Bildungsdirektor Alex Hürzeler: «Man hätte die Volksschule nach den Frühlingsferien wieder öffnen können»

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Wir treffen Sie in den Ferien zum Interview. Hat der Bildungsdirektor im Herbst ein paar Tage frei?

Alex Hürzeler: Ja, ich bin mit meiner Frau für vier Tage am Bodensee. Wir hoffen auf gutes Wetter, möchten etwas Radfahren und Ausflüge machen.

Jetzt sind die Schulhäuser wegen der Ferien leer, im Frühling waren sie das, weil die Schulen geschlossen wurden und Fernunterricht stattfand. Was sagen Sie heute zu diesem Entscheid des Bundes?

Ich war damals sehr überrascht, dass alle Schulen geschlossen wurden. Für Mittelschulen, Fachhochschulen und Universitäten gab es klare Anzeichen, dass Präsenzunterricht untersagt werden könnte. Aber dass dies schweizweit für die Volksschule verordnet wird, kam überraschend. Die Schliessung kam sehr kurzfristig, sie wurde am Freitagabend angekündigt und galt ab Montag – wir beziehungsweise die Schulen mussten das einfach umsetzen.

Was hätten Sie anders gemacht als der Bundesrat?

Es war ein Zeichen, das der Bundesrat gesetzt hat, damit wollte er zeigen: Jetzt muss die ganze Schweiz die Kontakte massiv beschränken. Das war wohl richtig, ich konnte hinter dem Entscheid stehen. Aus meiner Sicht hätte man nach den Frühlingsferien die Volksschulen wieder öffnen können. Die ausserordentliche Situation hat aber gezeigt: Die Schule ist flexibel, die Schulleitungen und Lehrpersonen können sich rasch an Neues anpassen.

Vieles musste digital funktionieren, gerade im Fernunterricht. Sie sind kein Digital-Fan, auch nicht aktiv in sozialen Medien. Müsste der Bildungsdirektor bei der Digitalisierung nicht Vorbild sein?

Es stimmt, ich selber nutze digitale und soziale Medien nur wenig. Ich bin aber nicht der Meinung, dass der Bildungsdirektor als Vorbild vorangehen muss. Die digitale Entwicklung mit neuen Instrumenten und Möglichkeiten läuft, dafür braucht es keine Leitfigur. Wir schaffen die Rahmenbedingungen für die Digitalisierung, lassen diese Entwicklung zu und fördern sie. Ausserdem: Fernunterricht soll nicht nur digital stattfinden, gerade an der Primarschule wäre dies nicht angemessen. Auf dieser Stufe soll auch im Fernunterricht mit Büchern, Arbeitsblättern und anderen Unterlagen gearbeitet werden.

 

«In der Coronapandemie erachte ich es als essenziell, dass auf allen Bildungsstufen ein reguläres Schuljahr mit Präsenzunterricht in Ganzklassen erteilt werden kann», steht auf Ihrer Website. Können Sie garantieren, dass es keine Schulschliessung mehr gibt?

Garantieren kann ich nichts, weil wir nicht wissen, wie sich die Pandemie in den nächsten Monaten entwickelt. Es wird nicht zu umgehen sein, dass sich einzelne Schüler oder ganze Klassen befristet in Quarantäne begeben müssen. Oder, dass Maskenpflicht auf dem Schulareal angeordnet wird, wie kürzlich an der Kantonsschule Wettingen oder in Sins. Ich bin zuversichtlich, dass wir mit solchen Massnahmen verhindern können, dass es zu flächendeckenden Schulschliessungen kommen wird.

Auf Ihrer Website heisst es auch, die Folgen der Coronapandemie, die wachsende Aargauer Bevölkerung sowie die finanziellen und gesellschaftlichen Herausforderungen erforderten verantwortungsbewusste, pragmatische und auch mutige Entscheide. Was war Ihr letzter mutiger Entscheid?

In der für alle ungewohnten Corona­situation braucht es regelmässig mutige Entscheide. Es gilt, Kritik und lautstark formulierte Forderungen auszuhalten und abzuwägen. Oft gehen diese diametral auseinander, wenn ich nur an die Maskenfrage denke. Es brauchte mitten im Lockdown Mut, trotz nationalem Wirrwarr und starkem Druck aus der Schüler- und Elternschaft an der Durchführung der Aargauer Maturprüfungen festzuhalten. Und es braucht Mut, eine Vorlage wie das neue Lehrerlohnsystem jetzt zu bringen: In einer finanziell eher schwierigen Zeit hinzustehen und zu sagen, was jetzt nötig ist.

