Rudolf Günthardt: «Wenn Schliessungen über den Januar hinaus andauern, gibt es ein Massaker»

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Statt emsiges Treiben herrscht gespenstische Stille: Das Hotel Zofingen gestern in der Wintersonne. Bild: Katrin Petkovic
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Immer mit Maske: Rudolf Günthardt am Montag im Foyer seines Betriebs. Bild: pp

Das Hotel Zofingen zur Weihnachtszeit 2020. Statt fröhliches Stimmengewirr herrscht an der Rezeption gespenstische Stille. Im Restaurant stehen die Stühle auf den Tischen. Seit gestern ist das Restaurant wieder zu, der Hotelbetrieb läuft im Januar nur eingeschränkt wieder an. Wie bewältigt Gastgeber Rudolf Günthardt, der für die FDP im Einwohnerrat Zofingen sitzt, diese Krise?

Herr Günthardt, Sie können das, was wir die letzten Monate erlebt haben, unter verschiedenen Perspektiven beurteilen.

Ja. Ich habe eine Sicht als Unternehmer, eine als Politiker und eine als Privatperson.

Fangen wir bei der Privatperson an.

Als Privatmann kann ich damit relativ gut umgehen. Ich habe dieses Jahr meinen 60. Geburtstag gefeiert. Wenn alle Stricke reissen, kann ich in die Frühpensionierung und aufhören.

Das klingt nicht so, als ob Sie das wollen.

Jetzt spreche ich als Unternehmer. Meine Frau Franziska und ich haben das Hotel am 1. Januar 2005 übernommen, also vor fast 16 Jahren. Viele Mitarbeitende sind von Anfang an dabei, das Kernteam ist lange zusammen. Das verpflichtet. Anfang Jahr hatten wir noch 37 Angestellte. Inzwischen sind es ein paar weniger, weil wir Abgänge nicht ersetzen.

Blicken wir zunächst noch etwas zurück. Wie haben Sie den Beginn der Krise erlebt?

Wir sind Anfang Februar aus den Ferien zurückgekehrt. Seit ein paar Jahren fliegen wir im Winter für zwei Wochen an die Wärme. Dieses Mal waren wir in Sri Lanka. Corona war bereits spürbar. Die Chinesen in den Hotels trugen bereits Masken, ebenso die Mitarbeitenden. Wir nahmen das nicht so ernst. Als wir nach Hause kamen, brummte der Betrieb. Wir haben bis Mitte März sehr gut gearbeitet.

Dann kam der Lockdown.

Ja, und der war absolut richtig. Die Fallzahlen sanken innerhalb kurzer Zeit. Das rettete uns mehr oder weniger den Sommer. Toll war er nicht, aber wir kamen durch. Die zweite Welle ist jetzt viel brutaler, die Zahlen sind viel zu hoch. Nun ist es doppelt schwer, sie auf ein Niveau zu senken, mit dem man einigermassen leben kann. Da müssen wir jetzt einfach durch. Die Fallzahlen müssen runter, so schnell und nachhaltig wie möglich.

Nach dem Lockdown und einem passablen Sommer hat Sie die Krise in den letzten Monaten mit voller Wucht getroffen?

Wir hatten kein einziges Weihnachtsessen – alles wurde abgesagt. Die Restauration lief in den letzten Wochen trotzdem einigermassen. Wir konnten Tische ins Foyer verlegen. Aber das reichte ja nicht: Wir brauchen Seminare, wir brauchen Betrieb im Hotel, wir brauchen Veranstaltungen – das ist der Boden für diese Betriebsgrösse. Unser grösster Kunde buchte noch einen Drittel der Seminare, die er üblicherweise macht. Der Januar und Februar ist gelaufen. Wenn ich in die Bücher schaue, sollte es theoretisch im März wieder losgehen – aber natürlich nur, wenn die Fallzahlen dann unten sind.

Ihr Restaurant öffnet am 24. Januar wieder. Wie öffnen Sie das Hotel im Januar?

Dieses öffnen wir am 4. Januar. Wir haben Reservationen von Stammgästen; Gäste, die seit Jahren kommen. Wir haben auch Dauergäste, die keine Wohnung haben und in der Region arbeiten. Für sie bieten wir Zimmer mit Frühstück, am Abend können sie sich aus dem Kühlschrank bedienen und in der Mikrowelle etwas warm machen.

Wie ist das mit der Versicherung? Wie weit sind Sie da abgedeckt?

Im Rahmen der Versicherungssumme erhalten wir etwas; das reicht bei weitem nicht, aber es hilft und verlängert den Schnauf, um die Krise durchzustehen. Wir haben jahrelang gut gearbeitet, und immer etwas auf die Seite gelegt. Aber was wir in 15 Jahren nicht in den Betrieb gesteckt und auf die hohe Kante gelegt haben, ist weg. Wenn wir wieder voll arbeiten können, fangen wir wieder bei null an. So geht es vielen. Alle, die frisch angefangen haben, haben es extrem schwer. Wenn die Schliessungen über den Januar hinaus andauern, gibt es ein Massaker in der Gastronomie.

