Hausärzte-Präsident: «Das Ausland subventioniert die Hälfte unserer Ärzte»

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Philippe Luchsinger, Präsident von Haus- und Kinderärzte Schweiz, während einer Medienkonferenz in Bern. Keystone

Herr Luchsinger, ist der Arztberuf so unattraktiv, oder woran liegt es, dass die Schweiz zu wenig Ärzte hat?

Der Arztberuf ist sehr attraktiv, das zeigen nur schon die Anmeldungen zum Numerus Clausus – wir haben dort drei Mal so viele Anmeldungen wie Studienplätze. Das ist auch das Problem: Wir haben zu wenige Ausbildungsplätze.

Woran liegt das?

Jede Universität definiert selbst, wie viele Studenten sie für ein Medizinstudium aufnimmt. In Zürich sind es zum Beispiel 330 Plätze.

Wieso erhöhen die Universitäten dann nicht die Zahl der Studienplätze? Der Ärztemangel ist ja schon seit längerem ein Thema.

Weil das eine Kostenfrage ist. Jeder Studienplatz in der Medizin ist teuer. Es braucht Laborplätze und eine ganze Reihe von verschiedenen spezialisierten Lehrpersonen, von den naturwissenschaftlichen bis hin zu den klinischen Fächern.

Was muss also passieren, damit die Universitäten sich mehr Studienplätze für Medizin leisten können?

Die Kantone müssen mehr Gelder sprechen.

Warum tun sie das nicht? Die Mittel wären doch vorhanden.

Lange Zeit ging das gut, bis man realisiert hat, wie viele Ausländer in der Schweiz Ärzte sind. Die Hälfte der neuen Facharzttitel wird zurzeit an Personen vergeben, die gar nicht in der Schweiz studiert haben. Das heisst: Das Ausland subventioniert die Hälfte unserer Ärzte. Übrigens haben nicht nur Hausärzte einen Mangel. Psychiatrische Kliniken, zum Beispiel, könnten ohne ausländische Ärzte gar nicht mehr bestehen.

Das ist also ein Vorteil für die Fakultäten und Kantone: Das Ausland bezahlt die Ausbildung, aber praktizieren tun die Ärzte hier.

Genau. Aber unanständig ist es trotzdem, wir sind ja kein armes Land. Wir könnten es uns leisten, alle unsere Ärztinnen und Ärzte selbst auszubilden.

Gibt es denn qualitative Unterschiede in der Ausbildung?

Unterschiede gibt es immer. Aber wir haben bilaterale Abkommen, wonach alle Ausbildungen in EU-Staaten äquivalent sind. Es gibt also einerseits viele Ausländer, die in die Schweiz kommen, anderseits auch viele Schweizer, die im Ausland studieren und danach wieder zurückkehren. Es gibt auch Universitäten, zum Beispiel in Polen, wo fast ausschliesslich Ausländer studieren, auch Schweizer. Dort ist das ein Geschäft.

Spielt der Numerus Clausus eine Rolle?

Der Numerus Clausus wurde Ende 1970er entwickelt, als die geburtenstarken Jahrgänge ins Studium kamen; damals hatte man Angst, die Schweiz würde zu viele Ärzte ausbilden. Das ist eine Weile her, trotzdem hat man dieses Konstrukt nie angepasst.

Warum nicht?

Vor einigen Jahren gab es eine Vernehmlassung. Wir haben uns dafür stark gemacht, dass der Numerus Clausus mit einem Interview ergänzt wird, um auch die menschlichen Kompetenzen prüfen zu können. Wenn wir schon die Studienplätze beschränken, sollten wir auch ein Selektionsverfahren haben, das wirklich geeignete Kandidaten auswählt. Das Problem war: Die Firma, die den Numerus Clausus durchführt, hat stark und erfolgreich lobbyiert.

Hat die Pandemie ein Schlaglicht auf den hiesigen Ärztemangel geworfen?

Nein, dieses Thema ist älter als die Pandemie. Wir Hausärzte weisen seit 20 Jahren auf dieses Problem hin. Bei den Studienplätzen hat der Bund vor zwei Jahren ein Programm auf die Beine gestellt, aber es reichte leider nirgends hin.

Wie viele Ärzte bräuchten wir in der Schweiz zusätzlich?

Bei den Haus- und Kinderärzten bräuchten wir in den nächsten Jahren zwischen 3000 und 4000 zusätzliche Personen. Aber in allen medizinischen Sparten gibt es einen Mangel. Wir haben viel zu wenige Psychiater, zu wenige operierende Chirurgen und Gynäkologen. Nur schon um «autochthon» zu werden, bräuchten wir 13'000 «Neue».

Welche Auswirkungen hat das für die Bevölkerung?

Die ärztliche Versorgung ist nicht sichergestellt. Ein Beispiel: Wir lebten lange gut damit, dass deutsche Kollegen in die Schweiz kamen und in unseren Spitälern und Praxen arbeiteten. Als Berlin das merkte, ergriffen sie Massnahmen, verbesserten die Situation in Deutschland; viele gingen wieder zurück, das haben wir gemerkt.

Woher kommen die Ärzte jetzt?

Aus Österreich, Italien, Frankreich, immer noch auch Deutschland. Am meisten zugenommen in den letzten zwei bis drei Jahren hat der Anteil der Ärzte aus Griechenland.

*Dr. med. Philippe Luchsinger ist Präsident des Verbands Haus- und Kinderärzte Schweiz (mfe).

Ärztemangel in der Schweiz

Nationalrat berät die Motion «Die Schweiz muss mehr Ärztinnen und Ärzte ausbilden»

Der Ärztemangel wird schweizweit rasant steigen. Damit rechnet der Schweizer Verband der Haus- und Kinderärzte. Von allen in der Schweiz vergebenen Facharzttitel gingen letztes Jahr rund 44 Prozent an Personen mit einem ausländischen Arztdiplom, wie den Daten des Instituts für medizinische Weiter- und Fortbildung (SIWF) zu entnehmen ist. Im Jahr 2003 waren es erst 16 Prozent. Hinzu kommen Personen, die bereits einen Facharzttitel aus dem Ausland mitbringen, der hierzulande vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) anerkannt wird. Nun soll der Bundesrat aufzeigen, wie in der Schweiz mehr Ärzte ausgebildet werden könnten. Er hat mit 20 zu 18 Stimmen eine Motion von der Ständerätin Marina Carobbio Guscetti (SP/TI) mit dieser Forderung angenommen. Carobbio Guscetti verlangt unter anderem eine Überprüfung der Aufnahmebedingungen oder ein grösseres Weiterbildungsangebot. Bildungsminister Guy Parmelin hatte sich gegen die Motion ausgesprochen. Der Vorstoss geht heute Donnerstag an den Nationalrat.

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