«Flösser»-Sämi: «Wenn die Orgel ‹giiret›, muss man schmieren»

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Bernhard Wullschleger beim Spiel an der Berliner Jubiläumsorgel. Von der Stüber R20/22 sind nur zehn Stück gebaut worden.

Am Anfang war – nein, nicht die Drehorgel, sondern das Akkordeon. Als «Schuelbueb» hat Bernhard Wullschleger «s’Handörgeli» erlernt, im privaten Musikschulunterricht im Aarburger «Bären», wo damals noch die Bibliothek untergebracht war. Sein Akkordeonlehrer, der Dirigent des nicht mehr existenten Handharmonika-Clubs Oftringen, hat ihm das Mitwirken im Club schmackhaft gemacht. Nach einer musikalischen Pause – Familie und Beruf traten in den Vordergrund – hat Wullschleger bis Mitte der 1990er-Jahre in verschiedenen Formationen mitgespielt. So etwa bei «Die lustigen Südtiroler» oder später auch als Einmann-Orchester «Beny Solo». 

Musik war schon immer ein Fixpunkt im Leben von Bernhard Wullschleger. Ein anderer, ebenso wichtiger, ist der Wasserfahrsport. Seit 1972 ist der 66-jährige Aarburger aktives Mitglied des Pontonierfahrvereins. Den Verein hat er in den Jahren 1993 bis 2003 als Präsident geleitet, seit drei Jahren ist er Zunftmeister der Schifferzunft zur Woog. Als Drehorgelspieler tritt Wullschleger unter dem Namen «Flösser-Sämi» auf und führt so seine beiden grossen Leidenschaften quasi zusammen. 

«Mit 50 Jahren kaufe ich mir eine Drehorgel» 

Bei seinem zweiten Hobby ist Bernhard Wullschleger spät angekommen. Mit Ansage allerdings. Als er aufgehört habe, halbprofessionell Musik zu machen, habe er sich gesagt: «Mit 50 Jahren kaufe ich mir eine Drehorgel.» Sein Versprechen hat Wullschleger eingehalten, mit kleiner Verspätung. 2007 hat er bei einem Auktionshaus in der Ostschweiz seine erste Drehorgel erstanden, eine Karl Göckel Harmonipan 26/44 mit Jahrgang 1981. «Ich habe damals nicht wirklich gewusst, was ich erworben habe», sagt Wullschleger heute durchaus selbstkritisch. «Aber die Drehorgel hat sehr gut geklungen», das habe er als erfahrener Musiker beurteilen können. Die Göckel sei eben eine 26er-Orgel, das heisst, sie habe 26 Tonspuren. Weil es eher wenige Notenbandrollen mit 26 Tonspuren gebe, sei das Repertoire an spielbarer Musik begrenzter als bei anderen Orgeln. 

Als frischgebackener, stolzer Besitzer einer Drehorgel hat sich Bernhard Wullschleger 2007 umgehend für das Drehorgeltreffen in Thun angemeldet. Und wurde eingeladen. «Weil ich der Einzige war, der eine Göckel hatte», wie er sich erinnert. Mit seinen fünf Lochbandrollen im Gepäck ist der Aarburger Drehorgelmann zum dreitägigen Treffen nach Thun gereist. «Irgendwann hast du diese 15 Stücke gehört und bist nur noch froh, dass es doch noch Sonntagabend wird», erinnert sich Wullschleger an seine ersten Auftritte. 

Sechs Orgeln und rund 500 Rollen 

Das sind «Tempi passati». Heute besitzt Bernhard Wullschleger rund 500 Rollen, davon etwa 70 für die Göckel. Und fünf weitere Drehorgeln sind auch dazugekommen. «Jede ist in ihrer Art ganz speziell», betont Bernhard Wullschleger. Die Firma Göckel etwa baute eigentlich Kirchenorgeln. Drehorgeln habe sie nur in einer beschränkten Zeit gebaut, als sie wenig Arbeit gehabt habe. Bernhard Wullschleger sind denn auch nur vier Göckel-Orgeln bekannt, die noch spielbar sind. 

Besonders stolz ist er auf seine Deleika DF 31/84. Die Trompetenorgel mit 31 Tonstufen und 84 Holz- und Blech-Pfeifen wurde 1995 bei Deleika Drehorgelbau in gerade einmal zwei Exemplaren gefertigt und wiegt stattliche 50 Kilogramm. Eine besitzt der Erbauer, die andere Wullschleger. 

Eine echte Rarität, die Wullschleger von einem befreundeten Drehorgelspieler angeboten wurde. «Zu einem absoluten Freundschaftspreis, weil er sie in guten Händen wissen wollte», wie er betont. «Sie hat einen unglaublichen Klang», führt der Aarburger Drehorgelmann weiter aus, legt eine Rolle ein und beginnt am Schwungrad zu drehen.

