Kunstturner Oliver Hegi: «Ich kann ohne Bedauern zurücktreten»

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Ein nachdenklicher Oliver Hegi im Aargauer Turnzentrum in Niederlenz, wo er alleine trainierte. (Bild: Alex Wagner)

Eigentlich hatte sich Oliver Hegi das Ziel gesetzt, zum Abschluss seiner Karriere einen letzten Anlauf Richtung Olympische Spiele zu nehmen. Er trainierte auf eigene Faust im Aargauer Turnzentrum in Niederlenz. Gleichzeitig begann er im vergangenen Herbst sein Physik-Studium an der ETH in Zürich. Er wusste: Es ist ein extrem zeitintensiver und anspruchsvoller Spagat. Nun zog er vor wenigen Tagen überraschend einen vorzeitigen Schlussstrich unter seine erfolgreiche Laufbahn als Spitzensportler. Im Interview erklärt er, wie er zu diesem Entschluss gelangt ist.

Im vergangenen Juni sagten Sie in einem Interview mit dieser Zeitung, Ihr Ziel sei es, «einfach im Studium durchkommen und gleichzeitig im Sport versuchen, das Beste herauszuholen, um noch einmal an die Spitze zu kommen. Ich bin selber gespannt, wie dieses Experiment am Ende herauskommt.» Wie ist es gemäss Ihrer Einschätzung herausgekommen?
Oliver Hegi: Ich habe nicht das Gefühl, dass es fehlgeschlagen ist. Aber in den vergangenen paar Monaten haben sich meine Ziele verändert.

Inwiefern?
Ich glaube, es wäre unter normalen Bedingungen – ohne Corona – möglich gewesen, im Sport noch einiges zu erreichen. Aber auf der anderen Seite hätte dafür mein Studium darunter gelitten.

Sie wussten, dass die Doppelbelastung gross sein würde. Haben Sie das Ausmass unterschätzt?
Ich denke nicht. Ich habe erwartet, dass es sehr streng werden würde. Im ersten Semester hat auch alles geklappt. Aber ich habe während dieser Zeit nur an zwei Geräten trainiert. Jetzt hätte ich wieder auf sechs umstellen müssen. Und das war letztlich einer der springenden Punkte. Das zweite Semester ist noch einmal anspruchsvoller. Und gleichzeitig den Trainingsaufwand mindestens verdoppeln zu müssen, das wäre meiner Meinung nach nicht mehr machbar gewesen. Oder anders ausgedrückt: Ich hätte es wohl durchziehen können, aber eine der beiden Seiten hätte mit Sicherheit unter dieser Belastung gelitten. Und da ich nicht einer bin, der etwas nur halbbatzig macht, wurde für mich klar, dass sich der Aufwand eher nicht mehr lohnt.

Wollte der Perfektionist in Ihnen doch zu perfekt sein?
Genau. Im Studium kann ich durchaus damit leben, wenn ich an einer Prüfung mit einem Vierer durchkomme. Aber im Sport geht es für mich nicht auf, wenn ich nicht die Möglichkeit sehe, ganz vorne dabei zu sein. Dann konzentriere ich mich lieber auf eine Sache.

Sie haben im Turnzentrum Aargau in Niederlenz für sich alleine trainiert. War es schwierig, sich als Einzelkämpfer zu motivieren?
Von März bis Dezember des vergangenen Jahres hatte ich damit überhaupt keine Mühe. Ich habe meine Freiheit wirklich geschätzt. Als sich dann im neuen Jahr der Aufwand sowohl im Studium als auch im Training deutlich vergrösserte, wurde es schwierig, die Motivation aufrechtzuerhalten. Vor allem auch deshalb, weil sich die Pandemie-Situation nicht wirklich verbesserte. So haben sich über Wochen die Gedanken bei mir angesammelt. Ich kann gut alleine trainieren. Aber wenn es zu viele Punkte gibt, die nicht mehr stimmig sind, dann wird es schwieriger, sich selber zu motivieren.

In so einer Phase hätte also das Team geholfen?
Wenn mich in Magglingen etwas belastete und ich an etwas herumstudierte, dann half es mir schon, mit den anderen Turnern zusammen zu sein, Spass zu haben. Ich kam so schnell auf andere Gedanken. Wenn man aber jeden Tag alleine mit den eigenen Zweifeln konfrontiert wird und sich grundsätzliche Fragen stellt, dann ist es schwierig, die nötigen 100 Prozent Motivation zu finden, die nötig wären, um ganz vorne dabei zu sein.

Gibt es einen Augenblick, an dem Sie Ihren Rücktrittsentscheid festmachen können?
Nein, das war ein langer Prozess. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, merkte aber nach und nach selber, dass ich in meinen Gedanken schon nach einem Weg suche, meinen Rücktritt zu begründen. Es hatten sich über die Monate zu viele negative Faktoren angesammelt, entsprechend wuchsen auch meine Zweifel. Als ich eine klassische Pro- und Contraliste machte, sprachen extrem viel mehr Punkte gegen die Fortsetzung der Karriere. Irgendwann wusste ich, wie ich mich entscheiden muss, aber ich wollte es halt eine Zeit lang noch nicht wirklich wahrhaben.

Hatten Sie keine Leute in Ihrem Umfeld, die Sie von Ihrem Rücktritt abhalten wollten?
Doch, definitiv. Es gab viele Personen, die mich von den positiven Punkten überzeugen wollten. Aber überreden zum Weitermachen wollte mich niemand. Und da bin ich auch froh darum. Dazu wäre übrigens auch niemand in der Lage gewesen. Das ist einzig und allein meine Entscheidung.

