Leere Aargauer Altstädte an Adventssonntagen – «eigentlich wäre es ehrlicher, alles zuzumachen»

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Die weite Gasse in Baden (Sandra Ardizzone)

«Chum use, gang id Stadt.»

Mit diesem Slogan lädt der Verein «Zentrum Aarau» ein, in der Altstadt zu schlendern und seine Einkäufe bei lokalen Läden zu verrichten. Allerdings stösst diese Maxime gegen die Entscheide des Bundesrates vom vergangenen Freitag an, wenn es um die weihnächtlichen Sonntagsverkäufe geht: Diese wurden neben zahlreichen weiteren Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie verboten.

Somit durfte Karin Berini am Samstag keine Gäste in ihrem Schmuckgeschäft in Aarau empfangen. Sie bedauert es allerdings mehr um der Tradition willen als wegen des Umsatzes: «Es war die Gelegenheit, in einer gemütlichen Atmosphäre Kunden zu empfangen. In üblichen Zeiten servierten wir Kaffee und etwas Prosecco und konnten uns mit der Kundschaft unterhalten.»

Sonntags eher spontan einkaufen

Dass an den Sonntagen jeweils eine etwas ruhigere Atmosphäre herrschte, bestätigt auch Ulrike Sammarchi, die in Rheinfelden den Kinderkleiderladen «Kinderkram» betreibt: «Es waren Momente, in denen sich die Kunden inspirieren lassen und spontan einkaufen konnten. Die geplanten Einkäufe erfolgen eher unter der Woche.»

In Wohlen findet sich Nicole Wey in ihrem Kleidergeschäft «Grottino della scarpa» ebenfalls damit ab: «Dann mache ich halt einfach montags auf.» Das Verbot der Sonntagsverkäufe sei schade, aber kein Weltuntergang, wie es auch Karin Berini in Aarau sagt: «Den grossen Andrang hat es sonntags bei uns nie gegeben. Unser Weihnachtsumsatz ist nicht von den Sonntagsverkäufen abhängig.» Vielmehr würden Leute in letzter Minute einkaufen gehen. Sie vermutet, dass an Adventssonntagen üblicherweise vor allem in Einkaufszentren «die Hölle los war».

Ein weiterer Schlag für Geschäfte

Dass sich Einkaufszentren Sorgen machen, bestätigt eine Stellungnahme vom Shoppi Tivoli in Spreitenbach: «In einem normalen Jahr könnte der Detailhandel solche Einschränkungen wohl wegstecken. Nun hat aber dieses Jahr schon viel Kraft gekostet.» Das Zentrum sei als Vermieter zwar weniger betroffen vom Sonntagsverkaufsverbot. Aber Pressesprecherin Besa Syla bekundet ihre Besorgnis um die eingemieteten Läden: «Auch grosse Konzerne ächzen mittlerweile unter der Last der anhaltenden Einschränkungen.» Die neu eingeführten Massnahmen würden bereits angeschlagene Geschäfte in einem umsatzstarken Monat treffen.

Für Manor und dessen zahlreiche Filialen im Aargau, insbesondere in Aarau und Baden, sind Sonntagsverkäufe ein wichtiger Bestandteil des Weihnachtsumsatzes, der in normalen Jahren rund 20 Prozent des jährlichen Umsatzes ausmacht. An einem Sonntag würden im Schnitt die Hälfte der Kundschaft der Adventssamstage die Manorfilialen besuchen.

Verbände sind unglücklich über das Verbot

Die zusätzliche Belastung des Gewerbes durch das Verbot der Sonntagsverkäufe bedauern auch die Gewerbevereine. «Im Gespräch mit unseren Mitgliedern habe ich realisiert, wie wichtig die Sonntagsverkäufe sind. Es wird vor allem die kleinen Kleiderboutiquen und Geschenkläden treffen», erklärt Markus Frei vom Brugger Gewerbeverein.

Seinerseits sagt Michael Wicki, Präsident des Citycom Badens: «Wir leiden. Der Weihnachtsverkauf wird nie an das herankommen, was man sich erhofft hatte.» Zwar sagt auch er, dass die Badener Einkaufsstrassen an Adventssonntagen nie überfüllt waren. «Aber es war eine Möglichkeit, den Winterzauber zu erleben und im Weihnachtsdörfli zu schlendern.» Darüber hinaus würden die Läden, die sonntags offen haben, Personal aufbieten.

Er befürchtet, dass die Verschärfungen die Verschiebung zum Online-Handel einmal mehr beflügelt. Wicki kritisiert auch die widersprüchliche Haltung des Bundesrates: «Eigentlich wäre es ehrlicher, alles zuzumachen.» So sei es speziell: «Wir haben zwar offen, aber diese Auflagen ermöglichen es uns gar nicht, normal zu arbeiten. Den Leuten sagt man, dass sie einkaufen gehen können, aber wehe sie gehen!»

Auch Marco Veronesi, Präsident des Vereins pro Altstadt in Rheinfelden, ist befremdet von der Art und Weise, wie die Massnahmen eingeführt wurden: «Keine zehn Tage Vorwarnung, am Freitag sagen, was man am Sonntag anders machen muss. Das finde ich untragbar.»

Mehr Leute kommen nun gleichzeitig in die Läden

Was aber die Gewerbevereine am meisten befremdet: Sie verstehen nicht, inwiefern die Massnahmen auch nützlich sein sollen. Denn eine Einschränkung der Öffnungszeiten geht gegen ihre bisherigen Sicherheitskonzepte. «Die grosse Frage ist: Gehen die Leute, die an diesen Sonntagen nicht einkaufen gehen, nun an anderen Tagen?», fragt sich etwa Marco Veronesi in Rheinfelden. Das würde zu einer grösseren Konzentration der Leute in den Läden führen – und somit das Ansteckungsrisiko vergrössern.

Das Shoppi Tivoli rechnet jedenfalls bei kürzeren Öffnungszeiten mit höheren Verkehrsdichten. Auch im Manor sagt Fabian Hildbrand von der Medienstelle, dass «die zusätzlichen Verkaufsstunden geholfen hätten, den Kundenstrom besser zu verteilen». Am vergangenen Freitag erwartete Manor nach dem Entscheid des Bundesrates ein erhöhtes Kundenaufkommen am Samstag und Montag.

Deswegen versteht Veronesi die Logik der Einschränkung nicht: «Im Herbst haben wir uns genau deswegen entschieden, den Leuten viel Raum und Zeit zu lassen, damit sie ihre Weihnachtseinkäufe in aller Sicherheit machen können und damit wir die Schutzmassnahmen korrekt umsetzen können.» Die Strategie war, auch abends mehr zu verkaufen. «Dabei machen wir schon lange keine Abendverkäufe mehr, aber wir hatten wieder damit angefangen.»

Schlange vor den Läden am Samstagabend

Ob sich die Massnahmen als kontraproduktiv erweisen werden, bleibt abzuwarten.

Auf jeden Fall berichtet unsere Fotografin, die am Samstag einen Augenschein in den Badener Einkaufsstrassen nahm, von grösseren Menschenmengen zwischen 18 und 19 Uhr. Beim Weihnachtsmarkt war es schwierig, sich durch die Leute zu kämpfen, vor dem Coop standen die Leute um 18.30 Uhr Schlange. Dies, obwohl viele Läden bereits geschlossen waren.

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