Risikoverhalten bei Corona: Schockbilder wirken nicht langfristig

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Trotz Erfahrung das Risiko unterschätzt: Beim Absturz der JU-52 am 4. August 2018 am Piz Segnas starben 20 Menschen. Kantonspolizie Graubünden

Unser Leben ist eine tägliche Risikoabwägung. Laufe ich nach Mitternacht noch alleine durch die Stadt? Trage ich einen Helm beim Velofahren? Andere machen das Risiko zu ihrem Hobby: Gleitschirm- oder Deltaflieger, Kletterer sowieso. Bei anderen gehört das Risiko zum Beruf. Piloten zum Beispiel, die, trotz der laufend gemehrten Erfahrung, nicht unvorsichtig werden dürfen. Da helfen Checklisten, mit denen rituell alle Risikofaktoren, unabhängig von deren Wahrscheinlichkeit, abgefragt werden.

Doch das Verhältnis zum Risiko kann sich auch bei Profis verändern. Der largere Umgang mit Sicherheitsabständen hat zum Absturz der JU-52 geführt, wie die Unfalluntersuchungen gezeigt haben. Das Risiko haben die erfahrenen Piloten mit tödlichen Folgen unterschätzt.

Vererbte Anlagen und Umweltfaktoren

Jeder Mensch schätzt das Risiko von Natur aus unterschiedlich ein. Ganz eindeutig ist nicht, inwieweit die Umwelt oder vererbte Faktoren unser Risikoverhalten beeinflussen. «Einige Studien deuten darauf hin, dass sich rund 20 Prozent der Variation des Risikoverhaltens durch genetische Unterschiede erklären lassen», sagt Christian Biener, Professor für Verhaltens- und Risikomanagement an der Universität St.Gallen.

So wird auch das Risiko des Coronavirus von jedem Menschen unterschiedlich beurteilt. Und oft je nach Situation: Besuch von Bekannten im eigenen Haus? Da machen wir doch mal eine Ausnahme und gehen das kleine Risiko einer Ansteckung ein. So scheint es plausibel, dass fallende Fallzahlen die Menschen unvorsichtiger werden lassen. Die Corona-Massnahmen werden vor allem im privaten Umfeld nicht mehr so genau befolgt und die Zahlen gehen wieder nach oben.

Risikoeinschätzung ändert sich über die Zeit

«Die Risikoeinschätzung ändert einerseits über die Zeit – und es gibt auch grosse Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen», sagt der Verhaltensforscher Marc Höglinger von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Und die veränderte Wahrnehmung des eigenen Risikos bewirkt laut Biener Veränderungen im Risikoverhalten. Dies lasse sich in einer freiheitlichen Gesellschaft mit offenem Zugang zu Informationen nicht verhindern. Und mit dem Mehr an Informationen reduziere sich mit der Zeit der Grad der Unsicherheit über das Risiko. Biener sagt:

«Das heisst, die Menschen haben eine genauere Vorstellung davon, wie gross ihr persönliches Ansteckungs- und Erkrankungsrisiko ist. Dies kann zu einer höheren Risikobereitschaft führen.»

DIe Gefahr bleibt trotz allem abstrakt

Das unterschiedliche Risikoverhalten hat also teilweise objektive Gründe für eine Einzelperson. «Heute wissen wir besser, für wen das Virus wie gefährlich ist, und es gibt zunehmend mehr Leute, die nun geimpft oder aufgrund einer Krankheit vermutlich immun sind», sagt Höglinger. «Auf der anderen Seite tauchen aber neue Risiken auf: Virusmutationen oder Long Covid.» So bleibt für die meisten Menschen die Gefahr einer Pandemie ab­strakt, denn bei einem Risiko, das erst in der Masse seine ganze Gefahr entwickelt, kommt man mit persönlicher Erfahrung nicht weit.

Weil das persönliche Risiko wenig fassbar ist, sind die Schutzmassnahmen schwierig zu verkaufen, wenn die Fallzahlen zurückgehen. Auch der Leiter der Tasforce, Martin Ackermann, sagte kürzlich in einem Interview im ETH-Magazin: Die Krux sei, dass wir schlecht mit exponentiellen Prozessen umgehen könnten. Wenn die Fallzahlen exponentiell anstiegen, nützten lineare Massnahmen zu wenig. «Aber das will man zu Beginn einer solchen Entwicklung eben nicht wahrhaben.»

Deshalb kommt die persönliche Verhaltensänderung stets zu spät, erst wenn die Ansteckungen wieder im privaten Umfeld zu sehen sind. Und dann lässt sich die Pandemie nur noch schwer eindämmen. Das führt zur wellenartigen Risikobereitschaft und im schlechten Fall zur nächsten Welle.

Die Schockeffekte nützten sich ab

Wie ist die Bevölkerung also dazu zu bringen, sich nicht einem zu grossen Risiko auszusetzen? Bekannt ist die Wirkung der schockierenden Bilder aus Bergamo mit den vielen Särgen von Corona-Toten. Wenn Menschen wie im Falle der Pandemie sich keine objektiven Wahrscheinlichkeiten einer Gefahr vorstellen können, greifen sie nach Biener gerne auf die Erinnerung zurück. Und die ist stark von Bildern geprägt. «Schockbilder können das Verhalten beeinflussen.» Aber nur kurzfristig. «Je mehr wir uns an diese Bilder gewöhnen, desto stärker erwarten wir diese zu sehen und desto weniger hat es einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Daher ist zu erwarten, dass der Effekt im Verlauf der Pandemie abnimmt», sagt der Professor für Risikomanagement.

Schweizer Behörden sind nicht in Alarmismus verfallen

Auch Höglinger hält stetige Warnungen und Schockbilder nicht für zielführend. «Es bleibt dem Staat nichts anderes übrig, als fundiert auf die möglichen Folgen für die Einzelnen und für die Gesellschaft als Ganzes hinzuweisen. Ängste zu bewirtschaften, ist wohl wenig hilfreich», sagt der Verhaltensforscher. Aber das hätten die Behörden in der Schweiz auch kaum gemacht.

Das Risikoverhalten steigt mit der Coronamüdigkeit an. «Der Drang, in das vormals Normale zurückzukehren, ist gross und ist sicher auch grösser geworden», sagt Biener. Aber grundmenschliche Züge wie soziales Verhalten gegenüber Mitmenschen und eine gewisse Abneigung gegenüber dem Risiko sind immer da. Biener hält es für hilfreich, daran zu appellieren, dass das eigene Verhalten einen Einfluss auf das Ansteckungsrisiko anderer Menschen hat. Diese Art von Kommunikation wecke die menschliche Neigung zu Selbstlosigkeit und Fairness und fördere die Bereitschaft, negative Effekte seines Verhaltens auf die Mitmenschen in die Entscheidung zum Risikoverhalten mit einzubeziehen.

Auch der Bundesrat geht mit seinen Massnahmen ein Risiko ein und muss eine Risikoabwägung machen. Weil das Risiko für eine Covid-19 Erkrankung mit einer zunehmenden Durchimpfung abnimmt, wird es nach Christian Biener einen Punkt geben, an dem die negativen Konsequenzen der Massnahmen deren positiven Folgen überwiegen werden. Wann sei schwer zu sagen.

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