Drei von ihnen wirkten im städtischen Rathaus: Familie Blum seit 500 Jahren Zofinger Bürger

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Das Zofinger Rathaus (Archivbild Kurt Blum/KBZ)
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Das Wappen: In Gold auf grünem Dreiberg rotes Herz besetzt von golden besamten, roten Blume mit grünem Stiel und zwei grünen Blättern, beseitet von zwei grünen Maiglöckchenhalmen mit drei blauen Blüten und grünem Blatt.

Im Jahr 1521 nahm das bernische Landstädtchen Zofingen Kaspar Blum ins Bürgerrecht auf. Schon 1480 wohnte ein Peter Blum im Mühletal, wahrscheinlich der Vater von Kaspar. Einer, der ausserhalb der Stadtmauern wohnte, war minderen Rechts. Vermutlich hatte er den falschen Beruf und die falsche Religion.

Denn vieles deutet darauf hin, dass die Blums ursprünglich elsässische Juden waren. Im Elsass sind für den Zeitraum von rund 200 Jahren über 22 000 Vertreter der Familie Blum dokumentiert, im gleichsprachigen Deutschland fast 98 000, am meisten – 35 000 – in Baden-Württemberg, dem direkten Nachbarn des Elsass. Setzt man diese Summen in Relation zur jeweiligen Bevölkerungszahl, so gab es nirgends eine so hohe Konzentration der Familien mit dem Namen Blum wie im Elsass. Da das Elsass deutschsprachig ist, sind die Blums zunächst Richtung Osten gewandert – in andere deutschsprachige Gebiete, nach Deutschland und in die Schweiz. Später zogen sie auch nach Westen – vor allem nach Nord- und Südamerika –, im 19. Jahrhundert vorwiegend aus wirtschaftlichen Gründen, im 20. Jahrhundert, weil sie von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.

Reformierte, katholische und jüdische Blums

Ein Teil der Blums liess sich christlich taufen. So sind die Blums in Deutschland entweder Juden oder Katholiken, in Frankreich durchwegs Juden. In der Schweiz findet man das Geschlecht der Blum vor allem in den Kantonen Aargau, Luzern, Schwyz, Glarus, Schaffhausen, Bern, Zürich und Neuenburg. Die Aargauer sind reformiert, ebenso die Schaffhauser, Berner oder Glarner. Die Luzerner – im Amt Willisau – sind katholisch, ebenso die Schwyzer. In Zürich gibt es sowohl jüdische wie reformierte Blums, ebenso in Neuenburg, wo sie unten am See reformiert, oben im Hochtal von La Chaux-de-Fonds aber jüdisch sind. Dass ein christlicher Blum ursprünglich eher die Ausnahme war, zeigt das Beispiel des 1710 im bernischen Guggisberg geborenen Elsässers Christian Blum, der getauft wurde und deshalb Christian Chrétien Blum genannt wurde. Er heiratete, lebte und starb dann im Elsass. Auch sein Vater Abraham kehrte ins Elsass zurück.

Die ausserhalb der Schweiz berühmtesten Blums sind einerseits der deutsche Linksdemokrat Robert Blum, ein Katholik, der an der bürgerlichen Revolution von 1848 beteiligt war und als 41-Jähriger noch im gleichen Jahr in Wien hingerichtet wurde, sowie der französische Sozialist Léon Blum, ein Jude, der in den 30er-Jahren als Premierminister die Volksfrontregierungen leitete. Kaspar Blum muss vor 500 Jahren schon christlich getauft gewesen sein, sonst wäre er im katholischen bernischen Landstädtchen Zofingen nicht eingebürgert worden. Welchen Beruf er ausübte, ist nicht bekannt. Jedenfalls verliess er die Stadt nicht, als sieben Jahre später die Reformation eingeführt wurde. Denn damals herrschte Religionszwang: Die Bürger hatten das zu glauben, was der Rat beschloss – oder auszuwandern.

Durch diese Einbürgerung gehören die Blums zu den zwölf ältesten Geschlechtern Zofingens – zusammen mit den Familien Täschler, Widmer, Wullschleger, Bär, Scheurmann, Sutermeister, Bossard, Zimmerli, Strähl, Siegfried und Gross. Die Familie Ringier wurde erst 1527, sechs Jahre später, ins Bürgerrecht aufgenommen, dafür stieg sie schneller auf: Schon 1587 wurde Michael Ringier Schultheiss – allerdings nur für ein Jahr. Auch die Familie Blum gehörte bald zum Establishment: Kaspar Blums Enkel wurde Spitalverwalter, zwei von dessen Brüdern waren Pfarrer. Und nach nur vier Generationen kam ein Blum ganz oben an: 1658 wurde der Urenkel Moritz zum Schultheissen der bereits frühindustrialisierten Stadt gewählt. Er amtete sieben Jahre, vier Jahre eigentlich «regierend» – dann, mit 68, starb er. Als Schultheiss präsidierte er den zwölfköpfigen Kleinen Rat und den 50-köpfigen Grossen Rat. Er erlebte zum Glück eine relativ ruhige Amtszeit – nach dem Bauernkrieg (1653) und dem dritten Religionskrieg (1656) und vor der letzten grossen Pestwelle (1666/67).

