Zu Allerheiligen: Eine leise Ahnung, dass alle zu Gott gehören

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Zu Allerheiligen besuchen Katholiken die Gräber ihrer Angehörigen (Bild aus Reiden), schmücken sie und zünden Kerzen an. Bild: ben

Der Apostel Paulus pflegte seine Briefe mit den Worten «an die Heiligen» einer bestimmten Stadt oder Region zu eröffnen – «an alle Heiligen von Korinth» etwa oder von Rom. Gemeint waren damit alle christlich Getauften unter seinen Lesern, also die Mehrheit jener, die im Gottesdienst die öffentliche Lesung der Briefe ihres Apostels hörten. Als Kind war ich stets der Meinung, der Feiertag, den die katholischen Christen meines Ortes am 1. November begingen und der sich «Allerheiligen» nannte, feiere genau diesen Umstand: dass wir alle, zum Beispiel alle Kinder meiner Schulklasse, die christlich getauft waren, Heilige seien: das Fest des Wir-sind-alle-Heilige.

Denn so viel hatte ich von der Sonntagsschule her mitbekommen: dass in der Bibel alle Getauften eben «Heilige» genannt werden. Ich beneidete deshalb meine katholischen Klassenkameraden für das Fest, an dem dieser Umstand gewürdigt wurde. Wir feierten zwar etwa zur gleichen Zeit das Gedenkfest der Reformation. Das war aber vor allem vom Pathos der Abgrenzung und des Andersseins geprägt, von der Ablehnung der römischen Kirche und des Papstes in der «vatikanischen Zentrale», über die wir spöttische Sprüche machten. Es lag etwas Kämpferisches in diesem unserem Gedenktag, eine gewissen Negation, die wir mit unüberhörbarem Stolz vor uns hertrugen.

Allerheiligen aber hatte diese leise, positive Ahnung, dass alle zu Gott gehörten, alle, die seinen Geist in der Taufe empfangen hatten und deshalb «heilig» waren, offenbar ganz unabhängig davon, wie sie sich im Leben verhielten. Es war ein Fest der Inklusion. Dieser Teil meiner kindlichen Überlegungen, dass man ganz unabhängig von seiner Lebensführung, allein aufgrund der christlichen Taufe, anscheinend schon ein Heiliger war, war etwas schwieriger zu verstehen.

Denn auch wir Reformierten verstanden darunter jemanden, der sein Leben ohne Fehl und Tadel verbrachte. Das musste sehr langweilig sein, so ein Leben in Heiligkeit, das gleichwohl allergrösste Bewunderung verdiente. Deshalb waren es vor allem alte Leute, die diesen Ruf besassen, Leute, die sich nicht mehr so sehr im Alltag zu bewähren hatten und deshalb weniger fehleranfällig waren als wir übrigen. Vor allem weniger fehleranfällig als wir Kinder, die auf Schritt und Tritt von den Erwachsenen zusammengestaucht und für alles mögliche gescholten wurden – vor allem, wenn man ein männliches und etwas wildes Kind war wie ich.

Und dann die Kerzlein, die allenthalben auf dem Friedhof in die frühe Finsternis des Novemberabends hinein leuchteten, eines nach dem anderen, ein berührender Anblick. Ich hatte mein Zimmer direkt über dem Friedhof und sah stundenlang den Leuten zu, dunklen Gestalten, wie sie in der Dämmerung eines regnerischen Herbsttages schweigend an den Gräbern ihrer Lieben standen. Und irgendwie hatte ich keine Probleme, den Anblick der Lichter auf dem Friedhof, die zweifellos den Toten galten, mit dem Gedanken an uns lebendige Heilige zu verbinden, die an diesem Tage gefeiert wurden. Schliesslich lebten Heilige ewig, «auch wenn sie stürben», wie es in meiner Bibel etwas geschwurbelt hiess. Meine kindliche Mythologie konnte solche Gedankengänge jedenfalls stundenlang ausspinnen und verbinden.

Bis heute berühren mich die Kerzen an den Gräbern und noch immer denke ich darüber nach, dass wir alle Heilige sind und dass der Gedenktag also uns alle meint: alle, die christlich getauft sind. Und, so hoffe ich, die vielen anderen auch. Zwar gilt, wie ich inzwischen gelernt habe, der Festtag vor allem den «wirklichen» Heiligen, jenen also, die von der kirchlichen Autorität kanonisiert wurden. Zweifellos bilden sie die «Wolke der Zeugen», die uns in das Reich Gottes vorangegangen sind und welche die Kirche von uns Lebenden mit der ewigen Kirche Christi verbinden und verschmelzen. Etwas von ihrem Leuchten will im Kerzenlicht auf den Gräbern widerscheinen und von dort auf unseren eigenen Gesichtern leuchten. Ein Licht aus jener neuen Welt Gottes, in der «Heil» und «heilig» eins sind. Und welche Autorität will es Paulus verargen, uns alle mit apostolischer Vollmacht eben so zu nennen – wir, die wir unsere eigene Heiligung mitfeiern am Fest des Wir-sind-alle-Heilige? Ich wünsche allen ein gesegnetes Fest.

Wilhelm Schlatter, freier Theologe und Künstler

Was wird alles gefeiert und was bedeuten die Tage?

Reformationstag, Allerheiligen, Allerseelen – und Halloween: Drei Tage mit vier verschiedenen Bedeutungen werden diese Tage gefeiert. Allerheiligen und Allerseelen sind am 1./2. November. Beide Gedenktage der römisch-katholischen Kirche dienen dazu, uns an die Vergänglichkeit des irdischen Daseins zu erinnern. Wie es der Name schon sagt, wird an Allerheiligen der Heiligen gedacht. Dazu zählen nicht nur die Märtyrer und Heiliggesprochenen. Allerseelen gilt zum Gedenken aller Toten und deren Seelen. Bereits am 31. Oktober war Reformationstag. Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther seine Thesen zu Busse und Ablass an die Tür der Schlosskirche Wittenberg angeschlagen haben. Zugleich ist auch Halloween. Der Begriff leitet sich aus dem englischen Begriff All Hallows Eve («Aller Heiligen Abend») ab. Die Ursprünge des Brauchs liegen aber wahrscheinlich 2500 Jahre zurück. Damals glaubte man, in dieser Nacht öffne sich eine Tür zum Reich der Toten und Geister. Mit gruseligen Masken versuchte man, diese in Schach zu halten. Irische Auswanderer brachten den Brauch in die USA und Kanada. Seit rund 20 Jahren erobert Halloween von dort Europa und wird auch bei uns gefeiert. (ben)

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