Wieso die regionale Schuldenberaterin gerade jetzt rät, sich frühzeitig Hilfe zu holen – und warum sie Corona auch als eine Chance sieht

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Barbara Zobrist, Leiterin der Schuldenberatung Aargau-Solothurn, hinter der Plexiglasscheibe. Bild: Britta Gut

Während des Interviews sitzen wir an dem Tisch, an dem sich sonst Menschen mit Schulden beraten lassen. Nebst der Maske trennt uns zusätzlich eine Plexiglasscheibe von Barbara Zobrist, der Leiterin der Budget- und Schuldenberatung Aargau-Solothurn. Es ist ein sonderbares Gefühl, so dazusitzen.

Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit steigen. Spüren Sie das auf der Schuldenberatung?

Barbara Zobrist: Jetzt schon. Wir haben dieses Jahr bisher rund einen Drittel mehr Neuanmeldungen.

Das heisst: Vorher noch nicht?

Wir haben bereits vergangenes Jahr einen Anstieg erwartet. Dann war es aber gerade im ersten Lockdown sehr ruhig. Ende Jahr gab es mehr Neuanmeldungen. Wir hatten aber vor allem bei all unseren bestehenden Klientinnen sehr viel Arbeit. Eine Schuldenberatung dauert im Schnitt drei bis vier Jahre. Für viele in diesem Prozess mussten wir die Budgets neu berechnen und mit den Gläubigern neu verhandeln.

Wieso gerade jetzt die Zunahme bei den Neuanmeldungen?

Genau weiss ich das nicht. Kurzarbeit und die Erwerbslosenquote sind durch die Pandemie stark angestiegen. Viel mehr Personen und Familien haben finanzielle Probleme. Möglicherweise melden sich die Leute auch zu einem früheren Zeitpunkt der Verschuldung bei uns.

Das heisst?

Im Durchschnitt sind unsere Klienten schon fünf bis zehn Jahre beim Betreibungsamt, bevor sie zu uns kommen. Irgendwann verselbstständigt sich das Ganze und man kommt aus der Schuldenfalle nicht mehr raus. Je früher man den Mut fasst und sich mit der Verschuldung auseinandersetzt, desto einfacher ist die Lösung.

Wer ist im Moment besonders betroffen?

Geringverdiener, die schon vorher in prekären Situationen waren. Die sich bisher gerade so durchjongliert haben. Haben sie jetzt plötzlich nur noch 80 Prozent Lohn, trifft es sie besonders hart. Oder Menschen, die befristete Stellen verloren haben. Und auch Selbstständigerwerbende.

Was können Sie tun, um zu helfen?

Wir arbeiten auf zwei Schienen: in der Prävention und in der Beratung. Zu einem grossen Teil versuchen wir zu verhindern, dass sich die Leute überhaupt erst verschulden. Wir gehen in Schulklassen und Betriebe, führen Elternabende durch. Auch Budgetberatungen bieten wir an.

Und in der Schuldenberatung?

98 Prozent unserer Klienten wollen Schulden zurückzahlen. Das ist ihnen ein grosses Anliegen. Wir schauen die Gesamtsituation an. Wir erstellen ein sehr detailliertes Budget, machen eine Schuldenliste, gewichten die Schulden: Welche sind dringlich? Alimente zum Beispiel, oder Miete. Und wir schauen die persönliche Situation an: Was sind die Ursachen für die Verschuldung? Wie ist die familiäre Situation? Welche Möglichkeiten gibt es, Schulden zurückzuzahlen? Gemeinsam erarbeiten wir die nächsten Schritte zur Lösung.

Zum Beispiel?

Ein gerichtlicher Nachlassvertrag. Oder eine aussergerichtliche Schuldenbereinigung. Es gibt diverse Möglichkeiten. Manchmal gibt es aber auch keine Lösung. Dann ist ein Leben mit Schulden Realität. In diesem Fällen stellen wir sicher, dass die Leute wissen, was für Rechte und Pflichten sie haben. Wir zeigen Perspektiven auf, um da hinaus zu kommen.

Können Sie die Beratungen trotz Pandemie durchführen?