Schultheiss oder Stadtammann ist danach kein Blum mehr geworden. Die Familie verzweigte sich. Heute gibt es eine unübersichtliche Zahl von Linien der Familie Blum, die miteinander nicht verwandt, aber alle Bürger von Zofingen sind. In der siebten Generation, bei den Kindern von Jakob Blum, trennten sich etwa um 1715 beispielsweise die Linie von Kurt Blum, dem Politiker und Redaktor der 13. Generation, und jene des Verfassers dieses Artikels, ebenfalls 13. Generation. In der Linie von Kurt Blum finden sich Berufe wie Farbhandlanger, Schlosser, Briefträger, Maler und Stadtweibel sowie Journalist. In der anderen Linie treten Uhrmacher, ein Tierarzt, ein Zahnarzt, zwei Treuhänder und zwei Journalisten auf. Samuel, der Uhrmacher, der von 1761 bis 1813 lebte, war Mitglied des Gemeinderates, wohl am Schluss seines Daseins in der Mediationszeit (1803–1815), als das aristokratische Regime des 16. bis 18. Jahrhunderts auf den Haufen der Geschichte geworfen worden war und moderne, von der Französischen Revolution beeinflusste Strukturen galten.

Überblicken wir die männlichen Vertreter der Familie Blum von der Aufnahme ins Bürgerrecht bis etwa 1990, so stellen wir eine breite Streuung der Berufe fest: Etwa 40 Prozent waren Arbeiter, etwa 25 Prozent wirkten als Handwerker und Gewerbetreibende, um die zehn Prozent waren Kaufleute, wiederum zehn Prozent dienten als öffentliche Angestellte, ebenfalls rund zehn Prozent übten akademische Berufe aus und um die fünf Prozent waren Bauern. Seit 1990 können wir über die Sozialstruktur der Zofinger Blum-Familien keine Aussagen mehr machen, weil das Zofinger Bürgerbuch* aus Datenschutzgründen nicht mehr weitergeführt wird. Hätten wir diese Daten, würden sie zweifellos zeigen, dass sich das Berufsbild der Blums verändert hat – weg von den Arbeitern, hin zu technischen Fachleuten und zu Akademikern. Und sie würden vor allem zeigen, dass dies auch stark den Frauen zu verdanken ist, die sich von ihren früheren Rollen als blosse Ehe- und Hausfrauen deutlich emanzipiert haben und beispielsweise den Akademikeranteil kräftig nach oben treiben. Fest steht jedenfalls, dass die Zofinger Blums mittlerweile in der 15. Generation angekommen sind.

Und ebenso eine Tatsache ist, dass schon länger die Zofinger Blums überwiegend ausserhalb des aargauischen Bezirkshauptorts aktiv sind. Somit steht auch fest, dass nur drei Blums im Rathaus am Thutplatz eine Rolle spielten: erstens der Schultheiss Moritz Blum im aristokratischen System des 17. Jahrhunderts. Zweitens der Gemeinderat und Uhrmacher Samuel Blum in den halb-liberalen Strukturen des frühen 19. Jahrhunderts. Und drittens der «Aktives Zofingen»- und SVP-Politiker (Einwohnerratspräsident und Grossrat) und spätere legendäre Lokaljournalist Kurt Blum (KBZ) im ausgehenden 20. und frühen 21. Jahrhundert. Was aber nicht heisst, dass die Blums nicht auch anderswo ihren Dienst an der Civitas geleistet hätten.

*Hugo Eichenberger (1992): Das Ortsbürgerbuch von Zofingen. Die ortsbürgerlichen Geschlechter von Zofingen, zusammengestellt nach den Stammregistern auf den 31. Dezember 1990. Zofingen: Ortsbürger­gemeinde Zofingen.

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Roger Blum (zvg)

Unser Gastautor

Der Historiker, Journalist und Medienwissenschaftler Roger Blum (1945) war von 1989 bis zu seiner Emeritierung 2010 Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern. 2016 übernahm er von Achille Casanova das Amt des Ombudsmanns der SRG der Deutschschweiz, das er letztes Jahr abgab.

Kontakt: mail@roger-blum.ch.

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