Ein Experiment für hundert Jahre: Warum dieser Förster Kastanien statt Fichten pflanzt

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Urs Wunderlins Experiment entsteht auf wegen dem Borkenkäfer gerodetem Gebiet. © mik

Die Römer haben die Edelkastanie einst auf die Alpennordseite gebracht, doch Kartoffelanbau und Getreideimport haben sie bald in die Bedeutungslosigkeit verbannt. Mittlerweile setzen viele Wissenschafter bei der Suche nach Bäumen, die mit dem wärmer werdenden Klima zurechtkommen, wieder auf die Kastanie.

Bessere Bedingungen für den Borkenkäfer

Für das Oberkulmer Forstamt Grund genug, seine Eignung für die hiesigen Breitengrade selbst zu testen: Im Gebiet Brandholz hat der Forst 200 Edelkastanien mit 50 Baumhasel gepflanzt, eine weitere Art, die sich in warmen Gefilden zu Hause fühlt. Die Pflanzung ist ein Versuchsprojekt, gestartet vor vier Jahren in einer Baumschule. Seit zwei Jahren stehen die Bäume auf einer wenige Aren grossen Waldfläche, die wegen des Borkenkäfers gerodet werden musste.

Das kommt nicht von ungefähr: Für den Borkenkäfer schafft der Klimawandel mit wärmeren Temperaturen und langen Trockenperioden immer bessere Umstände. Urs Wunderlin, Leiter der Technischen Betriebe von Oberkulm, sagt deshalb: «Wir müssen weg von der Fichte.» Auch die Prognose für die Buche sei nicht gut, und selbst die lange als robuster geltende Weisstanne bekundet vor allem mit den Trockenheitsperioden zunehmend Mühe.

Warum es hier keine Monokulturen geben wird

Wird die Landschaft im Wynental in ein paar Jahrzehnten von Kastanienwäldern geprägt? «Monokulturen, wie sie teilweise in Nachbarländern gepflegt werden, wird es bei uns sicher keine geben. Das ist zu riskant und nicht gut für ein lebendiges Ökosystem», erklärt Wunderlin. Aber in die hiesigen Wälder zum Kastaniensammeln gehen, das könnte in ein paar Jahrzehnten durchaus ein beliebter Sonntagsspaziergang sein. «Wenn man schneller ist als die Wildschweine», lacht Wunderlin. Die könnten sich im Umfeld grösserer Kastanienpopulationen natürlich vermehren, auch solche Faktoren muss Wunderlin mitbedenken.

Urs Wunderlin steht auf dem gerodeten Waldgebiet.

Urs Wunderlin steht auf dem gerodeten Waldgebiet. © Michael Küng

Für die Fruchtgewinnung würden die Kastanien natürlich nicht gepflanzt, sie sollen hoch und nah beieinander wachsen, gut für die Holzproduktion. Doch noch ist man davon weit entfernt. «Wir stehen noch ganz am Anfang, und auch die Forschung kann noch nicht sagen, wo es hingeht», erklärt Wunderlin.

Zufrieden mit den Kastanien

Gut möglich also, dass es am Ende doch ganz anders kommt. «Wir versuchen, so bedacht wie möglich vorzugehen. Denn etwas vom Schönsten, aber auch Herausforderndsten an unserem Beruf im Forst ist, dass jede unserer Entscheidungen Auswirkungen für hundert Jahre hat», sagt Wunderlin und deutet auf ein den Kastanien gegenüberliegendes Waldstück, in dem vor Jahrzehnten eine einzige Baumart gesetzt worden ist. «Das würden wir heute nie so machen, aber damals, als einer meiner Vorgänger dieses Waldstück so bepflanzt hat, galt das als richtig.»

Nach vier Jahren zieht Wunderlin ein erstes vorsichtiges Zwischenfazit und zeigt sich vor allem mit den Kastanien hoch zufrieden: «Sie gedeihen prächtig, schauen Sie nur, wie hoch die schon gewachsen sind!» Etwas verhaltener zeigt sich der Förster bei den Haselbäumen, viele kommen gut, doch einer von ihnen ist am Eingehen. «Vielleicht ist es hier doch noch zu wenig warm für ihn.»

Unter dem Strich schaut er vorsichtig optimistisch in die Zukunft seines Pilotprojekts. «Natürlich sind die Bäume noch sehr jung und es kann noch viel passieren.» Dennoch plant Wunderlin derzeit gerade die Bepflanzung eines weiteren Waldstücks. Dort sollen weitere Kastanien mit anderen Arten gemischt werden, heimische gesellen sich durch die natürliche Ausbreitung mit hinzu. Wenn sie sich wohlfühlen, werden sie den Wald prägen, für die nächsten hundert Jahre.

Kleiner Forst mit ausgeglichenen Finanzen

Oberkulm geht in der Region eigene Wege und hat sich keinem Forstverband angeschlossen. Damit der kleine Forstbetrieb mit 231 Hektaren Wald überleben kann, wurde der Technische Betrieb in seine Verantwortung übergeben. Zwei Mitarbeiter kümmern sich um ihn und bekommen je nach Bedarf Unterstützung aus dem Forstbetrieb, um die Arbeitsspitzen zu brechen. «Eine Win-win-Situation für Einwohnergemeinde und Ortsbürgergemeinde», sagt Wunderlin. (mik)

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