Professor Reiner Eichenberger macht brisanten Vorschlag: «Wir müssen die Kraft der Immunität nutzen»

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Der Arzt Walter Schweizer spritzt einen 77-jährigen Patienten den Corona-Impfstoff in Oberengstringen ZH. Alex Spichale

Der Impfstoff ist bekanntlich knapp. Die Kantone müssen deshalb geplante Termine nach hinten verschieben. Professor Reiner Eichenberger wartet nun mit einem Vorschlag auf, um die knappen Dosen im Land noch sparsamer einzusetzen. «Wir müssen die Kraft der Immunität nutzen», sagt er im Gespräch. Er meint damit, dass die bereits mit dem Coronavirus infizierten Menschen derzeit nicht geimpft werden sollen. Sie hätten bereits eine natürliche Immunität aufgebaut.

Eichenberger vertritt seine Forderung zusammen mit Professor David Stadelmann von der Universität Bayreuth. Eichenberger wiederum lehrt an der Universität Freiburg.

Wer Herdenimmunität wolle, müsse auch die Immunität der Genesenen als wachsende Ressource nutzen, fordern die beiden Ökonomen. Eine vernünftige Impfstrategie zur Erreichung der Herdenimmunität versuche, die Gesamtzahl der Immunen möglichst schnell und mit möglichst wenigen Risiken zu steigern. «Dabei ist die derzeitige Knappheit der Impfkapazität immer zu berücksichtigen», sagt Eichenberger. Deshalb sollten jene, die bereits natürlich immun sind, vorerst nicht nochmals künstlich mit einer Impfung immunisiert werden.

Eichenberger beobachtet jedoch, dass «viele Entscheidungsträger lieber der Strategie der EU folgten und mit der Herde schwimmen.» Das sei einfacher, als einen eigenen Weg zu verfolgen.

Waadt wendet Eichenbergers Strategie bereits an

Eichenberger ist mit seiner Forderung nicht alleine. So schreibt etwa die Ständige Impfkommission des Robert Koch-Instituts: «Nach überwiegender Expertenmeinung sollten Personen, die eine labordiagnostisch gesicherte Infektion mit Sars-Cov-2 durchgemacht haben, zunächst nicht geimpft werden.» Wer die natürliche Immunität nicht nutzt, sondern alle impft, verschwende wertvolle Impfkapazität, sagt Eichenberger. Damit werde ein hoher Preis bezahlt, dies in Form vieler unnötiger Ansteckungen und Todesfälle sowie längerer Beschränkung der Freiheiten.

Der Kanton Waadt setzt bisher als einziger auf den Vorschlag von Eichenberger. Die Empfehlung, niemanden zu impfen, der das Virus bereits hatte, sei eine bewusste Entscheidung, um möglichst keine Impfdosen zu «verschwenden» und möglichst rasch die besonders verletzlichen Personen impfen zu können, sagt Blaise Genton, medizinischer Verantwortlicher der Impfkampagne im Kanton Waadt, dem Schweizer Fernsehen SRF.

Bundesamt für Gesundheit winkt ab

Das Bundesamt für Gesundheit will davon aber nicht wissen. Derzeit würden die am meisten gefährdeten Menschen geimpft. «Für diese Menschen empfehlen wir die Impfung auch, wenn sie die Infektion bereits durchgemacht haben», sagt eine Sprecherin. In diesen Fällen empfiehlt das Amt, mindestens drei Monate nach der Infektion zu warten. Der Grund: Man sei durch die Infektion mindestens drei Monate durch Immunität geschützt.

Weltweit empfehlen viele Länder wie etwa die USA sich trotz vorgängiger Ansteckung impfen zu lassen. «Wir wissen nicht, wie dauerhaft die natürliche Immunität ist», sagte Deborah Fuller, Impfspezialisten der Universität von Washington, dem «Wall Street Journal». Für Menschen, die zuvor infiziert waren, würde ein Impfstoff wahrscheinlich diese Immunität verstärken und helfen, sie zu erhalten.

Etwas weniger pessimistisch äussert sich Ashish Jha, Dekan an der School of Public Health der Brown University in der Nähe von Boston. Es gebe sehr gute Belege dafür, dass ein Schutz von acht oder neun Monaten nach der Ansteckung mit Corona bestehe. Es sei sehr selten, dass sich jemand ein zweites Mal anstecke. Wie es nach neun Monaten aussehe, dafür gebe es noch keine wissenschaftlichen Belege. «Wir untersuchen das immer noch», sagte der Arzt kürzlich dem US-TV-Sender MSNBC.

Doch auch Jha empfiehlt danach eine Impfung. Er gehe davon aus, dass ein Angesteckter rund ein Jahr lang immun sei. Anschliessend beginne die Immunität zu schwinden.

Viele Hürden

Ein weitere Erschwernis von Eichenbergers Forderung ist die Umsetzung. Um zu wissen, wer sich alles mit Corona angesteckt hat, müssten alle Impfwilligen einem Antikörper-Test unterzogen werden. Das wäre kostspielig und aufwendig. Zudem nehmen die Coronavirus-Antikörper nach einigen Monaten ab. Laut Studien beträgt dieser Zeitraum zwischen zwei und sechs Monaten. Danach verbleiben sogenannte Gedächtniszellen im Körper, die für die Mobilisierung der Immunantwort auf künftige Covid-Infektionen verantwortlich sind. Diese werden aber vom Antikörper-Test nicht erkannt. Mit dem Antikörper-Test würden also nicht alle angesteckten Menschen identifiziert.

Eichenberger anerkennt dieses Problem. Er entgegnet: «Die Kosten eines verlängerten Lockdowns aufgrund der tieferen Impfquote sind viel höher als ein breit angelegter Antikörper-Test der Bevölkerung.» Wer glaube, nun würde die für Gesellschaft und Wirtschaft enorm belastenden Schutzmassnahmen schnell aufgehoben, irre. Die Regierungen hätten die Normalisierung bis in den Sommer zurückgestellt, um die Herdenimmunität durch die Impfung zu erreichen. «Dieses neue Ziel dürfte ohne die Berücksichtigung der natürlichen Immunität für die Herdenimmunität scheitern.»

Die meisten Regierungen hätten von Anfang an die natürliche Immunität der Genesenen als wichtige Ressource völlig verkannt und sogar schlechtgeredet. «Wir fordern ja seit März 2020, die Genesenen zu suchen, zu finden und mit einem Immunitätszertifikat auszustatten.» Somit würde ihre vergangene Erkrankung dokumentiert und ihre Immunität nutzbar.

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