Keine Änderung von der ersten zur zweiten Welle: Wieder sterben Hunderte in Pflegeheimen

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In den Schweizer Pflege- und Altersheimen ist eine hohe Zahl an Coronatodesfällen zu beklagen. © Keystone

Wieder rafft Covid-19 Hunderte Menschen in Alters- und Pflegeheimen hinweg. Wieder stehen jene traurigen Sätze in den Zeitungen, die schon in der ersten Welle das grosse Sterben in Pflegeinstitutionen dokumentierten. «Covid wütete», «Corona drang ins Altersheim ein», ist jeweils zu lesen.

Covid-19 drang ins Alters- und Pflegeheim Peteracker in Rafz ein. Elf der einst 42 Bewohner starben. 

55 Bewohner und 48 Mitarbeitende infizierten sich im Dezember im Altersheim Schwanden (GL). Acht weilen heute nicht mehr unter ihnen.

Im Seniorenzentrum Rosengarten in Laufen (BL) war das Virus in einer Demenzabteilung. Zehn Bewohner starben an oder mit einer Covid-19-Infektion.

Die Hälfte der Toten lebte zuvor in Pflegeheimen

Schweizweit sind solche Nachrichten seit Wochen zu lesen. Die Schreckensmeldungen des Frühlings wiederholen sich. Schon damals starben über 50 Prozent der Covid-19-Toten in Altersheimen. Und jetzt ist es nicht anders: Über die Hälfte aller Covid-19-Opfer im Aargau, in Luzern oder im Baselbiet lebten zuvor in einem Pflegeheim. Der Kanton Solothurn registriert 80 Prozent der Covid-19-Toten in entsprechenden Institutionen. Das Wallis meldet, dass sich 38 Prozent der Covid-19-Todesfälle in Pflegeheimen ereigneten.

Warum ist es der Schweiz nicht gelungen, zwischen der ersten und der zweiten Welle Schutzkonzepte zu erarbeiten, die solche Nachrichten verhindern? Felix Huber, Präsident des Ärztenetzwerkes Medix und Mitglied der wissenschaftlichen Covid-19-Taskforce des Bundes, sagt: «Die Situation ist tragisch. Aber dies ist der Preis, den wir für einen einigermassen vernünftigen Mittelweg bezahlen.»

Huber hat im Frühling eine Studie zur Betreuung Hochbetagter in Coronazeiten mitverfasst. Damals sah er, wie die Menschen in Alters- und Pflegeheimen zu ihrem Schutz weggesperrt wurden. Besuche und Ausgang waren nicht erlaubt. Diese Isolation habe aber ebenso einen hohen Preis gehabt, sagt Huber: Alte Menschen vereinsamten oder starben alleine, ohne ihre Kinder nochmals gesehen zu haben.

Corona als Todesgrund – oder Beschleuniger

Huber sagt deshalb heute: Man dürfe das Überleben nicht als alleinigen Faktor über andere Abwägungen stellen. Die Schweiz habe nun einen «vernünftigen Kompromiss» gewählt – mit einem gewissen Risiko: «Schutzkonzepte haben Lücken. Es ist nicht zu erwarten, dass man die Heime komplett von Infekten freihalten kann.» Auch wenn das Bemühen der Heime um die Schutzkonzepte riesig war und die Kantone genau hinschauten – nach wie vor können Personal, Besucher oder Bewohner selbst das Virus ins Heim tragen, ohne überhaupt zu wissen, dass sie angesteckt sind.

Und dann geht es rasch, der Tod ist nicht mehr weit: Die Pflege geht nicht ohne Nähe, man teilt Räume. Demente Personen haben Mühe mit den Schutzmassnahmen; Patientenverfügungen sehen manchmal gar keine Einweisung ins Spital mehr vor. Und viele Pflegeheimbewohner leiden an schweren Vorerkrankungen. Covid-19 ist dann zwar der Todesgrund, hat den Tod letztlich aber «nur» beschleunigt.

Sterben dürfen: Nicht überall nimmt man das tatenlos hin

«Sind die Fallzahlen in der Schweiz hoch, ist auch die Wahrscheinlichkeit gross, dass das Virus seinen Weg in Institutionen findet», sagt Markus Leser, Leiter Fachbereich Menschen im Alter beim Heimverband Curaviva. «Selbst bei einer totalen Abschottung liesse sich eine Ansteckung nie ganz ausschliessen.» Leser warnt vor «dem versteckten Vorwurf, die Institutionen hätten ihre Arbeit nicht richtig gemacht». Die Gesellschaft müsse, gerade weil die Menschen immer älter werden, die folgende Tatsache akzeptieren: «Ein hochbetagter Mensch am Lebensende darf sterben.»