 

Sind Sie persönlich ein mutiger und entscheidungsfreudiger Mensch, oder neigen Sie eher zur Vorsicht und zum Abwägen?

Ich bin ein Mensch mit ausgeglichenem Charakter. Ich bin geerdet, habe mich emotional gut im Griff, bin weder himmelhoch jauchzend bei einem Erfolg, noch zu Tode betrübt, wenn etwas nicht gelingt. Mutig vorwärtsgehen gehört auch dazu, in meinem Leben war ich nie der, der zuhinterst stand. Ich übernehme Verantwortung und Führungspositionen, treffe gerne Entscheidungen – durchaus auch mutige. Trotzdem wäge ich gut ab, entscheide nicht planlos oder blind. Einmal darüber schlafen ist oft ein guter Ratgeber.

Vielleicht waren Sie in einem wichtigen Punkt aber vorsichtiger als Ihre Kollegen. Was haben Sie besser gemacht als Stephan Attiger, Markus Dieth und Urs Hofmann, die am Coronavirus erkrankten?

Das kann ich nicht sagen, da war wohl auch ein wenig Glück dabei – oder eben Pech bei meinen Kollegen. Was ich sagen kann: Wir waren nicht unvorsichtig, sondern haben uns an die Empfehlungen des Bundes und der Kantonsärztin gehalten. Auch in meinem Departement haben wir, dort wo möglich, rasch auf Homeoffice umgestellt. Ich selber war fast immer vor Ort. Ich lege Wert darauf, dass mich meine engsten Mitarbeiter möglichst oft persönlich sehen kann und wir uns an Sitzungen austauschen können.

Sind Sie sicher, dass Sie selber nicht mit dem Virus infiziert waren?

Davon gehe ich mindestens aus, da ich nie Symptome hatte. Ich halte mich an die Empfehlungen, schüttle schon lange keine Hände mehr, auch nicht an offiziellen Anlässen. Aber in einem öffentlichen Amt mit vielen Kontakten gibt es immer ein gewisses Risiko. Gerade bei Apéros ist Abstandhalten nicht immer leicht. Aber es ist möglich, und es ist mir wichtig, mich nicht zurückzuziehen, zu verstecken, oder einzuschliessen, sondern mit der nötigen Vorsicht Veranstaltungen zu besuchen und persönliche Kontakte zu pflegen.

Sie konnten vor zehn Tagen einen Erfolg feiern, die Aargauer Bevölkerung hat Ja gesagt zur Abschaffung der Schulpflege. Ihr Vorgänger Rainer Huber wurde unter anderem abgewählt, weil er mit dem Bildungskleeblatt mehrere grosse Reformen in einem Paket umsetzen wollte. Sie gehen schrittweise vor – weil Sie fürchten, Sie könnten abgewählt werden, wenn sich zu viel auf einmal ändert?

Reformen wie der neue Lehrplan, der Wechsel auf sechs Jahre Primar- und drei Jahre Oberstufe, die Abschaffung der Schulpflege oder die erweiterten Finanzkompetenzen der Schulleitungen müssen in verkraftbaren Schritten eingeführt werden. Das ist meine Überzeugung, das hat nichts mit Wahlstrategie zu tun. Das Bildungswesen, der Schulalltag und der Unterricht haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert, schon aufgrund der Bevölkerungsstruktur und der gesellschaftlichen Entwicklung. Auf solche Veränderungen muss man reagieren, aber man kann nicht alles auf einmal anpassen. Änderungen brauchen Zeit und die Volksschule im Aargau braucht jetzt Ruhe, um die Reformen der vergangenen Jahre umzusetzen.

Also gibt es in den nächsten vier Jahren keine grossen Änderungen, ist eine Reform der Oberstufe mit einer Abschaffung der Bezirksschule kein Thema?

