Über 50 und den Job verloren: Wie eine Aargauerin und ein Aargauer damit umgehen

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40 Jahre Erfahrung hat Daniel Grob in der IT. Seit bald einem Jahr bewirbt er sich erfolglos. (Bild: Britta Gut)
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Bei Bewerbungen brauchte Urs Schmid Monika Lewis gar nicht zu helfen. Es reichte, dass er ihr wieder Mut machte. (Bild: Britta Gut)

Unfreiwillig die Stelle zu verlieren, ist immer unschön. Doch wer über 50 ist und plötzlich keinen Job mehr hat, für den ist es besonders bitter. 312 Tage waren die 50–64-jährigen Aargauerinnen und Aargauer durchschnittlich arbeitslos, bevor sie im Februar wieder eine Stelle fanden. Bei den 25–49-Jährigen waren es 243 Tage, bei den 15–24-Jährigen nur 163 Tage.

Zwar hat die Anzahl Arbeitslosen bei den Älteren durch die Pandemie nicht überproportional zugenommen. Im Februar waren 4368 50–64-Jährige arbeitslos; vor einem Jahr waren es 3008.

Doch das entspricht etwa der gesamten Zunahme der Arbeitslosigkeit: Insgesamt 15'272 Aargauerinnen und Aargauer waren im Februar arbeitslos, vor einem Jahr waren es 10'369.

Weil ältere Menschen so viel länger arbeitslos sind, hat das Amt für Wirtschaft und Arbeit das Problem auf dem Radar. Und zwar nicht erst seit Corona. Ausserdem gibt es verschiedene andere Angebote, die Ü50er helfen sollen, eine Stelle zu finden. Etwa das Projekt «Tandem 50 plus» der Freiwilligenorganisation Benevol Aargau. Trotzdem gelingt es nicht immer, für die Betroffenen eine Lösung zu finden. Wie geht es jemandem, der sein Leben lang gearbeitet hat und sich wegen seines Alters monatelang erfolglos bewirbt? Zwei Betroffene erzählen.

Mit 58 suchte Daniel Grob nochmals eine neue Herausforderung. Er kam in Kontakt mit einer jungen Firma, die gerade einen Leiter für verschiedene IT-Projekte suchte. Grob, der 40 Jahre lang in diesem Bereich gearbeitet hatte, dachte: «Das wäre doch was für mich.»

Bereits am ersten Tag kam es aber anders als geplant. Nebst der Verantwortung für ein Projekt wird ihm nach und nach die Verantwortung für sämtliche IT-Mitarbeiter übertragen. Er soll plötzlich für alle Anliegen zuständig sein. «Eigentlich nimmt man so etwas gerne an», sagt Grob. Er habe immer gerne Leute geführt. Doch nun fehlten ihm sowohl die Zeit als auch die Unterstützung.

«Ich war zu diesem Zeitpunkt überfordert.»

Nach 15 Monaten wird Grob ohne Vorwarnung gekündigt. «Das hat mich psychisch ziemlich belastet.» Er schlittert in eine mittelschwere Depression. Für die nächsten zwei Monate ist eine Klinik sein Zuhause. Seit August 2020 ist der mittlerweile 60-Jährige aus Seengen auf Stellensuche.

Projektleiter-IT: Das möchte Grob eigentlich bleiben. Und Stellen gibt es durchaus. Einige Bewerbungen pro Monat schickt er ab. Bisher jedoch erfolglos. Jedes Mal heisst es, er entspreche nicht dem Profil, das man sich vorgestellt habe. Und ab und zu wird auch offen gesagt: Wir haben uns einen jüngeren Mitarbeiter vorgestellt. «Das begreife ich irgendwie sogar», sagt Grob. In vier Jahren wird er pensioniert.

Aber so ganz begreift er es dann doch nicht.

«Ich könnte mit meiner Erfahrung vielen helfen.»

Ein Mix aus Alt und Jung würde einem Betrieb guttun, ist er überzeugt. Gerade jüngere Projektleiter seien oftmals sehr ambitioniert. Und was sie wollten, müsse auf Biegen und Brechen funktionieren. Manchmal zum Nachteil des Teams. «Es gibt andere Wege, miteinander umzugehen», sagt Grob. Und genau da könne er mit seiner Erfahrung helfen. Jüngeren beibringen, wie im Team Probleme gelöst werden könnten.