Nicht überall allerdings will man dies tatenlos hinnehmen. Einen neuen Weg eingeschlagen hat der Kanton Baselland, nachdem es dort zu mehreren Ausbrüchen in Pflegeheimen kam: Am Wochenende testete er 1300 Pflegerinnen und Pfleger präventiv. Zweimal soll dies nun im Abstand von zwei Wochen wiederholt werden. Damit sollen nicht erkannte Corona-Ansteckungen beim Personal entdeckt – und Todesfälle in den Institutionen verhindert werden. «Wir sind dem Virus bisher immer hinterhergerannt. Wir gingen immer dann Feuer löschen, als es schon brannte», sagte ein Verantwortlicher dem Regionaljournal Basel. Nun, nach den Festtagen, will man dem Virus zuvorkommen. In Zürich und Basel-Stadt werden solch flächendeckende Tests ebenfalls geprüft. Üblicherweise wird sonst meist erst getestet, wenn bereits Fälle entdeckt worden sind.

Die Impfskepsis ist beim Gesundheitspersonal relativ gross

«Die vielen Menschen, die in den Heimen an Corona gestorben sind, lehren uns: Schutzkonzepte nützen nur, wenn sie konsequent umgesetzt werden», sagt Bea Heim. Die frühere SP-Nationalrätin und heutige Co-Präsidentin des Seniorinnenrates fordert als zusätzliche Massnahme rasche und regelmässige Schnelltests in Heimen. Diese sollen sowohl bei Besuchern, beim Personal als auch bei Bewohnern durchgeführt werden.

Damit, so Heim, steige nicht nur der Schutz. Leute in den Institutionen müssten so auch «nicht unnötig isoliert» werden. Ein Pilotprojekt dazu läuft im Kanton Solothurn. Dort hat man vor Weihnachten allerdings auch die Reissleine gezogen, als sich die Ansteckungen in Pflegeheimen häuften. Der Kanton kehrte zurück zu den heftig kritisierten Massnahmen des Frühlings: Man verbot für zwölf Tage die Besuche und verfügte auch ein Ausgehverbot für die Bewohner von Pflegeheimen. Für den Kanton war klar, «dass die Erarbeitung und Umsetzung eines Schutzkonzeptes für sich alleine genommen» nicht genüge, um die Ausbreitung des Coronavirus wirksam zu verhindern.

Impfzwang für das Gesundheitspersonal? Wohl eher nicht

Mit einer gewissen Besorgnis blickt manch einer auf die nächsten Wochen: Wird sich das Personal impfen lassen?

Es gibt Ostschweizer Heime, in denen sich noch keine 30 Prozent des Personals impfen lassen wollen. Im Kanton Solothurn sind es nach Abklärungen in den Institutionen weniger als 70 Prozent, in Luzern «knapp die Hälfte» der Mitarbeitenden. Und bei den flächendeckenden Tests im Baselbiet machten von 2500 möglichen Personen auch nur 1300 mit.

Zwar wäre ein Impfzwang fürs Gesundheitspersonal nicht gänzlich ausgeschlossen, doch in der Schweiz ist man mit solchen Zwangsanordnungen sehr zurückhaltend. Ein Druck würde nur unnötigen Widerstand erzeugen, sagen einige. «Der Impfentscheid ist ein persönlicher. Die Impfung muss für alle freiwillig sein», heisst es vom Berufsverband des Pflegepersonals. Druck aufs Personal wäre auch nicht verhältnismässig, solange nicht erwiesen sei, dass die Impfung «die Übertragung besser reduziert als die bisherigen Schutzmassnahmen».

Bewohner wollen sich impfen lassen

«Ich hoffe, dass die Impfskepsis nicht die gleiche sein wird, wie bei der Grippeimpfung, da die Konsequenzen viel gravierender sind», sagt alt Nationalrätin Bea Heim. Sie fügt an: «Es gilt, an die Professionalität, das ethische Verantwortungsbewusstsein und die Solidarität zu appellieren.»

Positiv sind dafür die Zeichen von den Bewohnern: Zwischen 70 und 95 Prozent wollen sich impfen lassen, heisst es aus den Kantonen. Dies dürfte die Zahl der Covid-19-Todesfälle in den Heimen bald sinken lassen «Jetzt ist eine Entspannung absehbar», sagt Arzt Huber. Viele Plätze werden dann allerdings bereits frei sein.

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