Einsiedeln bleibt am Tag nach der Fasnacht uneinsichtig: Regierungsrat spricht von «Coronamüdigkeit»

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Von Schutzmassnahmen keine Spur: Über tausend Personen versammelten sich in Einsiedeln zum Süühudi-Umzug. Bild: Markus Liebich (Einsiedeln, 15. Februar 2021)

Und wieder blickt die Schweiz sprachlos auf den Kanton Schwyz. Da feiern am sogenannten Güdelmontag über tausend Personen Fasnacht, als gäbe es weder Coronavirus noch Shutdown. Einfachste Regeln wie Abstände oder Maskenpflicht scheinen die Einsiedler nicht zu kümmern. Die Polizei brauchte Stunden, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Erst als sie beginnt, Bussen zu verteilen und als die Behörden drohen, die Take-aways zu schliessen, gelingt es, die Lage etwas zu beruhigen. Rund 100 Bussen à 100 Franken wurden nach Polizeiangaben ausgestellt.

Einige Stunden später, nach 20 Uhr, kam es aber erneut zu einer Menschenansammlung. Mehr als 50 mehrheitlich jüngere und alkoholisierte Personen versammelten sich und ignorierten die Corona-Schutzmassnahmen, wie die Kantonspolizei Schwyz schreibt. Die Einsatzkräfte wurden mit Flaschen und Böllern beworfen. Verletzte gab es keine. Zwei Personen wurden festgenommen.

Was ist bloss los im Kanton Schwyz? Zum wiederholten Mal fällt der Kanton in dieser Pandemie auf. Fasnachtsanlässe, Klausjagen, Anti-Corona-Demos oder eine illegale Party in Unteriberg: Es scheint, als wäre den Schwyzern das Virus egal. Das Jodlerkonzert, das zum Superspreaderanlass wurde, der dramatische Appell des Spitals Schwyz, die Schutzmassnahmen einzuhalten, scheinen vergessen.

Behörden zeigen sich «überrascht» und enttäuscht

Der Schwyzer Sicherheitsdirektor Herbert Huwiler (SVP) will den Vorfall «nicht überbewerten». Man dürfe nicht vergessen: «Es gibt kein Ausgehverbot in der Schweiz.» Und er relativiert: «In den Skigebieten oder an der Bahnhofstrasse in Zürich sind auch viele Leute unterwegs.» Unter Einhaltung der Abstände und der Maskenpflicht sollte «alles möglich sein». Das gelte eben auch für den Sühudi-Umzug in Einsiedeln. Huwiler betont dabei die Eigenheit dieses wilden Umzugs. Es gebe «kein Organisationskomitee, entsprechend auch keine Ansprechpartner, kein Schutzkonzept und keine Auflagen». Die Einsiedler wüssten einfach: Am Güdelmontag trifft man sich um 9 Uhr auf der Hauptstrasse zum Umzug.

Den Umzug verfolgt hat auch der Einsiedler Mitte-Nationalrat Alois Gmür. Er stand vor seiner Brauerei und gab der Zeitung «20 Minuten» ein Interview. Er fantasierte vom Fasnachtsvirus, der unaufhaltsam sei und sich doch gegen das Coronavirus durchsetzen möge. Für seine Verteidigung des «wilden Treibens» steckte er von seinem Parteipräsidenten, Gerhard Pfister, Kritik ein. Gmürs Verhalten entspreche nicht dem, was «man der Bevölkerung in Coronazeiten leider vorschreiben muss», sagte Pfister. Die Kritik lässt Gmür völlig unbeeindruckt. Er stehe nach wie vor zu seinen Aussagen. Auch während der Spanischen Grippe habe die Fasnacht stattgefunden, behauptet er. Und Gmür geht in die Offensive: «Es ist auch ein Zeichen an die Politik. Narren und Kinder sagen die Wahrheit.»

Gmür bezeichnet Parteipräsidenten als «Oberlehrer»

Gmür stellt seinen Parteipräsidenten in den Senkel: «Es ist ja klar, dass Gerhard Pfister nun den Oberlehrer macht.» Zudem sei die Fasnacht «immer schon benutzt worden, um aufmüpfig zu sein und der Obrigkeit zu trotzen». Gmür relativiert auch die Ansteckungsgefahr. «Wenn die Beizen offen gewesen wären, wäre das problematisch. Aber die waren zu. Und draussen sind die Aerosole kein Problem», sagt Gmür.

