Abtretender Amag-Chef: «Autoverkäufer werden in einigen Jahren einen anderen Job haben als heute»

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Morten Hannesbo fährt im Oldtimer vor. Bild: Boris Bürgisser (25. Februar 2021)

Zu seinem letzten Interview als Amag-Chef fährt Morten Hannesbo an diesem frühlingshaften Donnerstag Ende Februar in seinem Freizeitauto beim neuen Amag-Hauptsitz in Cham vor. Es ist nicht der VW ID.3, das neue Elektro-Flaggschiff aus Wolfsburg, auch nicht der Audi E-Tron, mit dem der 58-Jährige normalerweise unterwegs ist. Um nicht eines der aktuellen Amag-Modelle bevorzugen zu müssen, hat er sich zu seinem Abschied für einen Porsche-Oldtimer entschieden, einen 911 T Jahrgang 1970 mit einem Sechszylindermotor und 125 PS. 500 Kilometer ist er damit letztes Jahr gefahren, verrät er. Dieses Jahr könnten es ein paar mehr werden.

Sie haben Ende Februar nach zwölf Jahren als Amag-CEO aufgehört. Ist es dafür mit 58 nicht noch ein bisschen zu früh?

Morten Hannesbo: Ich kann problemlos noch zehn Jahre weiter arbeiten, aber nicht mehr in dieser Position. CEO zu sein, ist fantastisch und hat sicher den einen oder anderen Vorteil, aber der Druck, den man sieben Tage die Woche hat, ist sehr gross. Ich erinnere mich noch an meine schwierigste Zeit, die Dieselkrise 2015/16, da hatte ich einen 16-Stunden-Tag nach dem anderen. Um eine solche Herausforderung zu meistern, muss man sehr fit sein. Deshalb habe ich mich schon vor zweieinhalb Jahren entschieden, es mit 58 etwas ruhiger angehen zu lassen. Ich werde mir jetzt erst eine kleine Auszeit nehmen und mich dann nach geeigneten Verwaltungsratsmandaten umsehen.

Derzeit hat eine andere Krise, die Coronakrise, auch die Automobilindustrie fest im Griff. Auch im Februar noch waren die Autoverkäufe in der Schweiz stark rückläufig. Wie geht es der Amag?

Nach dem grossen Schock zum Anfang der Krise hat unser Geschäft seit letztem Sommer eigentlich wieder gut angezogen. Auf tieferem Niveau natürlich, denn dass sich derzeit rund 2 Millionen Schweizer im Homeoffice befinden und gesamthaft 20 Prozent weniger Kilometer gefahren werden, wirkt sich logischerweise auf den Entscheid aus, einen Neuwagen zu kaufen. Insgesamt sind wir aber vernünftig durch die Krise gekommen, und der Automarkt wird sich auch wieder erholen. Merken werden es aber die Werkstätten in den nächsten Jahren, denn die rund 60'000 Fahrzeuge, die 2020 in der Schweiz weniger verkauft wurden, werden dort fehlen – beim Reifen- oder Ölwechsel.

 

Die Verkäufe von Autos mit Alternativantrieb schossen dafür letztes Jahr um 63 Prozent in die Höhe. 14,3 Prozent aller neu zugelassenen Autos waren Elektrofahrzeuge oder Plug-In-Hybride. War das der Durchbruch?

Ja, denn seit letztem Jahr ist auch das entsprechende Angebot an Elektrofahrzeugen da. Und es gibt jetzt eigentlich nichts mehr, was gegen ihren Kauf spricht, sie sind bezahlbar, sie sind angenehm zu fahren und der Unterhalt ist günstiger. Jetzt muss nur noch die Ladeinfrastruktur besser werden.

Müsste es mehr öffentliche Ladesäulen geben?

Nein, daran hapert es weniger. Denn die meisten Strecken kann man gut mit einer Ladung fahren, es braucht mehr Lademöglichkeiten zuhause. Es sollte ein Recht für jeden Mieter sein, in seiner Garage sein Elektroauto laden zu können, so dass jeder am Abend ankommen und sein Auto bis am nächsten Morgen wieder aufladen kann, dafür gibt es aber noch viel zu wenig Ladesäulen in den Siedlungen.

Trotz dem Boom bei den Alternativantrieben hat aber die Amag auch 2020 die CO2-Grenzwerte bei den verkauften Autos verfehlt.

Weil durch die Coronapandemie die Versorgungsketten teilweise unterbrochen waren und wir gar nicht an die entsprechenden Autos kamen. Diesen Umstand haben wir die zuständige Bundesrätin Simonetta Sommaruga gebeten einzubeziehen, sie hatte aber leider kein offenes Ohr für uns.

Deshalb muss die Amag erneut eine Busse bezahlen.

