Der Bundesrat hat die psychische Belastung der Pandemie unterschätzt – jetzt reagiert das BAG

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Die Behörden sehen sich zusehends mit der Frage konfrontiert, wie die Schweizer Bevölkerung seelisch durch die Krise kommt. © Getty

Aufklären, Appellieren, Anordnen: In diesem Dreieck kommunizieren die Behörden während der Coronakrise. Auf der einen Seite müssen sie an den Schutz der Bevölkerung denken, auf der anderen an die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie. Aber was ist mit ganz konkreten sozialen Aspekten? Mit Ängsten, Depressionen, Suizidgedanken auch? Und wo bleibt die Hoffnung in diesen düsteren Zeiten? Die Pandemie ist nicht nur ein Risiko für die körperliche Gesundheit, sie kann auch schwerwiegende Folgen für die psychische Gesundheit haben.

Gemäss Experten muss sich der Bund breiter aufstellen, wenn er sich an die Bevölkerung wendet: Psychische Belastungen sollten in den offiziellen Verlautbarungen und Kampagnen stärker thematisiert werden. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie, die das auf sozialpolitische Fragen spezialisierte Beratungsbüro Bass im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) durchgeführt hat. Die Studienautoren untersuchten den Einfluss von Covid-19 auf die psychische Gesundheit in der Schweiz. Eine ihrer zentralen Empfehlungen an die Behörden lautet: «Klar kommunizieren.»

Stärker auf Verunsicherungen und soziale Auswirkungen eingehen

Die Coronakrise setzt jeder und jedem zu. Deshalb braucht es einen, wie es die Experten nennen, «Schutzfaktor gegen psychische Belastungen». Ein solcher müsse in einem kommunikativen Gesamtpaket eine wichtige Rolle spielen.

Konkret gehe es darum, «Verunsicherungen vorzubeugen und aufzuzeigen, dass nicht nur Infektionsrisiken, sondern auch die sozialen und psychologischen Konsequenzen der Schutzmassnahmen ernst genommen und angegangen werden». Dadurch könnte die psychische Gesundheit der Bevölkerung gestärkt werden.

Für ihre Untersuchung werteten die Experten bereits verfügbaren Studien zur psychischen Gesundheit in Coronazeiten aus und analysierten die einschlägige Forschung, ebenso interviewten sie Spezialisten aus der Wissenschaft, der Beratung und der Versorgung. Die Krisenkommunikation der Behörden beurteilt die Fachwelt vor allem in der ersten Phase als «klar, authentisch und verständlich». Das habe Sicherheit vermittelt.

Geändert hat sich dies, nachdem im Juni die ausserordentliche Lage aufgehoben wurde. Seither laufe die Kommunikation aus Sicht einiger der Befragten «nicht mehr so gut und ist teilweise widersprüchlich oder verwirrend». Laut den Experten dürfte sich dies nicht zuletzt mit den neuen Zuständigkeiten erklären lassen: Unterschiedliche kantonale Regeln könnten Verunsicherung auslösen, selbst wenn sie klar kommuniziert würden. Oft hänge die Kritik am Krisenmanagement mit dem Wunsch nach Vereinfachung zusammen. Gleichzeitig ist die Pandemie mit zahlreichen Unklarheiten behaftet, die ausgehalten werden müssen.

BAG plant Massnahmen für die Wintermonate

Die Aufgabe der Krisenkommunikation sei es nun, «Unsicherheiten und Ängste aufzugreifen und mit Botschaften darauf zu reagieren». So müsse etwa vermittelt werden, dass Risiken zum Leben gehören, dass aus Angst nicht auf alles verzichtet werden soll. Erfüllende Beschäftigungen, Pläne schmieden, nach draussen gehen, Kontakte pflegen: Solche Dinge seien wichtig für das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit.

Die Experten empfehlen den Behörden darum, klar zu vermitteln, was trotz Einschränkungen noch möglich ist. Spaziergänge oder Gespräche über den Balkon etwa. Sie nennen dies «Sichtbarmachen positiver Aspekte der Krise und gemeinsam bewältigter Schwierigkeiten». Bei Schutzmassnahmen müssten die Behörden immer auch darüber informieren, wie Stress und seelische Belastungen abgefedert werden könnten.

Der BAG hat auf die Befunde der Untersuchung reagiert, wie Informationen der Redaktion von CH Media zeigen. Auf Anfrage bestätigt dessen oberster Kampagnenleiter Adrian Kammer:

Gleichzeitig betont er, dass das Thema schon lange auf der Agenda des Amts stehe und bereits im Frühjahr wichtig gewesen sei. So hat das BAG niederschwellige Beratungsangebote wie die Dargebotene Hand oder Pro Juventute finanziell unterstützt, damit sie ihre Kapazitäten erhöhen konnten. «Aktuell werden Gespräche mit diesen Akteuren geführt, welche Unterstützung durch das BAG für die kommenden Monate wiederum notwendig ist», sagt Kammer.

Angepasst für die zweite Welle werde schliesslich auch die Plattform dureschnufe.ch. Die Website liefert einfache Tipps im Umgang mit herausfordernden Situationen.

Hilfsangebote werden viel öfters beansprucht

Eine Mehrheit der Bevölkerung scheint die Krise bisher gut bewältigt zu haben, wie die Bass-Studie verdeutlicht. Allerdings sind psychische Belastungen und Erkrankungen ungleich verteilt. Bei manchen Bevölkerungsgruppen hinterlässt Corona mehr Spuren in der Seele.

So zeigen die Experten auf, dass niederschwellige Angebote und Informationsplattformen bereits während des Lockdowns bis vor die Sommermonate deutlich öfters beansprucht worden sind. Die täglichen Nutzerzahlen verdoppelten sich teils. Zudem gebe es Hinweise, dass auch Suizidgedanken infolge der Krise zugenommen haben.

Zu den Faktoren, die den psychischen Stress während der Pandemie verstärken können, gehören den Experten zufolge Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Einsamkeit oder familiäre Konflikte. Namentlich Menschen über 65 Jahre, die sozial isoliert sind oder Vorerkrankungen haben, leiden verstärkt an Einsamkeit oder negativer Stimmung. Derweil macht besonders Jugendlichen zu schaffen, dass ihre Kontakte zu Gleichaltrigen eingeschränkt sind.

Stress, Sorgen, Einsamkeit? Hier erhalten Sie Hilfe

In der Schweiz gibt es Stellen, die während der Coronakrise für Menschen da sind – vertraulich, in der Regel kostenlos und meist rund um die Uhr.

Beratungsüberblick «Hilfe finden» des Bundesamts für Gesundheit:
www.bag-coronavirus.ch/hilfe/

Telefonische Hilfe der Dargebotenen Hand:
Telefon 143; www.143.ch

Tipps und Angebote, um die psychische Gesundheit zu stärken:
www.dureschnufe.ch

Beratung für Jugendliche:
Telefon 147; www.147.ch

Pro Mente Sana Beratungstelefon «Coronavirus und psychische Gesundheit»:
Telefon 0848 800 858 (Normaltarif)

«Reden kann retten» für Menschen in suizidalen Krisen:
www.reden-kann-retten.ch

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