Sechs Kündigungen und drei Burn-outs – Schneeballeffekt beim Sozialamt

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Die Villa Clara beherbergt noch unter anderen den Regionalen Sozialdienst Kölliken. © Flurina Dünki

Die Sozialämter stehen landesweit unter enormem Druck: Öffentlichkeit und Politik fordern weniger Ausgaben, gleichzeitig steigen die Fallzahlen an und vermehrt werden Lasten von Bund und Kanton – etwa wegen Kürzungen bei den Invaliden- oder Arbeitslosenversicherungen – an die Gemeinden hin verschoben. Um die Flut von Fällen effizient zu bewältigen, haben sich über die Jahre immer mehr Gemeinden zum Regionalen Sozialdienst Kölliken (RSDK) angeschlossen. Heute gehören nebst Kölliken auch Hirschthal, Muhen, Moosleerau, Reitnau, Safenwil und Bottenwil dazu.

Die Arbeitslast ist unbestritten hoch. Ende 2019 teilten sich 18 Mitarbeitende 13,4 Vollzeitstellen. Nur eine Person arbeitete zu 100 Prozent, alle anderen fanden trotz Teilzeitanstellung kaum Erholung: Seit August haben dem Vernehmen nach sechs Mitarbeitende gekündigt. Drei davon sind wegen Arbeitsüberlastung krankgeschrieben. Die Kündigungswelle hat die ehemalige Geschäftsleiterin Monika Schmid losgetreten, die den RSDK im November 2015 übernommen hatte. Ende Juli verliess sie die Stelle in Kölliken, seit September führt sie die Sozialen Dienste in Windisch.

Agatha Kremser trat ihre Nachfolge im RSDK am 1. August an. Der Schneeballeffekt war zu dem Zeitpunkt aber schon im Gange: Mitte August erlitt eine Person im RSDK einen Burn-out, Ende September zwei weitere. Sie sind zu 100 Prozent krankgeschrieben, ihre Stellen haben sie inzwischen gekündigt. Ende August verliess eine Person den RSDK, auf Ende Dezember wird mindestens jemand weiteres gehen.

Wie konnte es so weit kommen?

Drei Burn-outs und sechs Kündigungen innerhalb von wenigen Wochen. Wie konnte es so weit kommen? Mirjam Bossard, die aktuell zuständige Gemeinderätin in Kölliken, bestätigt nur, dass es «einige personelle Wechsel» gegeben habe. Wegen Persönlichkeitsschutz dürfe sie aber keine Auskunft zu den Gründen geben.

Erst letztes Jahr als neue Gemeinderätin gewählt, hat sie das Ressort So­ziale Sicherheit im Juli von Gemeinderat Roland Frei übernommen, gerade um «der Geschäftslast und den anstehenden Projekten im RSDK Rechnung zu getragen», hiess es damals. «Die Anforderungen gegenüber den Sozialdiensten werden stetig grösser und eine entsprechende Neugestaltung und Weiterentwicklung der Dienste ist unaufhaltbar», sagt sie. Der RSDK befände sich im Umbruch, was «grosse Herausforderungen» für alle bedeute.

Für die meisten bereits Nachfolger gefunden

Man habe gerade wegen der steigenden Anforderungen entschieden, verschiedene Prozesse und Strukturen zu verändern. «Und solche Veränderungen haben immer ihre Folgen», sagt Mirjam Bossard. «Was wir im Nachhinein sicherlich klar sagen können: Die steigenden Fallzahlen und die zunehmende Komplexität der Fallbearbeitung konnten nicht im richtigen Verhältnis mit Personalressourcen aufgefangen werden.»

Auch Irene Bärtschi, Präsidentin des Vorstands des RSDK, räumt ein, dass man wohl zu wenig schnell die zu hohe Belastung der Mitarbeitenden wahrgenommen und vermutlich zu spät die personellen Ressourcen ausgebaut habe. «Es gibt Wechsel, die man nicht voraussehen kann. Manchmal löst eine Kündigung gleich weitere aus.» Vorstand und Geschäftsleitung seien nun «mit Hochdruck daran», die gekündigten Stellen wieder zu besetzen. Für die meisten hätten bereits Nachfolger gefunden werden können, sagt sie. «Es ist für uns sehr wichtig, dass unsere Klienten weiterhin gut betreut werden.»

Stellenerhöhungen und Umzug nach Unterentfelden

Einer zusätzlichen Stellenprozenterhöhung hat der Vorstand für das laufende Jahr bereits zugestimmt, eine weitere ist für nächstes Jahr vorgesehen. Im Budget 2021 hat er 100'000 Franken mehr für den RSDK beantragt. Ende Jahr will der Verband zudem ein neues Kapitel aufschlagen und von der baufälligen Kölliker Villa Clara, wo der Platz knapp ist, an die Suhrenmattstrasse in Unterentfelden ziehen – also ausserhalb des Verbandsgebiets. Ein geeignetes Gebäude konnte in den sieben Trägergemeinden nicht gefunden werden, sagt Irene Bärtschi. Man habe die Fahrtzeiten erhoben, Unterentfelden sei von den Gemeinden her gut erreichbar – vom Suhrental mit der WSB gar schneller. «Mittelfristig sehen wir aber auch eine Rückkehr ins Verbandsgebiet.»

Zeitgemässe Infrastruktur – mit erhöhter Sicherheit

Irene Bärtschi bekräftigt: «Wir investieren in eine zeit­gemässe, kli­enten- und mitarbeiterfreundliche Infrastruktur. Wir müssen in diesem Punkt jetzt handeln.» Nebst mehr Platz für den steigenden Personalbedarf werde auch die Sicherheit erhöht. 2014 wurde eine Mitarbeiterin des RSDK angegriffen und trug Verletzungen und eine posttraumatische Belastungsstörung davon.

Der RSDK galt als Beispiel für Zusammenarbeit unter Gemeinden, entsprechend kamen immer mehr hinzu. Nur Uerkheim ist 2016 ausgetreten und ging zum Sozialamt Zofingen. Das Modell «Regionaler Sozialdienst» sei nach wie vor gut, sagt Irene Bärtschi. Ein Verbund mit sieben Partnern brauche aber stets Anpassungen. «Wir sind daran, mehr Ressourcen zu schaffen und die Kompetenzordnung anzupassen.»

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