Reiden ist Sitz eines geistlichen Ritterordens

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Der Malteser-Rat 2014 auf der Kommende in Reiden: (von links) Nicolas de Gottrau, Sebastiano Brenni, Catherine Glutz von Blotzheim Weibel, Paul Weibel, Monsignore Marian Eleganti, Paolo Kraemer und Gilles de Weck (Präsident). Bilder: Hauptbild zvg / übrige: Archiv Adelheid Aregger
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Einweihung des Benno-Gut-Brunnens am 18. Juni 1989 durch Georg Holzherr, damals Abt des Klosters Einsiedeln. Rechts von ihm Brunnenstifter Hans Baumann.
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Abtprimas Dr. Benno Gut (l.) mit seinem Gastgeber und Freund Pfarrer Josef Grossmann im Jahr 1963.

Bis zur Säkularisation der Kommende am 1. August 1807 hatte der 1048 gegründete Hospitalorden der Johanniter/Malteser im Wiggertal sieben Jahrhunderte lang seine Spuren hinterlassen. 1961 wurde die Helvetische Assoziation des Souveränen Malteserordens in der Johanniter-Kommende gegründet und damit das Ordensleben in der Schweiz wiederbelebt. Seit 2017 befindet sich hier der Sitz des Generalsekretariats und somit das Malteser-Zentrum der Schweiz.

Johanniter, Rhodiser und Malteser nannte sich der in Jerusalem gegründete und 1113 vom Papst anerkannte Hospital- und Ritterorden, der die Pilger im Heiligen Land betreute und Kranke pflegte. Aber als 1291 die letzte von Johannitern, Templern und Deutschherren gemeinsam verteidigte Kreuzritterburg von Akkon in die Hände der Muslime gefallen war, mussten die Ritterorden eine neue Heimat suchen.

Die Johanniter liessen sich auf Inseln im Mittelmeer nieder, zuletzt in Malta. Dort musste der zum Teil verweltlichte Orden am 6. Juni 1798 vor Napoleon Bonaparte kapitulieren, ging aber nicht unter, sondern fand nach inneren und äusseren Irrfahrten 1834 im Magistralpalast in Rom zurück zu seinen humanitären Wurzeln. Seit 1993 existiert wieder eine Malteser-Residenz auf Malta, in einem auf 99 Jahre von der Republik Malta gepachteten Teil des Forts Sant Angelo in Valetta.

Niederlassungen in der Schweiz gibt es seit 1280. 1284 ist in Reiden ein Degenhard als Komtur belegt, und gemäss dem Luzerner Geschichtsforscher Joseph Eutych Kopp (1793 bis 1866) war «Bruder Hermann am 7. März 1293 Prior am neuerstandenen Johanniterhaus Reiden». Fünfzig Commendatoren, Komture, Grosskomture, Statthalter und Ordensstatthalter sind in der wechselvollen Geschichte der Johanniterkommende aufgelistet, unter ihnen auch der Luzerner Ordensritter und Komtur Franz von Sonnenberg (*1608), der aber selten hier residierte. Ihm unterstanden ab 1639 nebst Hohenrain-Reiden auch die Kommenden von Villingen, Leuggern- Klingnau, Wietersheim, Regensburg- Altmühlmünster und Münchenbuchsee. Der ranghöchste Ordensritter schweizerischer Herkunft und Grossprior von Ungarn wurde am 14. April 1682 zum Grossprior des deutschen Johanniterordens erwählt, starb aber schon sechs Monate später am 10. Oktober 1682.

Seit 1951 gehört die Kommende der katholischen Kirchgemeinde

Immer wieder stand die Reider Kommende leer, denn seit 1472 wurde sie von Hohenrain aus verwaltet und durch einen Schaffner vertreten. Einen eigenen Komtur einzusetzen wurde immer schwieriger, da er als Mönch ehelos leben und den Nachweis adeliger Herkunft erbringen musste. Den Niedergang des Ordens beschleunigten auch geänderte soziale, wirtschaftliche und politisch-religiöse Strukturen, die Reformation und die vermehrt karitativen Aktivitäten der Klöster. Aber trotz seltener Anwesenheit der Komture wurde die Reider Kommende nicht vernachlässigt, sondern um 1570 und 1700 sogar umfassend erneuert. Nicht durchwegs gut war das Verhältnis zwischen Dorfbewohnern und Kommende. Belegt ist der Streit vom 8. Juli 1391 um den Bau und Unterhalt der oberen (Ordens-/Johannes-)Kirche und der niederen, Sankt Bartholomäus geweihten Dorf-Kirche. Von 1793 bis 1796 entzweiten neue Differenzen die beiden Parteien. Die Forderung von 68 000 Livres de France an den Orden für den Bau der heutigen Kirche führte 1807 zur Liquidation der Kommende. Hier durfte Baron Freiherr von Ligerz die Nutzniessung geniessen, bis er am 29. März 1819 in Hohenrain starb.