Wie waren die Reaktionen auf Ihren Rücktritt?
Ich erlebte eigentlich von allen Seiten totales Verständnis. Natürlich oft verbunden mit Worten des Bedauerns.

Wie ist Ihre Gefühlslage?
Eigentlich ist sie sehr gut. Man muss sehen, dass das Kunstturnen selber riesige Belastungen mit sich bringt, die sich negativ auf einen auswirken können. Diese Belastung ist jetzt weg. Jetzt kann ich mich voll auf das Studium konzentrieren, welches mich extrem fordert. Deshalb habe ich auch wenig Zeit, überhaupt an der neuen Situation herumzustudieren.

Brauchte es viel Überwindung, den Olympia-Traum zu begraben?
Es ist sicher nicht so, dass mir das gar nichts ausmacht. Aber die Corona-Pandemie hat meine Wahrnehmung natürlich verändert – auf Olympia und den Sport im Allgemeinen. Vor einem Jahr dachte man, dass wir das Ganze nach ein paar Monaten überstanden haben werden. Aber auch jetzt sind wir nicht viel weiter. Durch all die Massnahmen haben sich natürlich auch die Olympischen Spiele selber verändert. Vermutlich dürfen nur wenige Zuschauer dabei sein, man darf als Sportler nur fünf Tage im Land bleiben. Die Fairness ist auch nicht gegeben, weil die Massnahmen in den Ländern unterschiedlich gehandhabt werden und es sicher solche mit massiven Trainingsvorteilen gibt. Wenn man sich das Ganze anschaut, dann ist sehr viel kontrovers.

Also geht der eigentliche Olympia-Zauber verloren?
Ja, Olympische Spiele sind für mich ein riesiger Event, bei welchem sich die besten Sportler aus der ganzen Welt treffen. Es geht neben den Wettkämpfen auch um das olympische Dorf, die Begegnungen, die Erlebnisse, die Vielfalt an Sportarten. Das alles ist unter den Umständen, wie sie den Anlass jetzt planen, ganz einfach nicht mehr vorhanden. Es ist mehr ein Durchzwängen um jeden Preis.

Blicken wir zurück auf Ihre erfolgreiche Karriere: Welches Ereignis ist Ihnen vor allem in Erinnerung geblieben?
Für mich waren Team-Wettkämpfe immer ein absolutes Highlight. Das habe ich genossen. Zum Beispiel die gemeinsame Zeit in Rio de Janeiro im Sommer 2016, aber natürlich auch der Team-Medaillengewinn in Bern im selben Jahr.

Weshalb nicht Ihr Europameistertitel am Reck in Glasgow 2018?
Das ist etwas anderes. An diesem Wettkampf war ich auf mich alleine gestellt. Beim Team-Wettkampf konnte man sich immer auf die gemeinsame Leistung konzentrieren und sich gegenseitig unterstützen. Was aber meine Einzel-Medaillen nicht abwerten soll.

Gibt es etwas, was Sie gerne noch erreicht hätten?
Das Erreichen des Team-Finals an den Olympischen Spielen in Rio wäre die Spitze gewesen. Oder natürlich eine WM-Medaille. Aber ich habe so viel investiert in meine Kunstturn-Karriere, dass ich zufrieden bin mit dem, was ich erreicht habe. Ich kann mit gutem Gewissen und ohne Bedauern zurücktreten.

Was nehmen Sie mit aus der Welt des Kunstturnens auf Ihren weiteren Lebensweg?
Ich nehme viele gute Eigenschaften mit. Auch wenn im Kunstturnen nicht immer alles positiv ist, aber ich konnte mir sicher viel Disziplin aneignen über all die Jahre. Zielstrebigkeit und Durchhaltewillen sind Eigenschaften, die man als Spitzensportler zwangsläufig erlernt. Und ganz wichtig: Die vielen schönen Erinnerungen an das, was ich erleben durfte. Das hat für mich den grössten Wert.

Wird man Sie im neuen Turnzentrum in Lenzburg als Trainer wiedersehen?
Idealerweise schon. Ob als Trainer oder vielleicht als Funktionär auf der Geschäftsstelle weiss ich noch nicht. Mal schauen, was sich mit dem Studium vereinbaren lässt. Aber ich würde dem Turnsport gerne in einer Form erhalten bleiben.

Oliver Hegi
Der 28-jährige Schofiser, der sowohl im Mehrkampf als auch als Gerätespezialist grosse Erfolge feiern konnte, war seit 2012 Mitglied des Schweizer Kunstturn-Nationalkaders. Während dieser Zeit vertrat Hegi die Schweiz an den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro sowie an je sechs Welt- und Europameisterschaften. Insgesamt gewann er vier EM-Medaillen. Seine Kunstturn-Karriere krönte Hegi im Jahr 2018 am Reck mit dem Gewinn des Europameistertitels in Glasgow, wo er auch die Bronzemedaille am Barren errang. Auf nationaler Ebene gewann er 14 Schweizer Meistertitel, vier im Mehrkampf und zehn an den Geräten Pauschenpferd, Barren und Reck. 2019 durfte sich Hegi den Turnfestsieger-Kranz am Eidgenössischen Turnfest in Aarau aufsetzen. Mit dem Team Aargau holte er sich zudem viermal den Schweizer Mannschaftstitel.

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