Die Kritik am Schweizer «Lockdown» ist Jammern auf ganz hohem Niveau

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Ist es wirklich so dunkel im Tunnel? Die Restaurants sind zu, aber die Skipisten offen und Verpflegung gibts zum Mitnehmen. Skifahrer neben der Skipiste in Bosco Gurin, am Donnerstag, 07. Januar 2021. KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari
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Letzthin am Rande einer Langlaufloipe im Berner Oberland. Wetter und Piste waren gut, Verpflegungsstände boten Wurst und alkoholische Heissgetränken feil. Zwei Männer Mitte Vierzig unterhielten sich und setzten zu einem Wehklagen über die Coronamassnahmen an.

«Ich halte es nicht mehr lange aus mit diesen Einschränkungen», sagte der eine. Sein Kollege stimmte ein: «Das ist doch kein Leben so.» Dabei schien ihnen die Sonne ins Gesicht. In den Händen hielten sie je ein Glas mit dampfendem Kafi-Schnaps.

Am Mittwoch machte der Bundesrat seine Pläne für eine schrittweise Lockerung bekannt. Ab 1. März sollen Läden, Zoos und Museen wieder geöffnet werden.

Die Landesregierung zeichnete das Bild einer Schweiz in dunkelster Nacht. Bundespräsident Guy Parmelin (SVP) sprach vom Licht, das er sehe am Ende eines langen Tunnels. Es entstand der Eindruck, die Schweiz habe ein Jahr nicht nur des Verzichts, sondern bitterster Entbehrung hinter sich.

Dazu passen Parolen, die am Montag zu vorgerückter Stunde am Bahnhof Einsiedeln erklangen: «Freiheit! Freiheit!», grölten die letzten Teilnehmer der Fasnacht. Den betrunkenen Schwyzern sollte man diese Übertreibung als Scherz nachsehen, doch am Mittwoch darauf rief Marco Chiesa, der Präsident der grössten Schweizer Partei, zum «Widerstand» gegen die in seinen Augen zu zögerlichen Öffnungsschritte des Bundesrates auf. Seine SVP-Kollegin Magdalena Martullo-Blocher hatte zuvor gar von einer «Diktatur» gesprochen.

Wie die Lichtverhältnisse im Tunnel wirklich sind, zeigt ein Vergleich der Schweizer Coronamassnahmen mit denen anderer Länder. Die britische Oxford-Universität bildet die Strenge der Coronamassnahmen verschiedener Länder auf einer Weltkarte ab.

Die Schweiz erscheint dabei hellblau. Die meisten Nachbarländer sind deutlich dunkler eingefärbt. Deutschland ist mit 83 von 100 Punkten auf dem Index am strengsten. Italien (78 Punkte) und Österreich (77 Punkte) sind ebenfalls restriktiver.

Frankreich hat zwar auf der Karte die gleiche Farbe, ist mit 63 Punkten auf der Massnahmenskala aber strenger als die Schweiz, die auf 60 Punkte kommt (Stand 17. Februar). Der Index der britischen Forscher ist nicht perfekt. Er kombiniert verschiedene Massnahmen und ignoriert lokale Unterschiede in einem Land.

Ein Beispiel zeigt die Schweizer Privilegien

Wie privilegiert die Schweizer Bevölkerung im Vergleich ist, zeigt aber ein fiktives Beispiel aus Basel. Eine Schweizerin und eine Französin verlassen am Feierabend ihren Arbeitsplatz. Während die Schweizerin nun noch einen Spaziergang am Rhein macht und bis 20 Uhr einkaufen kann, muss sich die Französin sputen, um rechtzeitig vor der Ausgangssperre zu Hause im Elsass zu sein.

Wenn sie nach 18 Uhr noch unterwegs ist, droht ihr eine Busse von 135 Euro. Im Wiederholungsfall erhöht sich diese auf 200. Beim dritten Mal steigt die Busse auf 3750 Euro oder ein halbes Jahr Gefängnis. Ausnahmen gibt es, wenn man mit einem Dokument bescheinigen kann, dass man auf dem Arbeitsweg ist.

Der Kollege aus Baden-Württemberg ist vielleicht gar nicht erst zur Arbeit erschienen. Er muss sich wegen geschlossener Schulen und Kita zu Hause um die Kinder kümmern.

Berechtigte Anliegen gehen im Wehklagen unter

Weitet man den Blick, werden die Schweizer Privilegien noch deutlicher. In Griechenland gilt ein wirklicher Lockdown. Will man sein Haus verlassen, muss man Namen, Adresse und einen Begründungscode per SMS den Behörden melden. Die Nummer 1 steht für einen medizinischen Termin, die 2 für Einkaufen, die 6 für Sport. Die Nummer 5 steht für Hochzeiten. Oder Beerdigungen.

Gewiss: In der Schweiz gibt es Menschen, die allen Grund haben, sie zu beschweren. Etwa Gewerbler, die zu lange auf Entschädigungen warten müssen, oder Tieflöhner, denen das Kurzarbeitsgeld nicht reicht. Ihre berechtigten Anliegen gehen aber im Wehklagen der Privilegierten unter. Letztere jammern wie die Männer im Schnee auf ganz hohem Niveau.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

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B. Kerzenmacher
schrieb am 25.02.2021 16:27
Wenn nur das persönliche Empfinden das Mass aller Dinge sein sollte, könnte man die gesamte Gesetzgebung abschaffen.
Aber das Mass der Dinge ist, was den Schaden der Anderen auf ein akzeptables Mass begrenzt.

Treffender Beitrag

pcsteiner
schrieb am 19.02.2021 15:35
Natürlich werden solche Tatsachen von den Polteris nicht wahrgenommen. Sie zählen darauf, dass der Leser nicht informiert ist und so die Meinung ungefiltert übernommen wird. Leider funktioniert dieses Vorgehen nur zu gut...
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