Corona-Übertragung von Kind zu Kind wird in Schulen im Kanton Solothurn erforscht

schulzimmer_kissling_oT.jpg
Ob und wie häufig Kinder sich gegenseitig anstecken, ist nach wie vor nicht mit Sicherheit geklärt. © Bruno Kissling

Ostern ohne Grosi verbringen, oder den 80. Geburtstag ohne die Enkelkinder feiern: Das war für viele Familien im Frühling Alltag. Sie verzichteten bewusst darauf, die jüngsten mit den ältesten Familienmitgliedern zusammenzubringen. Der Grund dafür war die damalige Befürchtung, dass die Kinder ihre Grosseltern mit dem Coronavirus anstecken könnten. Ähnlich wie bei der Grippe, die Kinder laut der Weltgesundheitsorganisation WHO häufig weiterverbreiten.

Ende April gab der Bund dann Entwarnung – Kinder seien laut neuen Erkenntnissen keine Treiber der Epidemie, so das Bundesamt für Gesundheit (BAG) damals. «Grosseltern dürfen ihre Enkel wieder umarmen», sagte Daniel Koch, der ehemalige Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten», an einer Medienkonferenz und sorgte damit bei vielen für Erleichterung.

Ein kantonales Projekt will mehr Wissen generieren

Dass Kinder keine hauptsächlichen Treiber der Epidemie sind, ist nach wie vor der aktuelle Stand der Forschung. Auch wenn bisher vor allem Hinweise und noch wenig wissenschaftliche Daten dazu vorliegen, dass Kinder weniger am Virus erkranken und auch weniger zu Ausbreitung beitragen als Erwachsene. Weltweit versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deshalb, mehr darüber herauszufinden, welche Rolle Kinder bei der Verbreitung des Virus tatsächlich spielen. Dazu will nun auch der Kanton Solothurn einen kleinen Beitrag leisten: Dies mit einem dem Projekt «Sentinel-Netzwerk Schulen Kanton Solothurn», das nach den Herbstferien an verschiedenen Schulen im Kanton starten soll.

Das Sentinel-Netzwerk funktioniert ähnlich wie das Sentinella-Meldesystem, das auf nationale Ebene unter anderem dazu dient, Daten dazu zu sammeln, wie sich übertragbaren Krankheiten wie die Grippe in der Schweiz ausbreiten. Dazu arbeiten ausgewählte Hausärztinnen und Hausärzte, das BAG und verschiedene universitäre Institute für Hausarztmedizin zusammen. Anders in dem kantonalen Projekt: Statt in Hausarztpraxen werden die Daten in Schulen gesammelt. Die Teilnahme an dem Projekt ist für die Schulen freiwillig, und auch die Eltern, Kinder und Lehrpersonen dürfen individuell entscheiden, ob sie an dem Projekt mitmachen wollen.

Einzelne Schulen aus allen Bezirken sollen mitmachen

Um das Sentinel-Netzwerk in der Region zu etablieren, haben unter anderem der Solothurner Kantonsarzt Lukas Fenner und der Leiter des Volksschulamtes Andreas Walter eng zusammengearbeitet. «Wir wissen heute schon mehr darüber, was Kinder und Erwachsene in Bezug auf die Verbreitung von Covid-19 unterscheidet», erklärt Fenner. «Aber nach wie vor sind viele Fragen offen. Wir wissen zum Beispiel wenig darüber, wie gut das Virus von Kind zu Kind übertragen wird.» Mit dem Sentinel-Netzwerk könnte genau das erfasst werden.

Lukas Fenner, Kantonsarzt

«Wir wissen wenig darüber, wie gut das Virus von Kind zu Kind übertragen wird.»

«Wir wissen wenig darüber, wie gut das Virus von Kind zu Kind übertragen wird.» © Hanspeter Bärtschi

Damit das Netzwerk funktioniert, sollen einzelne Schulen aus allen Bezirken des Kantons mitmachen. Für die Sentinel-Schulen gelten bezüglich der Schutzmassnahmen die gleichen Richtlinien wie für alle anderen Schulen. Der Unterschied besteht darin, dass der Kanton die Sentinel-Schulen genauer beobachten kann. Die Schulleitungen der teilnehmendendem Schulen melden dem Kantonsärztlichen Dienst nämlich täglich, wie es um die Gesundheit von Schulkindern und Lehrpersonen steht. Es werden also sämtliche Absenzen mit ihrer jeweiligen Begründung, Covid-19-Verdachtsfälle und bestätigte Covid-19-Fälle erfasst.

Symptomtagebuch und Tests sollen Aufschluss geben

Wenn ein Kind an einer Sentinel-Schule positiv auf Covid-19 getestet wird, dann wird ein sogenanntes «intensiviertes Ausbruchsmanagement» installiert. Das bedeutet, dass alle Kinder der Klasse sowie die jeweilige Lehrperson ein «Symptomtagebuch» führen. Sie schreiben also auf, ob sie gesund sind oder unter allfälligen Krankheitssymptomen leiden.