Ältere Arbeitnehmer kosten mehr. Das ist das Killerargument schlechthin, wieso Ü50er schwerer eine Stelle finden. Und genau dieses Argument will Grob nicht gelten lassen. Klar seien die Sozialleistungen höher, sagt er. «Aber ich brauche auch nicht mehr so viel Geld wie früher.» Seine Kinder sind draussen, die Jüngste ist im Sommer mit der Ausbildung fertig und verdient dann auch selbst Geld. «Man könnte mit dem Lohn durchaus etwas regeln.» Dass die Kosten eines Arbeitnehmers bis 65 einfach nur steigen würden, das müsse nicht sein.

Es ist allerdings nicht nur das Alter, das es Grob erschwert, eine Stelle zu finden. Er hat keinen Hochschulabschluss. Gelernt hat er Sportartikelverkäufer. 1981 wechselte er in die «IT» der Stadt Zürich. Damals war er noch Operator und seine Arbeit bestand darin, Magnetbänder einzulesen oder Steuerrechnungen auszudrucken. Weitergebildet hat er sich dann immer bei den jeweiligen Computerherstellern. Er lernte Programmieren, den Umgang mit verschiedenen Betriebssystemen, sogar eine betriebswirtschaftliche Kaderschule besuchte er.

Zwar habe er schon Bestätigungen, dass er diese Kurse besucht hat. Die hätten heute aber nicht denselben Stellenwert wie ein Hochschulabschluss oder Zertifikate. Müssen Bewerber aussortiert werden, hat Grob keine Chance.

«Dabei sagen Hochschulabschlüsse nichts darüber aus, wie jemand seinen Job macht. Man kann sich noch so in den Job reinknien und Leistung bringen. Das zählt einfach nicht mehr.»

Um acht steht Grob jeweils auf. Er macht knapp eine halbe Stunde Übungen – Yoga hat er in der Klinik gelernt –, dann studiert er ein paar Stunden Jobportale und schreibt je nachdem Bewerbungen. Am Nachmittag gönnt er sich dann etwas. Bei schönem Wetter einen Spaziergang am Hallwilersee. Bei Wind und Regen einen Krimi der Innerschweizer Schriftstellerin Silvia Götschi.

In der Klinik hat Grob gelernt, wie wichtig Tagesstrukturen sind. Allerdings sieht er nur noch seine Partnerin – die beiden leben nicht zusammen –regelmässig. «Ich kann keine Leute treffen – die sind ja alle am Arbeiten.» Und dann ist da auch noch Corona. Wie geht es ihm dabei? Es sei ein ständiges Auf und Ab. Auch wenn er nicht klagen möchte. Aber die fehlenden sozialen Kontakte, die würden ihm schon zu schaffen machen.

Sein Alter, das fehlende Diplom, die Pandemie: Grob hat genau analysiert, wieso es mit einem neuen Job nicht klappen will. Vielleicht, weil ihm das Wissen ein wenig hilft, mit der Situation umzugehen. Am Selbstbewusstsein kratzt es dennoch. «Jedes Mal, wenn eine Absage kommt, ist es wieder wie ein Schlag.» Noch bis im Sommer 2022 hat Grob Zeit, etwas zu finden. Sonst droht die Aussteuerung. Oder aber vom Ersparten leben bis zur Pensionierung. Grob sagt: «Es kann doch nicht sein, dass man 40 Jahre lang wie wahnsinnig geschuftet hat und dann keinen Job mehr bekommt.»

Irgendwann, vielleicht nach der hundertsten erfolglosen Bewerbung, rief Monika Lewis in einem Zürcher Unternehmen an, bevor sie sich dort um eine Stelle bewarb. Sie stellte sich vor und sagte: «Übrigens, ich bin über 50. Darf ich mich bewerben?»

Vielleicht war das nicht das beste Vorgehen, meint sie heute. «Aber nachdem ich mich monatelang ins Leere bewarb und genau wusste, dass es auch an meinem Alter lag, war ich an diesem Punkt angelangt.» Denn Monika Lewis verschickt keine Bewerbung zweimal. Jede war individuell an diejenige Firma angepasst, bei der sie sich bewarb. Etwa 120 verschiedene Bewerbungen kamen in den vergangenen zehn Monaten zusammen. Und in den allermeisten Fällen bekam sie nicht einmal eine Antwort.

«Wenn ich eine Absage bekam, war ich noch froh.»

 Eine Ausbildung hat die 53-jährige Gränicherin nie abgeschlossen. Das lag für die alleinerziehende Mutter damals nicht drin. Gearbeitet hat sie trotzdem. Ihr Leben lang. Insgesamt elf verschiedene Jobs hatte sie, meistens im Büro: Telefonempfang, Sekretariat, Disposition. Und abgesehen von einer Stelle – dort passte es menschlich gar nicht – kann sie für alle starke Arbeitszeugnisse vorweisen. Auch die vielen Wechsel machten ihr keine Probleme. Nie war sie länger als ein paar Wochen arbeitslos. «Bis mit 49 fand ich mit links einen neuen Job.»