Nein, aus meiner Sicht wäre es jetzt der völlig falsche Moment, um eine solche Reform zu diskutieren. In der Schweiz gibt es verschiedene Oberstufenmodelle und jeder Kanton kennt noch eigene Nuancen. Das dreigliedrige Aargauer System mit einer leistungsstarken Bezirksschule ist breit akzeptiert. Es wird auch von abnehmenden Ausbildungsbetrieben und weiterführenden Schulen sehr geschätzt, darum sehe ich hier keinen Änderungsbedarf.

«Ich will nicht Friede, Freude, Eierkuchen, sondern in der Sache fundierte Auseinandersetzungen, die zu guten Lösungen führen», Alex Hürzeler.

«Ich will nicht Friede, Freude, Eierkuchen, sondern in der Sache fundierte Auseinandersetzungen, die zu guten Lösungen führen», Alex Hürzeler. © Britta Gut

Sie sitzen seit zwölf Jahren für die SVP im Regierungsrat, trotzdem ist es nicht die grosse Liebe zwischen Ihnen und Ihrer Partei. Immer wieder gibt es Kritik, die SVP war gegen den Lehrplan 21 und ist jetzt gegen höhere Lehrerlöhne – ist das nicht mühsam und zermürbend?

Es ist wohl das Privileg der Regierungsräte aus Mitteparteien, dass sie von ihren Parteien fast durchweg unterstützt werden. Bei Urs Hofmann von der SP sowie bei Jean-Pierre Gallati und mir als SVP-Vertreter ist das anders: Wenn eine Partei ein klares Profil hat, dann ist Kritik aus den eigenen Reihen fast normal. Das heisst aber nicht, dass man sich deshalb mit der Partei verkrachen muss. Gerade die SVP ist sich bewusst, dass ein Regierungsrat eine andere Funktion hat als ein Grossrat.

 

Lehrpersonen sind politisch eher links eingestellt, die Präsidentin des Lehrerverbands ist in der SP. Würden Sie sich manchmal weniger politischen Gegenwind aus Lehrerkreisen wünschen?

Man muss nicht Regierungsrat werden, wenn man überall der Liebling sein möchte. Es gehört zu meiner Aufgabe, kontroverse Diskussionen zu führen und das mag ich auch. Ich will nicht Friede, Freude, Eierkuchen, sondern in der Sache fundierte Auseinandersetzungen, die zu guten Lösungen führen. Als Bildungsdirektor stehe ich immer im Fokus der Öffentlichkeit, aber ich schätze die Herausforderung, der politische Prozess macht mir Spass.

Auch die Kosten sind im Bildungswesen immer wieder Thema. Wie hoch ist eigentlich das Wahlkampfbudget des Bildungsdirektors?

Für die Regierungsratswahlen beträgt das Budget der SVP Aargau ungefähr 100'000 Franken. Dies umfasst insbesondere die Plakate für Jean-Pierre Gallati und mich. Meine zusätzliche pri­vate Werbung besteht aus Inseraten, Flyern und meiner Website, das Budget dafür beträgt 25'000 Franken.

Wenn Sie am 18. Oktober wiedergewählt werden, sind Sie nach der nächsten Legislatur 59-jährig. Gehen Sie dann in Frühpension, oder ist jetzt schon klar, dass Sie 2024 nochmals antreten?

Ich habe nie eine politische Karriereplanung gemacht, deshalb ist völlig offen, ob ich in vier Jahren nochmals antrete. Heute bin ich motiviert für die aktuelle Kandidatur, vieles läuft gut im Departement, mein Amt erfüllt mich und macht mir Spass. Ich werde spüren, wann es Zeit ist, zu verzichten – jetzt ist dieser Moment für mich aber definitiv noch nicht gekommen

 

Serie: Regierungsratswahlen

Am 18. Oktober sind Gesamterneuerungswahlen des Regierungsrates. Urs Hofmann (SP) tritt zurück. Die anderen vier Regierungsräte treten wieder an: Markus Dieth (CVP), Stephan Attiger (FDP), Alex Hürzeler (SVP) und Jean-Pierre Gallati (SVP). Neu kandidieren Christiane Guyer (Grüne) und Dieter Egli (SP). In einer Interviewserie bringt die AZ die Kandidierenden näher. Heute: Stephan Attiger, 53-jährig, aus Baden,Er ist seit 2013 Vorsteher des Departementes Bau, Verkehr und Umwelt. Stephan Attiger ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

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