Der Corona-Film von Ex-SRF-Mann Reto Brennwald ist ein Hit – so richtig wohl scheint ihm dabei nicht

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Reto Brennwald während der Podiumsdiskussion am 23. Oktober. © Ennio Leanza / KEYSTONE

Der Film «Unerhört» wird gesehen. Die Dokumentation von Reto Brennwald wurde seit der Veröffentlichung vor drei Wochen auf der Video-Plattform Vimeo schon rund 436'000 Mal angeschaut.

Wie lässt sich dieser Erfolg erklären? Der Film ist eine eindringliche Kritik am Umgang der Regierung und der Medien mit der ersten Coronawelle. Das Virus wird als harmloser und die Gegenmassnahmen – vor allem der Lockdown – als schlimmer als geglaubt dargestellt. Den Medien wird die Schuld daran gegeben, dass Stimmen von coronaskeptischen Ärzten und Experten angeblich nicht gehört wurden. Damit erreicht der Film eine treue Fangemeinschaft. In den einschlägigen Foren der Coronaskeptiker wurde er gefeiert. Aber 400'000 Ansichten erklären sich nicht mit diesem Nischenpublikum allein.

Die Coronaskeptiker und der Brennwaldfaktor

 
Brennwald sagt: «400'000 Views zeigen mir, dass offenbar ein grosses Interesse an einer kritischen Sicht besteht, die weit über die sogenannten Corona­skeptiker hinausgeht.» Tatsächlich dürfte der Absender Brennwald dafür gesorgt haben, dass der Film auch einen Teil seines früheren Publikums erreichte. In den Nullerjahren war der Mann mit dem markanten Gesicht ein Aushängeschild des Schweizer Fernsehens. Er arbeitet zunächst für die «Rundschau» und ab dem Jahr 2007 für die «Arena». Mit seiner tiefen Stimme, die ihm einst zu einer Karriere bei «Radio 24» verholfen hatte, nahm er die Zuschauer später auf Reisereportagen oder stellte in Dok-Filmen schräge Persönlichkeiten vor. Die Stelle als «Arena»-Moderator verliess er, nachdem Kritik laut geworden war, er bevorzuge die SVP. «Teleblocher am Leutschenbach», schrieb die «NZZ». Dieser Vorwurf macht Brennwald auch bei dem Teil des Publikums beliebt, dem das Schweizer Fernsehen zu links ist.

Heute moderiert er noch die Nischensendung «Sonntagszeitung Standpunkte». Er ist mittlerweile selbstständig. Für ein ausführliches Gespräch über die Reaktionen zu seinem Film und seine Einschätzung der aktuellen Lage stand Brennwald nicht zur Verfügung. Es wäre ihm lieber, wenn nun eine sachliche Debatte darüber geführt würde, «wie wir jetzt durch die Krise kommen» und nicht über seine Person, die zuletzt «viel zu stark im Zentrum» gestanden sei. Besonders über eine Sache möchte Brennwald nicht mehr sprechen. Es geht um den Freitag, 23. Oktober. Damals feierte der Film in einer Eventhalle in Dübendorf Premiere. Im Anschluss gab es eine Diskussion mit Daniel Koch, dem coronaskeptischen Hausarzt Christoph Schmidli, Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler und dem Komiker Stefan Büsser, der wegen einer Lungenkrankheit zur Risikogruppe gehört.

Die unangenehmen Pfiffe gegen Daniel Koch

Brennwalds neue Fans kamen in Scharen. Und ein Teil davon wollte sich weder sagen lassen, wann und wie laut sie sich zu Wort melden dürfen, noch hielten sie sich an das Maskenobligatorium. Daniel Koch wurde immer wieder ausgebuht und auch Komiker Büsser durch Zwischenrufe unterbrochen. Brennwald war die Sache sichtlich unangenehm. «So nicht!», sagt er einmal ins Publikum gerichtet, und als einer seiner Gäste wieder unterbrochen wurde: «Ich will ihm gerne zuhören.»

Nach der Diskussion in Dübendorf ging Brennwald zu den Zwischenrufern auf Distanz. Dabei hatte er vorher wenig Berührungsängste, auch mit provokativen Figuren. So führte er auf seinem Youtube-Kanal ein Gespräch mit einem Blogger, der forderte, den Bundesrat ins Gefängnis zu stecken. Brennwald distanziert sich im Gespräch zwar von einzelnen extremen Haltungen des Mannes, veröffentlichte das Video aber unter dem reisserischen Titel «Gehört der Bundesrat ins Gefängnis?». Am 19. September genoss er den Applaus an einer Coronaskeptiker-Demo am Zürcher Turbinenplatz und warb für Spenden für seinen Film.

Die Distanzierung von seinen Fans hat sich aber abgezeichnet. Denn schon vor der Premiere des «Unerhört»-Filmes begann Brennwald, zurückzurudern. So distanzierte er sich im Vorgespräch mit Journalisten, denen er den Film vor der Premiere zeigte, von Marco Rima. Der Komiker hat im Film einen prominenten Auftritt. Brennwald betonte, dass das Interview mit Rima noch vor dessen Äusserungen in einer Radiosendung mit Roger Schawinski aufgezeichnet worden sei. Bei Schawinski polterte Rima gegen das Maskentragen und relativierte die Coronatoten mit Verweis auf den Geburtenüberschuss. Auf die Frage, was er heute anders machen würde, antwortete Brennwald, er würde Rima ausführlicher und kritischer interviewen. Lockdown-Massnahmen, welche die Kantone Genf und Wallis kurz vor der Premiere ergriffen hatten, mochte Brennwald ebenfalls nicht kritisieren.

Heute verzichtet er auf weitere Vorführungen seines Filmes – auch wenn solche im kleinen Rahmen noch möglich wären. «Zurzeit sind wir aber zum Social Distancing angehalten, und daran halte ich mich», schreibt Brennwald per Mail. Ohnehin seien nur wenige weitere Vorführungen vorgesehen gewesen.

Ist es Opportunismus oder steckt mehr dahinter?

Man könnte das Rumgeeiere von Brennwald als Opportunismus abtun: Als er noch Spenden und Aufmerksamkeit für seinen Film brauchte, fuhr er einen Kuschelkurs mit den Coronaskeptikern. Das Ding im Kasten und die Spenden auf dem Konto, distanziert er sich. Diese Erklärung ist wohl aber zu einfach. Wer mit Brennwald diskutiert, erkennt den Zweifler in ihm. Er gehörte – gemäss eigenen Angaben – zu den ersten, die beim Einkaufen im Geschäft Maske trugen. Er stellte solche Massnahmen aber bald in Frage. Als er seine Zweifel auf Facebook formulierte, wurde er dort angefeindet, was ihn umso mehr anstachelte, den Film zu machen.

Bevor der Film erschien, drehte der Wind. Schutzmassnahmen wurden weniger, die Ansteckungen mehr. Die Position des Filmes, wonach ein weiterer Lockdown unbedingt zu verhindern sei, ist mittlerweile Bundesratsdoktrin. Statt Ablehnung brandet Brennwald Zustimmung entgegen. Gut möglich, dass dem Journalisten erneut Zweifel kamen.

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