Mit dem Drehen des Schwungrads löst Wullschleger einen relativ komplexen Mechanismus aus. Durch das Drehen des Schwungrads treibt er einerseits den Lauf der Notenrolle an, anderseits den Blasbalg, der Luft in eine Luftkammer befördert. Durch diesen zeitgleichen Prozess entsteht ein Unterdruck, bis die Notenrolle mit einem oder mehreren Löchern den Lochbandfühler (Gleitblock) erreicht.  Sofort entlädt sich die Luft, die über eine Windlade (Luftverteiler) und kleine Schläuche zu den Pfeifen geleitet wird, die dadurch den entsprechenden Ton wiedergeben. Beim Spielen kommt der «Flösser-Sämi» so richtig in Fahrt. Ein Lächeln streift über sein Gesicht, als die ersten Töne des «Csardas», der wohl bekanntesten Komposition des italienischen Komponisten Vittorio Monti, ertönen. Man könne nicht einfach immer gleich schnell am Rad drehen, erläutert Wullschleger. «Es braucht ein gewisses Musikgehör und ein Gefühl für den richtigen Takt», führt er weiter aus. Ein Drehorgelspieler sei eigentlich der Dirigent seiner Orgel. Falls er zu langsam drehe, falle die Luftzufuhr weg. «Und dann tönt es gar nicht mehr», sagt Wullschleger lachend. 

Die Preise sind gefallen 

Die Gelegenheit zum Kauf einer Drehorgel sei momentan günstig, verrät Wullschleger, obwohl der berühmteste Drehorgelbauer Raffin den Bau von Drehorgeln leider ganz eingestellt habe und nur noch Notenbänder herstelle. «Für drei- bis viertausend Franken erhält man eine schöne Standard-Drehorgel wie etwa die Raffin 20/31», sagt Wullschleger. Denn momentan kämen viele Orgeln, die in den Boomjahren um 1980 erworben worden waren, wieder auf den Markt. «Drehorgeln, die an vielen Orten einfach ein relativ teures Möbelstück in einem Zimmer waren, aber nicht gebraucht und gespielt wurden. Die müssen spätestens dann weg, wenn die Erben nichts damit anzufangen wissen», ist sich Wullschleger sicher.Trotzdem, eine weitere Drehorgel will sich Wullschleger aus Platzgründen bei aller Leidenschaft nicht zulegen. 

Spielen und den Leuten damit eine Freude bereiten, das will der «Flösser-Sämi» bald wieder. «Sobald es geht halt in der momentanen Situation», sagt er. Am kommenden Samstag hätte man ihm am Aarburger Weihnachtsmarkt zuhören können, der leider abgesagt wurde. Ein nächster Auftritt im Perry Center steht am 20. Dezember in seinem Terminkalender. Dort soll am 1. Mai 2021 auch das 3. Drehorgeltreffen stattfinden, das Wullschleger selbst organisiert und bei dem 30 Drehorgelspieler auftreten. Mit dabei auch der «Flösser-Sämi», der viele alte Volkslieder in seinem Repertoire hat. «Neben Stücken wie ‹Hoch auf dem gelben Wagen› oder dem ‹Buurebüebli› spiele ich aber ab und zu auch einen Rock ’n’ Roll oder neuere Hits wie ‹Time to say goodbye›», sagt Wullschleger. Er spiele so lange, wie die Orgel gut töne. Ein schelmischer Ausdruck kommt in sein Gesicht, als er ein Fach der Orgel öffnet und eine Flasche herauszieht. «Meine Spezialität, das selbstgebrannte Örgeliöl», sagt er mit einem Lachen. «Wenn die Orgel ‹giiret›, muss man schmieren.» 

 

 

Ein uraltes Stück Musikgeschichte

Ältere Quellen zur Geschichte der Drehorgel sind leider nur sehr spärlich vorhanden. Allgemein wird davon ausgegangen, dass der deutsche Jesuitenpater Athanasius Kircher (1601 bis 1680) der Erfinder der Drehorgel war – zumindest war er der Erste, der das Prinzip der Drehorgel bildlich darstellte. Zahlreiche Abbildungen dokumentieren, dass die Drehorgel ab 1750 zum allgemeinen Strassenbild gehört haben dürfte. Meist waren es Bänkelsänger, die als Strassenmusiker mit einer Drehorgel als Begleitinstrument auftraten. Damals noch mit Walzenorgeln, ab zirka 1900 gab es erste Faltkarton-Orgeln, 1912 brachte die Orgelbauer-Dynastie Bacigalupo die erste Lochband-Drehorgel auf den Markt. Mit dem Aufkommen von Grammophon und Radio verschwanden die Drehorgeln mehr und mehr aus dem öffentlichen Raum. Erst mit einer Nostalgiewelle in den 1970er-/1980er-Jahren erlebte die Drehorgel eine Renaissance. (tf)

 

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