Wir haben uns möglichst schnell angepasst. In der Prävention haben wir etwa Videos und Podcasts gemacht. Und die Beratungen versuchen wir möglichst telefonisch oder per E-Mail durchzuführen. Wir haben aber festgestellt, dass das für viele Menschen schwierig ist. Sie sagten: Sie könnten am Telefon nicht über Geld sprechen. Sie bräuchten die persönliche Beratung.

Wie geht es jemandem, der sich bisher durchjonglierte und nun durch höhere Gewalt, durch eine Pandemie, in so eine Situation gerät?

Das sind unglaublich anstrengende Situationen für die Leute. Schulden, das ist gut erforscht, haben Auswirkungen auf die Gesundheit und umgekehrt. Mir kommt eine Köchin in den Sinn. Alleinstehend, um die 50. Ihre Arbeit ist hart. Mit zunehmendem Alter hat sie Mühe, die körperliche Anstrengung zu bewältigen. Sie hat ihr Pensum auf 80 Prozent reduziert, und jetzt kommen wegen Kurzarbeit noch finanzielle Sorgen dazu. Der Anruf bei uns fiel ihr schwer. Allgemein beobachten wir, dass die Leute alles tun, damit niemand etwas über ihre Verschuldung erfährt. Denn Schulden sind ein Tabuthema.

Immer noch?

Ganz stark. Schulden sind mit grosser Scham belastet. Darum dauert es so lange, bis sich jemand bei uns meldet. Wir möchten den Leuten Mut machen. Denn umso früher man sich meldet, desto einfacher ist es, aus der Schuldenfalle auch wieder rauszukommen. Was wir auch festgestellt haben: Psychologen und Psychiater haben die Finanzen vermehrt auf dem Radar. Sie rufen öfters bei uns an und vernetzen ihre Klienten mit uns.

Glauben Sie, dass sich das Tabuthema Schulden in der Coronakrise auflockert, weil so viele Menschen betroffen sind?

Das wäre mein Wunsch. Es wäre so viel einfacher, wenn sich die Leute früher bei der Schuldenberatung melden oder zur Budgetberatung gehen würden. Aber: Die Leute gehen da nicht gerne hin. Eine Budgetberatung ist wie eine Zahnreinigung. Man muss sich überwinden, hinzugehen. Es ist unangenehm. Aber wenn es gemacht ist, fühlt es sich gut an. Ein Budget zu erstellen ist allerdings nur das eine. Das andere ist die Umsetzung.

Woran hapert's? Ist es die Selbstdisziplin?

Ach, das mit der Selbstdisziplin. Wenn das alles wäre, würden wir nicht rauchen und wären sportlich. Nein. Ich glaube, das greift zu kurz.

Was ist es dann?

Scheidung, Arbeitslosigkeit, Krankheit. Und neue Lebensabschnitte, etwa Kinder. Das sind die Hauptschuldentreiber. Und da zählt Corona auch dazu. Man überschuldet sich nicht, weil man zu viel konsumiert und sein Budget nicht anpasst. Das kann es auch geben. Aber in den meisten Fällen sind es Faktoren von aussen. Und das seit Jahren.

Wie fängt es an?

Studien besagen, dass über 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung verschuldet sind. Das ist oftmals eine unproblematische Form von Verschuldung. Man schmeisst unbezahlte Rechnungen in eine Kiste und schaut sie einmal im Monat an. Man verschuldet sich relativ schnell, und ebenso schnell ist es auch wieder in Ordnung. Doch wer es nicht im Griff hat, oder wer keine Rückstellungen und auch keinen Spielraum hat, den trifft es jetzt besonders hart. Dann gerät man von einer unproblematischen Verschuldungssituation in einer Schuldenspirale, aus der man von allein nicht mehr rauskommt.

Ein Beispiel?

Ein junges Paar, frisch verheiratet und zusammengezogen. Um die Wohnung einzurichten, haben sie einen Kredit aufgenommen. Die Raten konnten sie bezahlen. Er ist jetzt in Kurzarbeit, sie hat ihre Arbeit verloren und kein Einkommen mehr. Ihnen fehlen 500 Franken im Monat.

Der Kredit war das Problem?

