Arbeitslosigkeit erreicht Allzeithoch: Jede achte Erwerbsperson hat keine oder zu wenig Arbeit

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Mehr Menschen müssen sich eine neue Arbeit suchen. Luca Linder
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Das Bundesamt für Statistik hat heute neue Zahlen vermeldet zum Arbeitsmarkt. Mit den neuen Zahlen liegt ein genaueres Bild von den Schäden vor, welche die Coronakrise am Schweizer Arbeitsmarkt anrichtet.

Was ist neu?

Die sogenannte Erwerbslosenquote erreichte saisonbereinigt im vierten Quartal einen Wert von 5,2 Prozent. Damit ist ein Allzeitrekord erreicht. Seit Beginn der Zahlenreihe im Jahr 1991 wurde nie eine höhere Erwerbslosenquote erreicht.

Immerhin wurden die bisherigen Rekordwerte nicht weit übertroffen. Eine Erwerbslosenquote von 5,1 Prozent wurde schon mehrere Mal erreicht.

Total sind aktuell 246'000 Menschen ohne Arbeit, 54'000 mehr als vor der Coronakrise.

Deutlich gestiegen ist auch die Zahl der Unterbeschäftigten. Auch dazu gibt es heute eine neue Zahl. Der zufolge gibt es derzeit 384'000 Menschen, die eigentlich mehr Arbeit möchten. Das entspricht 7,7 Prozent aller Erwerbspersonen. Nimmt man die Arbeitslosen zusammen mit den Unterbeschäftigten, haben rund 630'000 Menschen keine oder zu wenig Arbeit – das ist jede achte Erwerbsperson.

 

Was ist der Unterschied zwischen Erwerbslosenquote und Arbeitslosenquote?

Der Begriff «Erwerbslosenquote» ist unglücklich gewählt. Eigentlich zeigt diese Kennzahl an, wie hoch die Arbeitslosigkeit ist. Dafür verwendet sie eine international vergleichbare Definition, welche von der Internationalen Arbeitsorganisation vorgegeben wird. Die Bezeichnung «Erwerbslosenquote» ist dazu da, um von der Arbeitslosenquote zu unterscheiden, die das Staatssekretariat für Wirtschaft errechnet.

Das Seco erfasst die Zahl der Arbeitslosen, die bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren registriert sind. Die Zahl wird monatlich erhoben, ist also schnell verfügbar. Diese Quote lag im Januar bei 3,7 Prozent. Dabei wird jedoch die Zahl von jugendlichen Arbeitslosen und von Langzeitarbeitslosen unterschätzt. Nach Ansicht der meisten Experten zeigt daher die Erwerbslosenquote das genauere Bild vom Niveau der Arbeitslosigkeit. Die Zahl erscheint allerdings nur alle drei Monate.

Wo gingen Jobs verloren?

Die neuen Zahlen kommen aus der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake). Diese Zahlen werden bei den Haushalten erhoben, zu den Branchen erfährt man nichts. Solche Zahlen gibt es in der Beschäftigungsstatistik (Besta), jedoch erst bis zum 3. Quartal 2020. Dort zeigt sich ein klares Bild.

Viele Jobs verloren vor allem drei Branchen, die unter dem Wegbleiben der Touristen leiden. In der Gastronomie waren es rund 23'000 Stellen. Das sind 12 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. In der Hotellerie waren es 6200, in der Uhrenindustrie rund 4600. Und 8700 Jobs verschwanden in der «Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften». Dahinter stehen Temporärangestellte, für welche die Vermittlungsbüros nichts mehr finden konnten.

Was ist mit den Löhnen?

Die Aussichten für die Löhne hängen ab von den Konjunkturaussichten, und diese wiederum vom Virus und vom Impfen. Doch bei den Löhnen spielt die Vergangenheit mit hinein. Im Coronajahr 2020 hatten die Löhne mit einem Plus von nominal 1 Prozent den höchsten Zuwachs seit fast 10 Jahren. Als die Sozialpartner im Herbst 2019 über die Löhne für 2020 verhandelten, ahnte niemand etwas von der Coronakrise. Im Nachhinein weiss man: für 2020 wurde höhere Lohnzunahmen beschlossen, als es sich die Betriebe eigentlich leisten konnten.

Das werden die Arbeitgeber korrigieren wollen. So beurteilt es zumindest die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Das KOF erwartet in den nächsten Jahren «historisch tiefe Lohnanstiege».

Wie war es vor der Coronakrise?

Die Krise hat einen schönen Aufschwung am Arbeitsmarkt jäh gestoppt. Die Erwerbslosenquote war lange hartnäckig um die 5 Prozent geblieben, was hierzulande im historischen Vergleich recht hoch ist. Im Laufe von 2019 ging es dann endlich deutlich abwärts, die Quote fiel unter die Marke von 4 Prozent. Mit der Coronakrise kam wieder die Wende zum Schlechteren.

Wie sind die Aussichten?

Der Verlauf der Wirtschaft hängt derzeit nicht von den üblichen Grössen ab, wie etwa der Stimmung von Investoren und Konsumenten. Entscheidend ist vielmehr der Wettlauf der mutierten Virenvarianten mit den weltweiten Impfungen. Je nachdem fällt die Erholung schneller oder langsamer aus. Entsprechend sind die Konjunkturprognosen wackliger als sonst. Aber ein paar Echtzeit-Indikatoren geben ein erste Eindrücke.

Demnach wird es erst schlimmer, bevor es besser wird. So ist die Zahl der Stellensuchenden stark gestiegen, die vom KOF auf einer Vermittlungsplattform täglich erfasst werden. Etwa 60'000 mehr Menschen sind auf der Suche als noch ein Jahr zuvor. Schlechtere Aussichten für die kommenden drei Monate zeigt auch der KOF-Indikator zur Beschäftigung. Insbesondere in der Gastronomie ist ein «historischer Tiefstand» erreicht. Doch sobald das Virus im Griff ist, ist ein kräftiger Aufschwung möglich.

Kann sich die Schweiz die Hilfe noch leisten?

Ja, sagen dazu die allermeisten Ökonomen. Zuletzt verschickte die Grossbank Credit Suisse zu dieser Frage eine Analyse mit dem Titel: «Fiskalmassnahmen bleiben trotz zweiter Welle bezahlbar». David Dorn von der Universität Zürich sagte, in der Debatte über finanzielle Hilfe gebe es oft eine etwas verzerrte Wahrnehmung. Man übersehe, dass man für die Hilfe einen Gegenwert bekomme. Jobs und Steuersubstrat bleiben erhalten. Hingegen kostet Nichtstun auch Geld, weil Betriebe und Arbeitsplätze wegbrechen.

 
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