Zusätzlich werden die Kinder und ihre Lehrperson zweimal auf Covid-19 getestet. Einmal am 5. und einmal am 10. Tag nach dem positiven Testresultat des erkrankten Kindes. Erkrankt pro Klasse mehr als ein Kind, dann geht die ganze Klasse gemäss den Vorgaben des BAG in Quarantäne. Das Symptomtagebuch führen die Kinder dann daheim, getestet werden sie ebenfalls am 5. und am 10. Tag.

«Schon im Mai haben wir darüber diskutiert, das Netzwerk an den Schulen zu installieren», erzählt Volksschulleiter Andreas Walter. «Denn während der Schulschliessung konnten wichtige Erkenntnisse für eine Übertragung unter Schülerinnen und Schülern in der Schule nicht gewonnen werden.» Dass es nun Herbst wird, hängt laut Kantonsarzt Fenner damit zusammen, dass so viele verschiedene Akteure beteiligt sind. Neben den Schulleitungen werden auch Lehrpersonen, Eltern und der Schulärztliche Dienst einbezogen. Ausserdem habe man verschiedene Fragen zu rechtlichen Grundlagen sowie Fragen zum Datenschutz klären müssen.

Recht auf Bildung bei gutem Gesundheitsschutz ist das Ziel

Bis im Sommer 2021 wollen das Gesundheits- und das Volksschulamt so Daten dazu sammeln, was passiert, wenn ein Kind in einer Schulklasse sich mit Covid-19 infiziert. Werden auch die anderen Kinder krank, oder stecken sich Kinder vielleicht gar nicht gegenseitig an? Bisher gebe es im Kanton nur vereinzelt Hinweise, dass sich Kinder oder Jugendliche bei Altersgenossen mit Covid-19 angesteckt haben, so der Kantonsarzt. Die wenigen erkrankten Kinder hätten sich meist bei erwachsenen Personen angesteckt.

Andreas Walter, Leiter Volksschulamt

«Unser Ziel ist es, die Bildung konstant aufrechtzuerhalten.»

 

«Unser Ziel ist es, die Bildung konstant aufrechtzuerhalten.» © Michel Lüthi/bilderwerft.ch

Das Wissen, das der Kanton durch diese Daten gewinnt, kann direkt angewandt werden. Etwa wenn es darum geht, in Zukunft Schutzmassnahmen für die Volksschule zu definieren. «Unser Ziel ist es, die Bildung offen und konstant zu halten», erklärt Walter. «Es muss uns gelingen, das Recht auf Bildung bei gutem Gesundheitsschutz umzusetzen. Durch das Projekt gewinnen wir an Sicherheit.»

Vertrauen als entscheidender Faktor

Die grösste Herausforderung für das Netzwerk in den nächsten Wochen besteht darin, das Vertrauen der verschiedenen Beteiligten zu gewinnen. Zum einen das der Schulleitungen und Lehrpersonen, denn sie sind in den kommenden Monaten besonders gefordert, wenn es darum geht, zu entscheiden, ob ein Kind zu krank ist für den Unterricht und deshalb daheimbleiben muss. Auch das Vertrauen der Eltern, denn diese müssen im Falle einer Quarantäne dafür sorgen, dass ihr Kind das Symptomtagebuch ausfüllt, oder die Einwilligung dafür geben, dass es auf Covid-19 getestet wird.

Für das Projekt ist das Vertrauen der Teilnehmer deshalb essenziell, weil es sich nicht um eine klassische klinische Studie handelt. Das Sentinel-Netzwerk funktioniert im Gegensatz zu einer klassischen klinischen Studie wie eine Beobachtungsstudie, die letztendlich auf Freiwilligkeit beruht. Niemand wird gezwungen, sich testen zu lassen oder ein Symptom­tagebuch zu führen. Je mehr Kinder das aber tun, desto mehr Daten stehen dem Kanton zur Verfügung. Und entsprechend grösser sind Lernprozess und der Wissenszuwachs.

Gewinnen wollen Fenner und Walter das Vertrauen und die damit verbundene Mithilfe der Beteiligten hauptsächlich, indem sie transparent und umfassend über das Projekt und dessen Nutzen informieren. «Eltern sollen keine Pseudowahl treffen, sondern den Kontext und die verschiedenen Elemente des Projektes kennen, um mit Überzeugung zustimmen oder ablehnen zu können», betont Walter. Und Fenner ergänzt: «Wenn wir die Ängste und Sorgen der Eltern und Schulen ernst nehmen, dann geht das.»

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.
Keine Kommentare vorhanden
Heute auf zofingertagblatt.ch
Frage des Tages
Marktplatz
regiostellen.ch
SPAF
Mitarbeiterin Administration (70 – 100%), Mitarbeiter, Aarau
Jakob Hauser AG
Schriften- und Reklamegestalte, Mitarbeiter,
Jakob Hauser AG
Autolackierer EFZ, Mitarbeiter,
Bär Haustechnik AG
Servicemonteur Sanitär, Mitarbeiter, Aarburg
Bär Haustechnik AG
Heizungsinstallateur EFZ, Mitarbeiter, Aarburg
Alterszentrum Wengistein
Pflegefachperson HF, Mitarbeiter, Solothrun
regioimmo.ch
Abo-Service

Normal-Abo (e-Paper/Digital inkl.)

Schnupper-Abo / Probe-Abo

Digital-Abo

Leserangebote
Partner