der Aarburger Badi: Badmeisterin Rea Blum beseitigt die Spuren des Hochwassers.
Der Materialcontainer des Nautischen Clubs wurde von der Aare mitgerissen und glücklicherweise unterhalb der Badi wieder an Land geschwemmt.
Walter Näf erinnert sich an das Hochwasser von 2007, wie wenn es gestern gewesen wäre.
Das Aeschwuhr-Wehr vermochte dem Druck von Wassermassen und Schwemmholz nicht standzuhalten.
Schaulustige beobachten das Hochwasser auf der Wiggerbrücke in Brittnau.
Der Landhausquai in Aarburg war komplett überschwemmt.
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