Ich habe das Gefühl, Kreditunternehmen wittern im Moment ihre grosse Chance. Denn die Leute sind verzweifelt und greifen nach jedem Strohhalm. Nur stellt sich der als zusätzliche Schuldenfalle heraus.

Sie raten von Krediten ab?

Für den Moment schaffen sie Erleichterung. Aber längerfristig sind sie eine teure Lösung, die das Portemonnaie zusätzlich belasten.

Nehmen viele Ihrer Klienten Kredite auf, bevor sie zu Ihnen kommen?

Ja.

Was tun Sie dann?

Wir können nur raten, so frühzeitig wie möglich zu uns zu kommen. Noch bevor man Kredite aufnimmt. Doch wenn es passiert ist, schauen wir, dass wir bei den Gläubigern vernünftige Ratenzahlungen vereinbaren können. Was wir merken: Bevor die Leute zu uns kommen, haben sie schon diverse Ratenzahlungen abgemacht. Das ist auf der einen Seite gut. Wir haben nun aber viele Klienten, die so viele Ratenzahlungen haben, dass sie unter dem Existenzminimum leben. Das ist gerade für Menschen mit Kindern besonders hart. Sie wären mit einem Leben am betreibungsrechtlichen Existenzminimum fast besser dran als mit all den Ratenzahlungen. Da bleibt kaum noch etwas zum Essen.

Und so haben sie keinen Anspruch auf Sozialhilfe?

Nein. Denn das Einkommen ist da. Gegen aussen haben sie ein normales Leben. Aber natürlich ist es gar nicht so. Ich bin beeindruckt, wie unglaublich sparsam die Leute zum Teil leben.

Wie kann so etwas passieren?

Dass sie einen Kredit aufnehmen? Weil oftmals prekäre finanzielle Verhältnisse nicht zulassen, dass die Menschen für Steuern und unvorhergesehenes Geld auf die Seite legen. Der Leidensdruck dieser Leute ist enorm. Häufig leiden sie unter Schlafstörungen, Herzproblemen oder Rückenschmerzen. In anderen Ländern werden die Krankenkasse und die Steuern vom Lohn abgezogen. Bei uns leider nicht. Das wäre aber eine Lösung.

Gibt es auch Menschen, die sich aufgrund der Coronakrise nicht verschulden, weil sie weniger Ausgaben haben? Keine Ferien, zum Beispiel?

Ja, auch das haben wir erlebt. Aber das sind eher Leute, die in stabilen Verhältnissen leben und nun Geld auf die Seite legen konnten. Was wir festgestellt haben: Viele Gläubiger waren bereit, ihre Forderungen zu stunden, Ratenzahlungen aufzuschieben oder längere Zahlungsfristen zu gewähren. Auch viele Stiftungen zeigten sich grosszügig. So bekamen unsere Klienten in begründeten Fällen zusätzliche finanzielle Unterstützung.

Kann Ihre Beratungsstelle den Mehraufwand eigentlich stemmen?

Weil wir wegen des derzeitigen Shutdowns weniger Veranstaltungen in der Prävention durchführen können, haben wir die Kapazität, die Beratungen durchzuführen. Wenn es längerfristig so weiter geht, benötigen wir aber mehr Ressourcen.

Stünden mehr Mittel bereit?

Wir hoffen natürlich und setzen uns dafür ein, dass bei Mehraufwand auch innert nützlicher Frist mehr Mittel bereitgestellt werden. Denn jeder in die Schuldenberatung investierte Franken kommt zwei- bis dreifach Retour.

Beratung gewünscht?

Barbara Zobrist leitet die Budget- und Schuldenberatung Aargau–Solothurn seit gut zehn Jahren. Die Leistungen der Budget- und Sozialberatungen sind kostenlos, freiwillige Spenden erwünscht. Die Leistungen der Budget- und Sozialberatung ergänzen die Aufgaben der öffentlichen Hand und der Sozialversicherungen. Die Beraterinnen sind ausgebildete Fachpersonen und unterstehen der Schweigepflicht.

Beratungs-Hotline 0800 708 708 (gratis) Mo bis Do 10 bis 12 Uhr. Anmeldung für Beratungsgespräch und weitere Infos finden Sie auf: schulden-ag-so.ch

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