Schweizer Seniorenorganisationen fordern: Altersheime sollen besser geschützt werden

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In den Schweizer Altersheimen ist rund die Hälfte der Coronatoten zu beklagen. © Laurent Gillieron/Keystone

Sie hat sich lange zurückgehalten. Aber jetzt ist Bea Heim der Kragen geplatzt. Sie wählt Worte wie «beschämend» oder «empörend», wenn sie über die Situation in den Altersheimen spricht. Rund die Hälfte aller Coronatoten sind dort zu beklagen. Heim, die einst für die SP im Nationalrat sass und so etwas wie die höchste Seniorin in der Schweiz ist, ruft einen Appell ins Land: «Es muss jetzt endlich mehr passieren, um die Menschen in den Altersheimen zu schützen. So kann es nicht mehr weitergehen», sagt sie.

Die Solothurnerin ist Präsidentin von Vasos, der Vereinigung aktiver Seniorenorganisationen – und Co-Präsidentin des Seniorenrats, dem Dachverband der Seniorenorganisationen. Sie hat festgestellt, dass die Meldungen über Corona-Ausbrüche in Altersheimen so häufig geworden sind, dass sie in der Öffentlichkeit nur noch mit wenig mehr als einem Schulterzucken hingenommen werden. Heim hat dafür kein Verständnis. «Es stimmt mich traurig, dass man die Menschen in den Heimen einfach vergessen hat», sagt die 74-Jährige.

Soldaten und Schnelltests für Kampf gegen Virus

Die Seniorenorganisationen fordern, dass umgehend mehr gemacht wird, um das Virus zu stoppen und zu verhindern, dass es sich in den Heimen ausbreitet. Insbesondere nimmt Heim dabei den Bund und die Kantone in die Pflicht. Die Altersheime dürften im Kampf gegen Corona nicht alleingelassen werden, sagt sie.

So soll etwa der Assistenzdienst der Armee auf die Altersheime ausgeweitet werden, um dort bei Personalengpässen für Entlastung zu sorgen. Bundesrat und Parlament stellen sich aber auf den Standpunkt, dass die Armee nur in den Spitälern helfen soll; dies primär, um die Ressourcen zu schonen und nicht zu viele Soldaten von ihrem Arbeitsplatz abziehen zu müssen. In den Altersheimen sollen zivile Freiwillige und Zivildienstler eingesetzt werden.

Bea Heim hat dafür wenig Verständnis. Umso mehr, weil die Altersheime in ihrer Personalnot teilweise Angestellte einsetzen, die in Quarantäne oder gar Isolation sein müssten. Nach vorheriger Rücksprache mit den Gesundheitsbehörden erlauben gewisse Kantone dieses Vorgehen. Heim bezeichnet es als sehr problematisch. Sie fordert, dass die «Armee umgehend eingesetzt wird, um in den Altersheimen zu helfen – auch wenn das Parlament anders entschieden hat». Ähnlich äussert sich auch Curaviva, der Verband der Altersheime: Man würde einen Einsatz der Armee begrüssen und bedauere den Entscheid des Parlaments.

Für die Schweizer Senioren ist es aber nicht damit getan, dass die Altersheime an der Personalfront entlastet werden. Sie verlangen auch, dass der Schutzwall um die Heime verstärkt wird. «Man kann hier viel mehr machen», sagt Bea Heim. Sie denkt insbesondere an den Einsatz von Schnelltests. Diese sind zwar mittlerweile breit verfügbar, werden aber noch wenig genutzt. Während die Kapazität laut Bundesrat 50'000 pro Tag beträgt, wurden seit Anfang November schweizweit erst etwas über 200'000 Tests durchgeführt. «Warum nutzen wir diese Ressourcen nicht, um die Menschen in den Altersheimen besser zu schützen, mit regelmässigen Tests von Angestellten, Besuchern und – bei Corona-Ausbrüchen– auch von Bewohnern?», fragt Heim.

Kantone und Altersheime hoffen auf neue Regeln

Im Kanton Basel-Stadt hat man mit Schnelltests in Altersheimen bereits Erfahrungen gesammelt. Im Rahmen eines Pilotprojekts wurde in einem Alters- und Pflegeheim dem gesamten Personal während dreier Wochen die Möglichkeit angeboten, einen Schnelltest zu machen. 80 Prozent der 109 Angestellten nutzten sie. Von 186 Tests fielen sieben positiv aus. Die Schnelltests erfüllten also ihren Zweck: Sie bewahrten asymptomatische Angestellte davor, das Virus ins Heim zu tragen.

Thomas Steffen, der Basler Kantonsarzt, ist zufrieden mit dem Ergebnis. Und er will auch in Zukunft auf die Schnelltests setzen. Einerseits in Heimen, bei denen es wie in der Pilotprojektinstitution bereits zu einem Ausbruch gekommen ist und in denen eine erste Testrunde mittels der zuverlässigeren PCR-Tests durchgeführt wurde. Andererseits kann sich Steffen auch vorstellen, weitere Pilotprojekte zu lancieren und eine breitere Anwendung der Schnelltests auszuprobieren.

Flächendeckenden Tests des Heimpersonals steht Steffen aber kritisch gegenüber. Das liegt an der Zuverlässigkeit der Schnelltests. 10 bis 15 Prozent fallen negativ aus, obwohl der Getestete das Virus in sich trägt. Zudem bezweifelt Steffen, dass das Personal bereit ist, regelmässig die unangenehme Testprozedur über sich ergehen zu lassen. Gleichzeitig pflichtet er Heim bei und sagt, dass man die Kapazitäten habe, um Schnelltests breiter einzusetzen.

Derzeit wird das durch die Empfehlungen des BAG verhindert. In Altersheimen empfiehlt es die Anwendung– im Gegensatz zu den deutschen Behörden – generell nicht. In der Praxis bedeutet das, dass der Bund auch nicht bezahlt. Thomas Steffen, der auch im Vorstand der Vereinigung der Kantonsärzte sitzt, sagt: «Wir wünschen uns, dass der Bund die Empfehlungen breiter fasst und uns so mehr Spielraum gibt.» Auch bei Curaviva hofft man, dass die Empfehlungen gelockert werden.

Das BAG schreibt, für Ausbruchsuntersuchungen seien die Kantone zuständig. Sie könnten schon heute entscheiden, Schnelltests einzusetzen. Über eine Anpassung der Empfehlungen und der Teststrategie werde bald informiert.

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