Es ist wie immer eine Frage des Masses – MIT AUDIO

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Melanie Gamma vs. Pascal Kamber

Melanie Gamma: Ab 1. Oktober dürfen wieder mehr als 1000 Menschen in ein Sportstadion. Vorbei ist die Zeit, in der die Tribünen fast leer blieben. Und was wohl viele Fans freut: Sie dürfen beim Mitfiebern eine Wurst essen und ein Bierchen trinken. Das Alkoholausschankverbot, das der Bundesrat in petto hatte, wurde doch nicht ausgesprochen. Ich hätte das ein starkes Zeichen gefunden. Derzeit lernen wir ja, dass wir alles tun sollen, um gesund zu bleiben – Maske tragen, Hände desinfizieren, Abstand halten. Warum also nicht auch auf Alkohol verzichten? Verstehe mich nicht falsch. Ein gutes Glas Wein mag ich auch. Aber es gibt durchaus alkoholfreie Biere, die keinen Brechreiz erzeugen, die man aktuell oder immer in Sportstätten ausschenken könnte. Oder brauchst du etwa Promille, um ein Fussballspiel im Stadion zu ertragen?

Pascal Kamber: Das kommt ganz auf den Unterhaltungswert des Spiels an. Nein, Spass beiseite: Findest du nicht, dass wir uns im Alltag inzwischen an mehr als genug Vorschriften halten müssen? Ich will den Alkohol keineswegs verharmlosen, mir sind die Risiken und Auswirkungen eines zu hohen Konsums sehr wohl bewusst. Mit einem oder maximal zwei «kühlen Blonden» muss ich mir um meine Gesundheit aber definitiv keine Sorgen machen. Ausserdem bin ich der Meinung, dass wir uns gerade in diesem schwierigen Jahr auch etwas gönnen sollen. Und da gehört für mich nun einmal ein Bier bei einem Fussballspiel dazu.

gam: Dass du es bei einem oder zwei Bierchen belassen kannst, glaube ich dir. Aber da gibt es unter den Sportfans viele andere. Jene, die schon vor dem Stadion oder auf der Anreise «vorglühen» und bei denen nach dem vierten oder fünften Bier Hopfen und Malz verloren ist. Mit den Hemmungen fallen auch die Schutzmasken. Und so sind die Sicherheitskräfte dann damit beschäftigt, angeheiterte Fans zu massregeln, was deren Aggressionspotenzial kaum dienlich sein dürfte. Bierselige Schlägereien sind vorprogrammiert und sinnlos, wir wollen das Sanitätspersonal ja in Corona-Zeiten nicht unnötig beschäftigen. Trinken wir also besser Rivella statt Bier im Stadion.

pka: Hier sind wir uns einig, von gewalttätigen Auseinandersetzungen rund um einen Sportanlass halte ich absolut gar nichts. Und dass zu viel Alkohol in dieser Sache wie ein Treibstoff wirkt, leuchtet mir auch ein. Man muss aber festhalten, dass sich ein Grossteil der Matchbesucher an die Regeln hält und nur eine kleine Gruppe Unruhe stiftet. Nicht vergessen darf man auch, dass mit jedem bezahlten Bier die Schweizer Wirtschaft unterstützt wird. Gemäss Bundesamt für Statistik nahm der Bund im vergangenen Jahr dank der Biersteuer insgesamt 116,73 Millionen Franken ein, bei den Spirituosen waren es sogar 247 Millionen. Der Ertrag aus der Besteuerung von Spirituosen geht übrigens zu 90 Prozent an die Sozialversicherungen AHV und IV. Überspitzt gesagt profitieren wir also alle davon, wenn sich jemand einen Schnaps zu Gemüte führt. Auch die Klubs selber verdienen mit dem Alkoholkonsum ihrer Gäste gutes und vor allem überlebenswichtiges Geld. Der SC Bern beispielsweise erzielt mit seinen 16 Beizen im Grossraum Bern rund die Hälfte des Konzernumsatzes von rund 60 Millionen. Wenn diese Erträge wegen der Coronapandemie wegbrechen, muss man die Klubs nicht noch zusätzlich mit Alkoholverboten bestrafen.

gam: Es kommt ja nun auch nicht dazu. In der Schweiz darf man am Spielfeldrand weiterhin ein Bierchen kippen. Ich schiele aber gespannt nach Deutschland. Die 36 Fussball-Erst- und Zweitligisten haben nach einer virtuellen Mitgliederversammlung bis Ende Oktober den Verzicht auf Alkohol und Stehplätze beschlossen. Ob das die Fankultur prägen wird? Grundsätzlich hoffe ich, dass die Diskussionen darüber, wie wir unsere Gesundheit schützen oder verbessern können, nach der Coronapandemie nicht abklingen. Man könnte da den Rahmen aus meiner Sicht öffnen, über die Alkoholdiskussion hinaus. Dass Bierbrauereien Sponsoren von Sportvereinen und -Anlässen sind, ist das eine. Dass die Schweizer Sporthilfe, die sich für den Nachwuchs einsetzt, oder der Orientierungslauf-Verband McDonalds als Partner wählen, ist auch unpassend. Wie verträgt sich das denn mit Gesundheitsförderung? Etwa so, wie wenn wir den Sportlern zuschauen, wie sie sich auf dem Feld verausgaben, selber auf der Tribüne aber mit jedem Schluck Bier ein bisschen «voller» werden.

pka: Solche Kooperationen erscheinen auch mir fragwürdig. Wenn uns damit aber die Botschaft vermittelt werden soll, dass jemand, der genug Sport treibt, sich kulinarisch auch etwas gönnen darf, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen. Wie bei so vielem ist es auch hier eine Frage des Masses: Trinke ich gelegentlich ein gutes Glas Wein, brauche ich mir kein schlechtes Gewissen zu machen. Kann ich meinen Alltag hingegen nur noch mit statt ohne Alkohol bestreiten, dürfte ich bald gröbere Probleme haben.

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