Und jetzt, etwas mehr als drei Jahre später, ist Lewis seit vergangenem Juni auf Stellensuche. Wie kann das sein? Verschiedene Gründe dürften schuld sein, vermutet sie selbst. Zum einen Corona. Und die damit verbundenen rekordhohen Arbeitslosenzahlen. Dann die fehlenden Diplome. Und schliesslich ihr Alter.

Was auch immer am Ende ausschlaggebend war: Für Lewis bedeutete das, dass sie den ganzen Tag zu Hause rumsass. Zwar hatte sie schon auch zu tun: Stellen suchen, Bewerbungen schreiben, Italienisch lernen und an Webinaren teilnehmen. Doch darüber hinaus musste sie sich irgendwie beschäftigen. Lewis wurde zur leidenschaftlichen Bäckerin – sehr zur Freude der Nachbarn.

Aber mit jedem negativen Bescheid sank ihr Selbstwertgefühl.

«Ich kam mir vor wie ein Viertklass-Mensch.»

Und nach knapp einem Jahr war sie so tief «in diesem trüben Tümpel» versunken, dass sie nicht mehr von allein herausfand.

Anfang Januar konnte Lewis ihre Personalberaterin beim RAV überzeugen, sie beim Mentoring-Programm «Tandem 50 plus» anzumelden. Arbeitslose Personen über 50 (und neu auch über 40) können sich anmelden und bekommen vier Monate lang gratis einen Mentor an die Seite gestellt.

Monika Lewis bekam Urs Schmid. Der 67-Jährige arbeitete über 20 Jahre lang beim Aargauer Amt für Wirtschaft und Arbeit. Seit seiner Pensionierung engagiert er sich freiwillig als Mentor gegen Arbeitslosigkeit.

Die beiden treffen sich mehrfach und führen eine Art Standortanalyse durch. Welches berufliche Ziel hat Lewis? Wie geht es ihr? Wie gut kennt sie den Arbeitsmarkt? Für Schmid wird sofort klar: «Ich habe hier eine Powerfrau vor mir. Es gibt keinen Grund, dass sie nicht schnell wieder eine Stelle findet.»

Aber wieso hat es dann so lange nicht geklappt? Altersarbeitslosigkeit sei ein Fakt. Den möchte er nicht wegreden, sagt Schmid. Aber vielleicht ein wenig relativieren. Entscheidend sei nicht das Alter, sondern unsere Einstellung dazu. Zum einen von den Firmen. Zum anderen aber auch von den Stellensuchenden selbst. Häufig würden sich gerade ältere Arbeitslose selbst unter Wert verkaufen. Und damit die Vorurteile noch verstärken.

«Wenn sich jemand bei einer Bewerbung für sein Alter entschuldigt, ist das ein absolutes No-Go.»

Dann werde es eine selbsterfüllende Prophezeiung: Ältere Stellensuchende tragen häufig selbst dazu bei, wenn auch nicht absichtlich, dass sie keine neue Arbeit finden. Und genau das sei auch ein Problem bei Lewis gewesen.

Also schrieb Schmid eine Selbstvermarktung für sie. Er verwendete dafür aber nur, was sie ihm erzählt hatte und wie er sie erlebte. Da steht unter anderem drin: Lewis ist flexibel. Hat eine schnelle Auffassungsgabe. Ist belastbar. Hat 28 Jahre Erfahrung als kaufmännische Allrounderin in verschiedenen Betrieben. Kann fliessend Deutsch und Englisch. Und sogar ein wenig Italienisch und Spanisch. Lewis ist baff, als sie das liest: «Wenn du monatelang solche Selbstzweifel hast und dann kommt jemand und sagt, du bist eine Powerfrau … Dann schaust du überrascht aus der Wäsche.»

Sei es nun wegen des Programms, sei es auch ein wenig Zufall: Wenige Wochen später hat Lewis eine Stelle. Telefonempfang bei der Firma Zehnder, noch im selben Dorf. Temporär zwar. «Es stellt mich aber schon riesig auf, wenn ich nur aus dem Haus komme und mich nützlich machen kann. Denn ich will unbedingt arbeiten.»

 

 

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Durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit nach Altersgruppe (Quelle: Amt für Wirtschaft und Arbeit – Grafik: kca.)
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Entwicklung Arbeitslosenzahlen bei Menschen über 50 Jahren (in Tausend). (Quelle: Amt für Wirtschaft und Arbeit – Grafik: kca.)
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