Gerichtsverhandlung: 22-jähriger Aargauer zündete im Drogenrausch ein Boot an

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Die Faszination vom Feuer muss dem Angeklagten genommen werden. © zvg/kapo

Es wurde eng im Gerichtssaal des Bremgarter Bezirksgerichts. 16 Personen, galt es, coronakonform im Raum zu verteilen. Angeklagt war der 22-jährige Simon (Name geändert) aus dem Kelleramt. Nicht nur seine Eltern begleiteten ihn, sondern auch ein Sicherheitsmann und ein Kantonspolizist. Denn Simon sitz seit Ende Januar in Untersuchungshaft, seit Juli im vorzeitigen Strafvollzug. Vor Gericht trug er Fussfesseln.

Es tagte das Gesamtgericht unter Vorsitz von Gerichtspräsident Peter Thurnherr. Auch ein Privatkläger war vor Ort. Mehrfache Brandstiftung, Sachbeschädigung, Störung des Eisenbahnverkehrs und Übertretungen gegen das Betäubungsmittelgesetz warf die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten Simon vor.

Er uriniert an die Wand 

Es war in der Nacht von Montag auf Dienstag Mitte Juli 2019. Simon kam von einem Grillfest bei Freunden ab Dietikon mit der BD-Bahn. Am Bahnhof Bremgarten West verliess er den Zug um 0.58 Uhr und urinierte in die Unterführung. Dann zerstörte er mit einem Stein eine Überwachungskamera. Da er um diese Zeit keinen Bus mehr hatte, machte er sich zu Fuss auf den Heimweg.

Auf Höhe der Luzernerstrasse stellte er eine Baustellenabschrankung samt Verbotstafel mitten auf die BD- Gleise. Dann setzte er auf dem benachbarten Parkplatz ein abgestelltes Motorboot in Brand – wie, bleibt ungeklärt. Wenige Meter weiter zündete er in einem Baustellendepot eine Plastikfolie an – direkt neben einem Dieseltank. Kurz darauf alarmiert der Beschuldigte anonym selbst die Feuerwehr und meldet den Brand des Boots.

Baustellenabschrankung konnte von Gleisen entfernt werden

Beim Eintreffen der Feuerwehr stand dieses in Vollbrand. Das Oldtimermotorboot im Wert von 35'950 Franken wurde vollständig zerstört. Ebenso wurden ein Anhänger und ein parkiertes Fahrzeug beschädigt. Ein Übergreifen des Feuers auf andere Fahrzeuge und Gebäude konnte durch die Feuerwehr verhindert werden.

Ebenso konnte die Feuerwehr die brennende Plastikfolie im Baustellendepot löschen, bevor der Dieseltank Feuer fing. Ein Baustellenfahrzeug wurde beschädigt. Bei diesem Löscheinsatz bemerkte die Feuerwehr die Baustellenabschrankung auf den Gleisen und konnte diese entfernen, bevor ein Zug damit kollidierte.

Psychologisches Gutachten zeigt pyromanische Züge

«Ich weiss nicht, was damals in mir vorgegangen ist», sagte Simon vor Gericht. Ein Cocktail aus Alkohol, Cannabis und Kokain in seinem Blut hätten wohl zu diesem Verhalten geführt. Seit Ende der Oberstufe ist Simon schwer drogenabhängig. Zudem leidet er an ADHS und am Asperger-Syndrom. «Als ich bemerkte, was ich gemacht habe, alarmierte ich sofort die Feuerwehr.»

Das psychologische Gutachten kommt allerdings zu einem anderen Schluss: Es konstatiert Simon pyromanische Züge. «Sind Sie ein Pyromane?», fragte Gerichtspräsident Thurnherr den Angeklagten darum direkt. «Das kann ich definitiv ausschliessen», meint dieser.

«Brandstiftung ist etwas vom Gefährlichsten, das es gibt»

Doch auch beim zweiten Anklagepunkt geht es um Feuer. Simon soll Ende Januar 2020 – ebenfalls im Drogenrausch – in seinem Wohnort einen Container einer Textilsammelstelle mit drei Feuerwerkskörpern («Römischen Lichtern») entzündet haben, woraufhin dieser vollständig zerstört wurde. Auch da Fall rief Simon selbst die Polizei.

«Dass Sie innerhalb so kurzer Zeit auf so viele dumme Ideen kamen, ist schon bemerkenswert», sagte Gerichtspräsident Thurnherr. «Brandstiftung ist etwas vom Gefährlichsten, das es gibt. Man will sich nicht vorstellen, was hätte passieren können.» Obwohl der Beschuldigte zu beiden Tatzeitpunkten durch seinen Drogenkonsum in seiner Urteilsfähigkeit eingeschränkt war, sah die Staatsanwaltschaft eine unbedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten als angemessen. Zudem sollte eine stationäre Massnahme zur Behandlung von Simons Drogensucht angeordnet werden und anschliessend eine ambulante Psychotherapie zur Behandlung seiner pyromanischen Störung folgen.

«Es wird ein langer und steiniger Weg sein»

«Was Sie gemacht haben, kann man nicht beschönigen», sagt Präsident Thurnherr in der Urteilsbegründung. «Dennoch kann man einen jungen Mann wie Sie nicht einfach wegsperren.» Das Gesamtgericht folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft und erhob den vom Angeklagten mitunterzeichneten Erledigungsvorschlag zum Urteil.

«Wir müssen Ihnen die Faszination vom Feuer nehmen», machte Präsident Thurnherr ­Simon deutlich. «Sie bekommen eine einmalige Chance und wir erwarten von Ihnen, dass Sie sie ergreifen. Ziel ist es, dass Sie Ihrem Leben eine neue Perspektive geben.» Den im Saal anwesenden Eltern wünschte Thurnherr zum Abschluss der Verhandlung viel Durchhaltewillen: «Es wird ein langer und steiniger Weg sein», machte er ihnen deutlich.

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