Spricht man mit Augenzeugen der Fasnacht, hört man Ähnliches. Die meisten Menschen seien nur vor dem eigenen Haus gestanden, Gruppen hätten sich nicht durchmischt. Einen anderen Eindruck hatte Kerstin Schlimbach. Sie leitet zurzeit die Klinik Innere Medizin des Spitals Einsiedeln und ging am Montagmorgen durch die Gassen von Einsiedeln zur Arbeit. Sie sagt:

«Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Leute dicht an dicht standen. Es bestand ganz klar das Risiko für Ansteckungen.»

Als sie im Spital ankam, hätten dort alle nur den Kopf geschüttelt. Die für Coronapatienten zuständige Chefärztin sagt: «Die Regeln des Bundesamts für Gesundheit sind nicht aus der Luft gegriffen, sie machen Sinn. Und in Einsiedeln wurden sie am Montag nicht eingehalten.»

Behörden unternahmen wenig gegen die Fasnacht

Klar ist, dass die lokalen Behörden wenig unternahmen, um die Fasnacht zu stoppen. «Es gab keine Vorgabe an die Polizei, den Umzug zu unterbinden», gesteht Regierungsrat Huwiler ein. Und das, obwohl klar gewesen sei, dass die Situation am Montagmorgen in Einsiedeln schwierig werden könnte. Man habe auf das «bewährte Konzept» gesetzt, die Bevölkerung bei grösseren Menschenansammlungen auf die Einhaltung der Schutzkonzepte hinzuweisen. «Diesmal war ein Teil der Leute aber uneinsichtig. Das hat uns überrascht, genauso wie die grosse Menschenmenge», sagt Huwiler. Noch deutlicher wird Polizeisprecher David Mynall:

«Die Leute haben sich null und nichts um die Massnahmen gekümmert und liessen sich auch nicht ermahnen. Wir sind enttäuscht von unserer Bevölkerung.»

Rückblickend sagt er, die Polizei habe den Publikumsaufmarsch falsch eingeschätzt. Künftig würde sie von Anfang an mit einem grösseren Aufgebot präsent sein.

Einen anderen Ansatz verfolgte die Polizei der Fasnachtshochburg Luzern. Am schmutzigen Donnerstag um 5 Uhr war sie in der Innenstadt präsent. Kam es zu Menschenansammlungen, wurden die Fasnächtler weggewiesen. Die Fasnacht wurde nicht nur abgesagt, sondern rigoros unterbunden. Das bringt ihr auch Kritik ein. Peti Federer, Mediensprecher des Luzerner Fasnachtskomitees, sagt:

«Die Luzerner Polizei hat eine Drohkulisse aufgebaut, war präsent wie an einem Hochrisiko-Fussballspiel und hat sämtliche Aktivitäten im Keim erstickt.»

Federer ist nun trotzdem froh, dass die Bilder mit grossen Menschenansammlungen nicht aus Luzern stammen.

Löste die Coronamüdigkeit den Vorfall aus?

Hätten also auch die Behörden im Kanton Schwyz strenger sein und das närrische Treiben unterbinden müssen? Einen offiziellen Aufruf, auf die Fasnacht zu verzichten, gab es – anders als im Kanton Luzern – nicht. Sicherheitsdirektor Herbert Huwiler macht sich und der Regierung aber keine Vorwürfe. Alle Fasnachtsanlässe seien abgesagt worden. Zudem rufe die Regierung die Bevölkerung regelmässig dazu auf, sich an die Massnahmen zu halten. «Das ist die Möglichkeit, die wir haben, um auf die Bevölkerung einzuwirken.»

Und trotzdem fällt der Kanton immer wieder negativ auf. Der Superspreaderanlass, der Sühudi-Umzug oder die illegale Party in Unteriberg sind nur einige Beispiele. Leidet darunter nicht das Image des Kantons? «Offenbar schon», sagt Huwiler. «Das ist aber eine verzerrte Wahrnehmung», sagt er. Die verschiedenen Vorfälle verteilten sich aber «über einen grossen Zeitraum». Die Schwyzer würden sich sehr wohl an die Coronaregeln halten. Was er aber feststelle, sei eine Coronamüdigkeit – nicht nur in seinem Kanton. Das sei aufgrund der sinkenden Zahlen und der Forderungen nach Lockerungen verständlich, sagt der SVP-Regierungsrat und wendet sich dann mit einer klaren Aussage an die Bevölkerung:

«Wir alle arbeiten darauf hin, dass der Lockdown aufgehoben werden kann. Es ist nicht gut, wenn das nun gefährdet wird.»
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