Genau, vermutlich ein tiefer dreistelliger Millionenbetrag.

Werden Sie die Grenzwerte dieses Jahr erreichen?

Kaum, aber der Elektro-Boom hält 2021, wie erste Zahlen bestätigen, an, und für 2022 wird ein Erreichen der Grenzwerte deshalb durchaus möglich sein.

Der Tesla war letztes Jahr in der Schweiz das am zweitmeisten verkaufte Auto. Hat Ihr Partner Volkswagen da überhaupt noch eine Chance aufzuholen?

Die Umstellung bei VW geht schnell, könnte jedoch noch schneller gehen. Aber bei einem Grosskonzern geht es nun mal etwas langsamer, auch weil Volkswagen eine Doppelstrategie fährt und weiterhin auch alle Autos als Verbrenner anbietet. Ich bin sicher, dass VW, was die Marktanteile bei den Elektroautos betrifft, in fünf Jahren dank der jetzigen Strategie sehr gut dastehen wird.

Waren die neuen Antriebsarten die grösste Innovation in der Branche während Ihrer Zeit als Amag-CEO?

Es ist die grösste Innovation in der Branche seit vielen Jahrzehnten, davor wurde der Motor oder die Ausstattung des Autos vielleicht besser, Autos bekamen ein Automatik- statt ein Schaltgetriebe, die Fahreigenschaften verbesserten sich, aber bis vor 14 Jahren war der CO2-Ausstoss in den Verkaufsgesprächen kein Thema. Nun ist er allgegenwärtig. Was jetzt als nächstes eine komplette Erneuerung benötigt, ist das Vertriebssystem.

Wie meinen Sie das?

Nahezu alles kann ich inzwischen komplett online kaufen, bis auf ein Auto, da gibt es immer noch diverse Hindernisse. Ich muss den Vertrag unterschreiben, brauche eine Versicherung, das Nummernschild muss besorgt werden, vielleicht habe ich noch ein Eintauschfahrzeug oder will das Auto leasen, was mit zusätzlichem Papierkram verbunden ist. Die Amag bietet auch Autoabos an, die immer beliebter werden, und beim Autoabo habe ich all diese Probleme nicht. Ich wähle ein Auto, gebe meine Kreditkarte an und fertig, der ganze Rest ist schon dabei. So sollte es auch beim Autokauf gehen.

Wie wäre das möglich?

Mit unserem eigenen Online-Verkaufsportal, das im März letzten Jahres gestartet hat, sammeln wir derzeit nun wertvolle Erfahrungen. Aber mit der Blockchaintechnologie könnte beispielsweise die ganze Geschichte eines Fahrzeugs dokumentiert werden, mit einer E-ID könnte ich Versicherung, Finanzierung und die Nummernschilder komplett online organisieren. Derzeit ist das weltweite Vertriebssystem von Autos einfach noch sehr ineffizient, die Showrooms, die Verkäufer, all der Papierkram, der beim Verkauf anfällt, ohne das könnte viel Geld gespart werden und gehört doch eigentlich schon längst der Vergangenheit an.

Aber heisst das, dass sich die Autoverkäufer der Amag in einigen Jahren einen neuen Job suchen müssen?

Nein, aber sie werden einen anderen Job als heute haben. Denn das Erklärungsbedürfnis des Kunden bleibt ja, entsprechend braucht es auch digital eine gute Beratung.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger Helmut Ruhl mit auf den Weg?

Da gibt es wenig, denn Helmut Ruhl ist schon seit dreieinhalb Jahren dabei und kennt die Stärken und Schwächen des Unternehmens, das ist ein grosser Vorteil. Wenn ein CEO abrupt wechselt, macht dies die Firma teilweise kaputt und bremst sie. Das ist bei Helmut nicht der Fall, vom ersten Tag an wird er mit 120 Kilometer pro Stunde weiterfahren.

Über Nissan in Dänemark zur Amag

Morten Hannesbo war seit 2007 für die Amag tätig. Erst als Importchef, ab 2009 als CEO. Zuvor war er unter anderem Managing Director bei Nissan in seiner Heimat Dänemark. Während Hannesbos Zeit als CEO konnte die Amag ihren Marktanteil von 22 Prozent auf heute rund 30 Prozent steigern. Der Umsatz stieg von 3,5 auf vor der Coronakrise 4,7 Miliarden (2020:  4 Milliarden Franken). Hannesbo ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in Zug, er ist ein begeisterter Freizeitsportler.

Neuer Amag-CEO ist sei 1. März Helmut Ruhl, der bisherige Finanzchef des Konzerns. Die Amag vertreibt Fahrzeuge von Volkswagen Personenwagen und Nutzfahrzeuge, Audi, Seat bzw.: Cupra und Škoda und beschäftigt rund 6500 Mitarbeitende.

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