Gemäss dem mit ihm als Vertreter des Komturs von Hohenrain vereinbarten «Ingress zum Abkommen vom 23. Januar 1807» über die «Ablösung der Kollaturverpflichtungen des Staates gegenüber der Pfarrkirche, den geistlichen Pfründen und der Pfarrei Reiden» wohnten die vom Staat besoldeten Pfarrer in der Kommende und die Kapläne ab 1813 im Pfisterhäuschen. Aber erst am 10. Januar 1951 trat gegen eine Summe von 300 000 Franken der Vertrag über die «Ablösung der Kollaturverpflichtungen des Staates gegenüber der Pfarrkirche, den geistlichen Pfründen und der Pfarrei Reiden» in Kraft. Als Letzter verliess Josef Grossmann, Pfarrer seit 1944, nach seiner Pensionierung die Wohnung in der Kommende, wo sein Freund Benno Gut regelmässig einige Ferientage verbrachte. Geboren am 1. April 1897 im Reider Gasthaus Schwanen als Walter Gut, war der Benediktinermönch von Einsiedeln später Professor an der Benediktiner-Universität San Anselmo in Rom, Präfekt an der Klosterschule und Abt von Einsiedeln. Als Abtprimas aller Benediktiner erlangte er am 29. Juni 1967 die Kardinalswürde.

Nie im Kommendegebäude, sondern bis 1993 im restaurierten Pfisterhaus wohnte Grossmanns Nachfolger Karl Brunner, der die umfassende Erneuerung der Kommende ab 1985 miterlebte und zusammen mit Wikons Pfarrer Albin Bossart am 8. September 1989 ihre festliche Einweihung vollzog. Seither gehen Menschen hier ein und aus, und 1998 ist sie zur Heimat des Vereins Kultur und Kontakte in der Kommende geworden. Private Feste, Veranstaltungen, Ausstellungen, Generalversammlungen, Hochzeiten, Geburtstags-, politische und geschäftliche Feiern wechseln sich im Jahreskalender ab.

Am 24. Juni 1961 lebten in der Reider Kommende alte Zeiten auf: Am Patrozinium (Hochfest Johannes des Täufers) wurde die Helvetische Assoziation des Souveränen Malteser Ritter- und Hospitalordens gegründet, aus der Taufe gehoben von neunzehn Personen, unter ihnen nebst Pfarrer Josef Grossmann als Chapelain (Kaplan) die Herren Rudolf von Segesser (Präsident der Helvetischen Assoziation), Paul Schnyder von Wartensee (Präsident der Deutschschweizer Delegation), Leodegar von Pfyffer, Beat von Fischer und Bischof Franziskus von Streng. Hier tagte sie 1975 erneut. Es war das Jahr, in dem Josef Grossmann die Kommende verliess. Seit 2017 ist sie nach einer Vakanz von 210 Jahren wieder Heimat des Souveränen Schweizer Malteserordens. Hier befindet sich der Schweizer Sitz, das Generalsekretariat mit Martin von Walterskirchen, Präsident, Felix von Sury Büssy, Kanzler, Maxime Morard, Schatzmeister, und Verena Maria Vorwerk, als Hospitalière zuständig für die Hilfsorganisationen. Zurzeit zählt die Schweizer Assoziation 219 Damen und Herren, unter ihnen die im Jahr 2020 neu aufgenommenen acht Frauen und drei Männer.

«Seit den Fünfzigerjahren können auch Damen Mitglieder sein», berichtete Kanzler von Sury aus der jüngsten Geschichte des Schweizer Malteserordens, «heute machen sie einen Drittel aus. Vor allem aber sind sie im 1974 gegründeten Hospitaldienst tätig, der neunhundert Mitglieder zählt.» Diese Organisation im Dienst an Kranken, Armen und Alten steht auch Nicht-Katholiken offen und beruht in der Schweiz auf freiwilliger Arbeit, während Deutschland und Österreich über professionelle Hilfsdienste verfügen. Felix von Sury leitet neben seinem Amt als Kanzler auch eine von dreizehn Sektionen des Hospitaldienstes und betont, dass Männer und Frauen sich zuerst dort bewähren müssten, bevor sie als Ritter oder Damen aufgenommen werden könnten. Voraussetzung sei ein praktizierter katholischer Glaube, was ein Pfarrer bezeugen müsse.

Vorstand des Malteserordens trifft sich in der Kommende

In der Regel leisten die Mitglieder des Hospitaldienstes ihren Einsatz in bestehenden sozialen Einrichtungen, zum Beispiel in Alters- und Behindertenheimen oder beim Mahlzeitendienst «Tischlein deck dich». Im Gegensatz zu diesen im Dienst der Mitmenschen engagierten, im Berufsleben stehenden und meist verheirateten Männern und Frauen legen die Profess-Ritter die drei Gelübde der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams ab. «Sie bilden die erste Klasse unseres Ordens», erklärte der Kanzler, «rund um den Erdball sind das gegen achtzig Ritter. Zum Schweizer Orden gehören fünfundzwanzig Priester als Kapläne, die uns geistlich begleiten.» Die Mitglieder der zweiten Klasse haben das Versprechen der Obödienz abgelegt, nämlich in Übereinstimmung mit den Pflichten ihres persönlichen Standes im Geist des Ordens nach christlicher Vollkommenheit zu streben. Die meisten Mitglieder gehören zur dritten Klasse, auch Kanzler von Sury. «Der Vorstand des Malteserordens Schweiz trifft sich jährlich zu fünf bis sechs Sitzungen», sagte er, «meist in der Kommende oder eben zu einer Corona-bedingten Video-Konferenz wie kürzlich.»