Wenn Sie das alles aus der Perspektive des Politikers anschauen: Wurde zu lange zugeschaut?

Ich weiss natürlich nicht, wie gross der Druck der Verbände und Kantone auf den Bundesrat war. Ich fand es super, wie dieser im Frühjahr reagiert hat. Für mich gab es keinen Zweifel, dass das entschiedene Vorgehen hilft, aus dem Schlammassel zu kommen. Und jetzt dieses Hin und Her. Der Kanton Aargau wollte erst gar nichts machen. Als der Bund entschieden hat, am Dienstag zu schliessen, kündigt der Aargau an, schon am Montag dichtzumachen – auch die Läden. Rund herum ist alles auf. Ich kann nach Sursee, nach Langenthal, nach Olten, nach Egerkingen gehen – dort ist alles offen. In Zofingen muss die Leserei geschlossen bleiben, hingegen darf ich in der Papeterie ein Buch kaufen. Der Grossverteiler hat keine Einschränkungen. Unvorstellbar, dieses Chaos. Der Kanton Zürich schliesst seine Skigebiete – ich weiss gar nicht, wo es dort solche hat, obwohl ich im Kanton Zürich geboren bin. Aber die grossen Skigebiete sind auf. Die Situation ist völlig verfahren. Angesichts der Pandemie ist der Föderalismus einfach kein taugliches System. Er versagt, muss versagen.

Wie haben Sie die Gäste beim Umsetzen der Schutzmassnahmen erlebt? Haben sie das mitgetragen?

Wir haben die Massnahmen im Betrieb von Anfang an umgesetzt. Gearbeitet wurde mit Mundschutz – immer. Ich habe gehofft, dass die Gäste das estimieren. Viele haben das auch. Aber man sah, dass die Schutzmassnahmen nicht überall respektiert wurden. Kontrolliert wurden sie auch nicht. Ich bin als Freisinniger überhaupt nicht für übertriebene Kontrollen. Aber diese Krise ist existenzbedrohend für die ganze Nation. Wir müssen zusammenstehen und es braucht Kontrollen. Jeder muss machen, was er kann, damit die Fallzahlen sinken. Wir können das als Nation ja auch stemmen und Unternehmen entsprechend unterstützen.

Gerade in Ihrer Partei sagen viele, man müsse aufpassen, dass man nicht Unternehmen unterstütze, die sowieso keine Chance haben.

Eine verheerende Diskussion! Wir haben doch die Zeit gar nicht, das zu trennen. Klar sollte das nicht sein. Aber wir haben die Zeit schlicht nicht. Wenn man zu lange wartet, sind viele weg – dann ist es zu spät.

2021 wird für Sie besonders herausfordernd, weil in der Region zwei grössere Hotels hinzukommen.

Ja, wir landen in einem Verdrängungsmarkt. Das Homeoffice verschärft diesen zusätzlich. Geschäftsreisen gehen zurück, das bestätigen mir auch Leute aus der Industrie. Aus der Perspektive der Klimadebatte ist das vielleicht wünschenswert. Sicher ist, dass die Hotellerie betroffen sein wird. Auch unser Betrieb wird nicht der gleiche sein wie vor Corona. Wir werden mit weniger Mitarbeitenden und kürzeren Öffnungszeiten arbeiten. Man darf nicht vergessen, dass das ausstrahlt: Unser Einkaufsvolumen ging 2020 um mehr als eine halbe Million Franken zurück. Ein grosser Teil davon geht in die Region: zum Bäcker, zum Metzger und so weiter.

Sie haben massiv weniger ausgegeben, trotzdem wird der Jahresabschluss rot?

Wir sind gerade dabei, den Jahresabschluss zu machen. So früh wie noch nie. Dass dieser rot ist, ist klar, das sehen wir ja auch aufgrund der Monatsabschlüsse. Die Frage ist, wie rot. Zwei solche Jahre würden wir nicht durchstehen. Bis Mitte nächsten Jahres sollte es laut Experten möglich sein, dass die Hälfte der Bevölkerung geimpft ist, was ein entscheidender Schwellenwert ist. Das heisst, im März könnte das Geschäft wieder anziehen, und ab Mitte Jahr können wir mit dem Neuaufbau so richtig loslegen. Ich bin sicher, dass die Menschen dann wieder nach draussen wollen. Sie werden einen Nachholbedarf haben. Was mich momentan positiv stimmt, ist die Nachricht, dass die Impfung auch gegen die mutierte Variante des Virus wirken wird.

Gibt es aus der Krise etwas Positives, das Sie ins nächste Jahr mitnehmen?

Wenn wir früher im Betrieb etwas geändert haben, wogen wir das lange ab. Akzeptiert es der Gast? Die Krise hat uns gezwungen, mutiger zu sein und Neues auszuprobieren. Das haben wir gemacht: mit der Karte, mit den Öffnungszeiten, mit dem Einsatz der Mitarbeitenden.

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