Den Vorsitz führt Martin von Walterskirchen- Schwytzer, der am Kapellplatz in Luzern wohnt, wo auch der offizielle Schweizer Malteser-Sitz ist. «Meine Aufgaben sind nebst organisatorischer vor allem religiöser Art», erzählte der Malteserpräsident seit 2016. Er ist in Budapest geboren, nach dem Tod des Vaters 1949 mit der Mutter in die Schweiz geflohen und gehört seit siebenundvierzig Jahren dem Orden an. Malteser zu sein, liege in der Familie, denn der Grossonkel habe als Profess zur ersten Klasse des Ordens gehört. Neben der Spiritualität ist Martin von Walterskirchen die Hilfsbereitschaft für Kranke und Randständige wichtig. Daher setzt er sich persönlich im Hospitaldienst ein: als Begleiter von Wallfahrten nach Lourdes und Betreuer von Flüchtlingen. «Ausserdem bereite ich gegenwärtig elf Kandidaten auf die Aufnahme in unseren Orden vor», beschrieb er eine aktuelle Aufgabe.

Im Pfarreizentrum Reiden machte der Malteserpräsident seinen Orden am 22. Januar 2019 bei einem Vortrag besser bekannt. Am 25. September nahm er zusammen mit Kanzler Felix von Sury Büssy als offizielle Zweierdelegation im schwarzen Ordensrock an der Festmesse zu Ehren von Bruder Klaus und Johannes dem Täufer teil. In der Sankt Bartholomäus geweihten Dorfkirche, die 2020 ihr 750-Jahr-Jubiläum feiert, wurde das Hochamt konzelebriert von Erzbischof Jean Laffitte aus Rom, Prälat des Souveränen Malteserritter- und Hospitalordens, mit Weihbischof Alain de Raemy aus Freiburg und weiteren Kaplänen des Souveränen Malteserordens Schweiz.

Johanniter nennen sich heute evangelischer Ordenszweig

Die Kommende dient den Maltesern für Anlässe mit Teilnehmern aus der ganzen Schweiz bestens, weil sie zentral gelegen sowie mit dem öffentlichen und privaten Verkehr gut erschlossen ist und ausser der gemieteten Zwei-Zimmer-Wohnung weitere Räume für grössere Versammlungen anbietet. Hier befindet sich das Archiv, das seit zwei Jahren von Leonardo Broillet, dem stellvertretenden Staatsarchivar des Kantons Freiburg, betreut wird. Freundschaftlich verbunden sind die Schweizer Malteser mit den Johannitern, dem evangelischen Ordenszweig, der sich nach der Reformation gebildet hat. Dieser wirkt als Organisation der Lutherischen Kirche in Deutschland, ist gemäss ihrem Motto «Aus Liebe zum Leben» tätig und nennt sich heute noch «Geistlicher Ritterorden». Die Grundlage seiner Existenz ist das Bekenntnis zu Jesus Christus, ohne das der Orden nach seiner Überzeugung in der wechselvollen Geschichte in Vergessenheit geraten wäre.

Wie die Malteser verpflichten sich die Johanniter zum Doppelauftrag: Eintreten für den Glauben und Einsatz für die Kranken und Hilfsbedürftigen. Ihre Gemeinschaft besteht aus den vier evangelischen Johannes-Orden: Die Balley Brandenburg des ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem, Most Venerable Order of St. John, Johanniterorden i Sverige und Johanniter Orde in Nederland.

Dieser Beitrag erscheint in der «Heimatkunde Wiggertal 2021». Wir danken für die freundliche Genehmigung der Autorin und der Heimatvereinigung Wiggertal zum Zweitabdruck. Siehe auch: www.hvwiggertal.ch

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Rekonstruiertes Wappen über dem Burgtor mit Malteser-Ordenskreuzen, von Heraldiker Joseph M. Galliker.
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Blick von Nordosten auf die Reider Pfarrkirche (rechts) und die Johanniterkommende (links) vor der Restaurierung.

Zur Autorin

Während und nach dem Studium an der Uni Zürich (ohne Abschluss) unterrichtete Adelheid Aregger aushilfsweise an verschiedenen Primar- und Sekundarschulen. Seit 1973 arbeitet sie als Journalistin und verfasst grössere und kleinere Auftragswerke. Ihr Spezialgebiet ist der Riese von Reiden. Ehrenamtlich war sie Pressechefin und Präsidentin der Theater-Gesellschaft Reiden und des Vereins Kultur und Kontakte in der Kommende, den sie 1998 gegründet hatte. Von 1992 bis 2019 organisierte und leitete sie für die Reider Reiselust fünfundzwanzig Reisen in die umliegenden Länder.

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